21. Mai 2024

Management auf den Punkt gebracht!

Grenzen der Entscheidung

REZENSION: Michael Lewis – Aus der Welt. Grenzen der Entscheidung oder Eine Freundschaft, die unser Denken verändert hat. Campus 2017.

Nur sehr wenige psychologische Fachbücher werden in den letzten Jahrzehnten ähnliche Aufmerksamkeit erfahren haben wie Kahneman’s Bestseller „Schnelles Denken, langsames Denken“. Trotz der durchaus anspruchsvollen Materie erwies sich das Buch als regelrechter Bestseller für ein breites Publikum. Nun macht sich New-York-Times-Journalist Michael Lewis daran, die Geschichte zu erzählen, die zu diesem Welterfolg geführt hat.

Diese ist eng verbunden mit zwei Namen, die erstaunliche Parallelen, aber noch beachtlichere Unterschiedlichkeiten aufweisen: Beide wuchsen als (nicht sonderlich gottesfürchtige) Juden in Israel auf. Aber Daniel Kahneman flüchtete mit seinen Eltern vor dem Holocaust in das Land, in dem Tversky’s Mutter schon für die Knesset aktiv war. Beide bewährten sich mehrfach als Offiziere in der israelischen Armee. Doch Daniel mehr als Optimierer der dortigen Personalauswahl, wohingegen Amos als kerniger Fallschirmjäger für handfeste Kriegs-Heldentaten ausgezeichnet wurde. Beide zog es dann an namhafte Universitäten in die USA, doch oftmals räumlich getrennt.

Ein ungleiches, kongeniales Tandem

Und auch wenn sie unter in der wissenschaftlichen Gemeinschaft oft als kongeniales Tandem wahrgenommen werden, müssen ihre Temperamente als sehr unterschiedlich beschrieben werden. Kahneman eher zögerlich-zweifelnd mit viel Bereitschaft zu Kompromiss und Perspektivwechsel. Tversky hingegen ausgesprochen selbstbewusst, dabei direkt bis unhöflich-verletzend und konfliktbereit. Dies muss sich wohl auch bei ihren Arbeitsumgebungen manifestiert haben: Kahneman’s Schreibtisch stets überladen, Tverskys absolut minimalistisch, nur gefüllt mit einem Bleistift.

Doch geht es in dem Buch beileibe nicht nur um solche Schlüsselloch-Psychogramme auf „Gala-Niveau“. Es erzählt vielmehr die Entwicklung, wie die Wirtschaftswissenschaft zunehmend den Glauben an einen rationalen „homo oeconomicus“ mehr oder weniger kleinlaut revidieren musste. Denn Kahneman und Tversky konnten in ungezählten Experimenten und Publikationen aufzeigen, dass Menschen lange nicht so vernunftgetrieben entscheiden, wie dies gemeinhin angenommen wurde. Andererseits steckt auch in diesen vermeintlichen Denkfehlern eine bestimmte Vorhersehbarkeit oder Logik bis hin zu evolutionärem Sinn, was sich dann in Form sog. „Heuristiken“ manifestiert. Ohne Vollständigkeitsanspruch werden die Wichtigsten darunter dem Leser des Buches gut verständlich vermittelt. Samt ihren unmittelbaren Implikationen für den Alltag, bis hin zum Führungshandeln von Präsident Obama. [Ob sich sein Nachfolger aus wissenschaftlicher Perspektive mit Denkfehlern beschäftigen wird, bleibt noch ungefragt …].

1 + 1 > 2

Neben ihren grandiosen wissenschaftlichen Erkenntnissen erfährt der Leser aber auch viel über die Beziehung zwischen diesen beiden Denkern, die keineswegs durchgängig von Augenhöhe, Gleichwertigkeit und gegenseitiger Wertschätzung gekennzeichnet war. Vielmehr bewegten sich beide gerade gegen Ende ihres Schaffens zunehmend intellektuell und persönlich auseinander. Dabei wurde beiden jedoch klar, dass nur im gegenseitigen Zusammenspiel die Addition ihres intellektuellen Werts als 1 + 1 > 2 resultierte. Ihre Einzelleistungen summierten sich bestenfalls in Form von 1 + 1 = 0,8 (um eine dem Kontext entsprechende psychologische Heuristik anzubieten). Doch als Amos von seiner unheilbaren Krankheit erfuhr, versöhnten sich beide. Da der Nobelpreis nur an Lebende vergeben werden kann, profitierte letztlich der zeitweilig etwas in den Hintergrund getretene Daniel Kahneman von dieser Ehrung. Wobei er – wie in seinem Bestseller – den Wert seines Weggefährten angemessen herausstellte. Und am Ende erhielt dann ausgerechnet ein gestandener Psychologe den Preis in der Kategorie „Wirtschaftswissenschaften“ dafür, viele ökonomische Prinzipien kraftvoll hinterfragt zu haben.

Letztlich kann das Buch von Michal Lewis als gelungen gelten: Der Biograph hat die Geschichte der beiden intensiv, fast liebevoll recherchiert und berichtet viele kaum bekannte Hintergründe, dazu sprachlich auf hohem Niveau. Neben den schillernden Persönlichkeiten und ihrem Mit- und Gegeneinander gelingt es dem Autor, die Faszination der beiden Forscher für die Denkmechanismen des Menschen zu vermitteln. Insofern lohnt sich die Lektüre mit ganz unterschiedlichen Motivationen. Auf der anderen Seite erscheint das Buch „Aus der Welt“ dem Rezensenten nicht makellos gelungen. Und dies nicht nur wegen des völlig verzichtbaren ersten Kapitels. Vielleicht wäre mit 20% weniger der immerhin über 350 Seiten schon etwas erreicht worden. Aber lesenswert ist und bleibt es allemal, insbesondere in Kombination mit dem Originalwerk vom Meister selbst!

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