12. Juni 2024

Management auf den Punkt gebracht!

Grundsatzfrage

INSPIRATION: Das ist mal ein interessanter Aspekt in der Diskussion um Bezahlung. Statt immer nur der Frage nachzugehen, ob Boni nun wirklich motivieren und zu Höchstleistung anspornen, stellt Sprenger die Frage, ob Incentives nicht die Freiheit des Menschen untergraben, indem sie sie zu Reiz-Reaktionsmaschinen degradieren. Es also unabhängig davon, ob sie  „funktionieren“ einfach nicht anständig ist, sie einzusetzen.

Es ist im Grunde ganz einfach: Wer glaubt, Menschen zu bestimmten Verhaltensweisen durch in Aussicht gestellt Anreize bewegen zu können, der setzt „anstatt auf Argumentation und klare Absprache auf Verführung.“ (Die Bonus-Lüge). Damit widerspricht sein Tun einigen Grundwerten, die wir alle (zumindest die meisten von uns) vertreten: Nämlich Zwang statt Freiheit, Autonomie statt Selbstbestimmung, Käuflichkeit statt Würde. Menschen sind in diesem Modell lediglich Material, das formbar ist, Objekte, die beliebig manipulierbar sind.

Ich habe ähnlich häufig wie von Sprenger in dem Beitrag beschrieben Manager getroffen, die der festen Überzeugung waren, dass letztlich nur Geld Menschen motivieren könne – und sich selbst für die wenigen Ausnahmen hielten. Aber die Frage anders herum aufzuzäumen und zu fragen: Selbst wenn das so ist: Wollen wir sie tatsächlich so behandeln? Und so behandelt werden?

Und auch, wenn man argumentiert, die Prämien ja nur deshalb einzusetzen, um das gemeinsame übergeordnete Ziel zu erreichen, überzeugt das Argument nicht. Laut Sprenger (und auch nach meiner Erfahrung) gibt es genügend Unternehmen, die ohne solche Reiz-Reaktion-Mechanismen agieren und dennoch erfolgreich sind.

Ist also jede Art von Prämie „menschenunwürdig“? Ich zögere, denn wir kennen ja auch im Sport Prämien, und niemand will bestreiten, dass diese einen Anreiz darstellen, sich zu Spitzenleistungen aufzumachen, ohne sich als reine Reiz-Reaktionsmaschine zu fühlen. Wo ist der Unterschied?

Er besteht darin, dass zum einen jedem, der sich in dieses System begibt, klar ist, dass er sich im Wettstreit mit anderen befindet. Er weiß, dass er gewinnen, aber in vielen Fällen eben auch verlieren kann und wird. Das macht unter anderem den Reiz von Leistungssport aus. Aber für viele Menschen stellt das gar keinen Anreiz dar und sie würden sich auch gar nicht auf ein solches System einlassen.

Natürlich kann ich so auch ein Unternehmen aufbauen. Ich lasse die Mitarbeiter gegeneinander antreten, nur die besten werden mit Prämien überschüttet, der Rest muss sich mit einem Fixgehalt „begnügen“. Wer in ein solches Unternehmen eintritt, weiß, worauf er sich einlässt und mag vielleicht diesen Wettstreit. Und der Unternehmer muss auch damit klarkommen, dass Kooperation in einem solchen System nur begrenzt möglich ist, weil sie für den einzelnen eben auch nur begrenzt sinnvoll ist.

Kritisch wird es dann, wenn ich Leute einstelle, um gemeinsam einen Zweck zu erfüllen, ein Ziel zu erreichen, ihnen nach bestimmten Kriterien ein Festgehalt zahle und bei gemeinsamem Erfolg auch eine Prämie – ohne diese an bestimmte individuelle Bedingungen zu knüpfen. Und wenn sie dann an Bord sind, ihnen mitteilen:

„So, wir ändern die Rahmenbedingungen. Wir möchten bestimmte Verhaltensweisen gesondert honorieren. Ab jetzt gibt es für das Erreichen von individuell vereinbarten Zielen Sonderprämien. Oder für das Zeigen von bestimmten erwünschten Verhaltensweisen.“

Wo vorher klar war, dass man für ein bestimmtes Gehalt eine bestimmte Leistung erwartet und diese auch zugesagt hat, werden plötzlich die Vertragsbedingungen geändert. Wer aber einseitig den
psychologischen Vertrag ändert, der muss sich nicht wundern, wenn die Gegenseite ihrerseits sich nicht mehr an die Bedingungen gebunden fühlt. Auch wenn das nicht unbedingt bewusst geschieht: Er wird sich an die neuen Rahmenbedingungen anpassen und versuchen, vor allem diese Bedingungen zu erfüllen, aber das, was er vorher als Teil seines Vertrages selbstverständlich erfüllt hat, aufkündigen.

Und selbst wenn der Unternehmer damit gar keinen Wettbewerb anstrebt, sondern nur zu bestimmten Dingen „motivieren“ möchte: Der Wettbewerb entsteht automatisch. Jeder wird auf die Bewertung und auf die Ergebnisse der anderen schauen. Und Mittel und Wege finden, die Konkurrenz auszustechen. Wer Menschen als Reiz-Reaktionsmaschinen behandelt, wird eben auch Reiz-Reaktionsmaschinen erzeugen…

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