24. August 2026

Management auf den Punkt gebracht!

Psychologische Großmächte

INSPIRATION: Kränkungen, so ein Experte, werden in Gesellschaft und Wissenschaft maßlos unterschätzt. In einem Interview in der Zeitschrift Führung + Organisation äußert sich der Psychiater Reinhard Haller über die destruktive Kraft von Kränkungen und bezeichnet sie als „psychologische Großmächte“, die objektiv betrachtet lediglich Kleinigkeiten sind, für den Betroffenen aber „Erschütterungen des Selbst und seiner Werte“ (Die häufigste Kränkung ist wohl die fehlende Wertschätzung).

Eine richtige Definition des Phänomens gibt es nicht, aber vermutlich weiß jeder, was damit gemeint ist. Und vermutlich sind sie die Ursache vieler menschlicher Katastrophen, seien es zerstörte Beziehungen, Amokläufe oder Terroranschläge. Selbst internationale Konflikte lassen sich auf Kränkungen zurückführen – zumindest wird damit häufig argumentiert. Da kann man nachvollziehen, wenn der Fachmann sie als maßlos unterschätzt bezeichnet.


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Alltägliche Erfahrung

Die Kränkung kommt also eher unscheinbar daher, und ihr Gegenstück ist die Wertschätzung. Wem diese versagt wird, empfindet das als Kränkung. Können wir vermutlich alle nachvollziehen. Ich wähle mal ein sehr einfaches Beispiel: Ein Mitarbeitender hat eine Aufgabe übernommen und bearbeitet, er informiert hierüber den Kollegen oder die Führungskraft und erhält keinerlei Rückmeldung. Als er nachfragt, bekommt er zur Antwort, dass sich die Sache inzwischen erledigt habe, mit dem Nebensatz, dass ihm das offenbar niemand mitgeteilt habe.

Es geht auch noch viel subtiler: Der Kollege unterhält sich mit seinem Chef, als der nächsthöhere Vorgesetzte hinzukommt, dem Chef die Hand drückt, einen kurzen Plausch hält und dann weitergeht und den Mitarbeitenden völlig übersieht. Alles schon selbst beobachtet. Solche Kränkungen „entfalten ihre Wirkung durch ihre alltägliche Permanenz“ und können physische und psychische Krankheiten auslösen.

In vielen Fällen dürfte der Kränkende sich der Wirkung seines Verhaltens gar nicht bewusst sein – damit lässt sie sich eventuell auch von der Beleidigung oder der Demütigung abgrenzen. Beide werden wohl gezielter und bewusster eingesetzt, sind demnach auch einfacher zu erkennen und entsprechend zu „sanktionieren“. Der Mediziner erwähnt noch eine weitere Spielart, das „toxische Schweigen“. Kennen wir auch alle, oder? Sei es als Reaktion auf eine Kränkung, aber auch als bewusste Missachtung. Wenn man so verletzt ist, dass man den anderen lange Zeit anschweigt – schwer auszuhalten. Und schließlich die bekannteste Form in der Arbeitswelt, das Mobbing, „welches nichts anderes als systematisches Kränken ist“.

Kränkungsbewusstsein

Und die „Behandlungsmethode“? Es gilt, ein Kränkungsbewusstsein zu schaffen. Ob man dafür keine Ausbildung und kein Coaching benötigt, stelle ich mal in Frage. Wenn wir andere Menschen kränken, indem wir ihnen die Wertschätzung, ja sogar die Wahrnehmung verweigern und es nicht einmal merken, reicht es meines Erachtens nicht aus, ein Kränkungsbewusstsein zu fordern. Aber es gibt auch ganz praktische Tipps. Man könnte den anderen zum Beispiel fragen: „Habe ich Sie gekränkt?“ Damit man überhaupt auf so eine Idee kommt, braucht es eben dieses Bewusstsein für die zerstörerische Wirkung.

Vielleicht kann man damit im Privaten mal üben, z.B. beim Partner. Wenn dieser plötzlich schweigt, irgendwie grantig herumläuft, diese einfache Frage stellen. Er könnte die Wertschätzung etwa vermissen, weil er die Fenster geputzt hat und Sie bemerken es nicht. Albern? Wie gesagt,…

Johannes Thönneßen

Dipl. Psychologe, Autor, Moderator, Mitglied eines genossenschaftlichen Wohnprojektes. Betreibt MWonline seit 1997. Schwerpunkt-Themen: Kommunikation, Führung und Personalentwicklung.

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Ein Kommentar zu „Psychologische Großmächte

  1. Eine gute Idee, die Frage. Aber wie Sie anmerken, ist es nicht einfach. Die Frage könnte zu einer weiteren Kränkung führen. Am besten ist es, (manchmal um lieben Friedens Willen) zu sagen: „Entschuldigung, ich nehme es zurück, das stimmt so nicht“ und es vielleicht anders zu formulieren. Oder es zu lassen. Oft muss man sich selbst fragen, womit man diesen Menschen gekränkt haben könnte. Bei der Entschuldigung ist dann das Wort „gekränkt“ zu vermeiden. Danke für diesen Artikel!

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