17. Juli 2024

Management auf den Punkt gebracht!

Großexperiment

INPSPIRATION: Über das Thema „Arbeitszeit“ schreiben wir hier nicht so oft, aber das Wort „Experiment“ hat mich neugierig gemacht. Fast 3.000 Isländer konnten ihre Wochenarbeitszeit von durchschnittlich 40 Stunden auf 35 oder 36 Stunden ohne Lohnreduktion verkürzen. Mit interessantem Ausgang und kontroversen Diskussionen (Großexperiment mit Vorbildcharakter?).

Zum Verständnis sollte man wissen, dass Vollzeitkräfte dort im Jahre 2019 durchschnittlich 44 Stunden arbeiteten (in Deutschland zum Vergleich: 41 Stunden). Die Frage war nun, wie sich die Reduktion auf Wohlbefinden, Work-Life-Balance als auch auf die Produktivität auswirken würde. 


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Die Ergebnisse sind ziemlich positiv: Work-Life-Balance als auch Wohlbefinden am Arbeitsplatz stiegen in Vergleich zur Kontrollgruppe, aber auch die Prozesse am Arbeitsplatz verbesserten sich. Eine Erklärung hierfür: Die Mitarbeiter müssen sich mehr absprechen, die gegenseitige Unterstützung wächst. Auch nicht ganz überraschend: Die Produktivität blieb gleich oder verbesserte sich sogar, ein aus anderen Studien bekanntes Resultat. Erschöpfte Mitarbeiter leisten nun mal weniger als ausgeruhte. Und schließlich noch ein Resultat: Anders als befürchtet stiegen die formellen und informellen Überstunden nicht, auch ein Resultat der verbesserten Koordination am Arbeitsplatz.

Eigentlich ziemlich eindeutig, würde man annehmen. Aber die Kritiker sind nicht so glücklich. Zum einen sei das Ergebnis nicht repräsentativ. Dann sei es in bestimmten Berufen gar nicht möglich, Arbeitszeiten zu reduzieren. Mag sein, dass man im Büro in weniger Zeit ausgeruhter mehr schafft, aber in vielen Produktions- und sozialen Berufen ginge das nicht, Stichwort Pflegebranche. Anderes Beispiel: Angenommen, die Kassiererin im Supermarkt würde weniger Stunden arbeiten, dann bleibt die Kasse unbesetzt, sie kann ja nicht die Kunden schneller bedienen.

Und überhaupt sei das nicht auf Deutschland übertragbar, weil dort ja schon weniger gearbeitet wird. Schließlich: Wer sagt denn, dass am Ende nicht doch wieder mit Überstunden die fehlenden Stunden ausgeglichen werden? Dann steigt der Stress wieder und am Ende die Belastung für alle. 

Dem könnte man nun mehreres entgegnen (und so argumentieren auch die Befürworter): Geringere Belastung durch weniger Stunden bedeutet weniger Fehler, weniger Ausfallzeiten und damit auch in den Berufen, in denen die Menschen anwesend sein müssen, höhere Gesamtproduktivität. Konkret: Wenn Pfleger und Kassierer weniger Stunden arbeiten und deshalb seltener ausfallen, wird die Zeit doch wieder wettgemacht. Vor allem aber: Weniger Stunden bei gleichem Lohn führt ja faktisch zu einer Lohnerhöhung, das macht die Berufe attraktiver und könnte zur Entspannung auf dem Arbeitsmarkt führen. 

Es gibt ein weiteres Experiment aus Deutschland: In einer Jenaer Softwarefirma arbeiteten die Mitarbeiterinnen eine Zeitlang nur 36 Stunden pro Woche, sie hatten jeden zweiten Freitag frei. Hier gab es ein interessantes Resultat: Nicht alle profitierten gleichermaßen. Wer vorher Probleme hatte, Arbeit und Privatleben unter einen Hut zu bekommen, dem gelang es auch mit reduzierter Stundenzahl nicht gut. Es hängt also auch von der jeweiligen Mitarbeiterpersönlichkeit ab – was ja nicht gegen die Reduzierung spricht, es zeigt nur, dass allein die Verkürzung der Arbeitszeit nicht alle Probleme löst. Und tatsächlich war man in dem Unternehmen mit dem Modell so zufrieden, dass man die Regelung nach dem Experiment beibehielt. So wie in Island, wo jetzt 86% der Beschäftigten das Recht haben, weniger zu arbeiten.

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