2. Dezember 2023

Tendenz zur Verrohung

INSPIRATION: Nicht nur in der Wirtschaft haben wir es ständig mit Dilemmata zu tun, sondern im Grunde nahezu jeden Tag. Das ist es, was Entscheidungen ausmacht – und sie manchmal so schwer fallen lässt. In einem Interview erklärt F. Schulz von Thun das recht anschaulich. Mehr noch: Er zeigt, wie es um die Kommunikation in unserer Gesellschaft bestellt ist („Stimmig heißt nicht maximal authentisch“). 

Wir neigen alle dazu, nur eine Seite eines Phänomens zu betrachten bzw. wahrzunehmen. Die Beispiele in dem Interview machen nachdenklich. So ist vor allem in den sozialen Medien eine „Tendenz zur Verrohung und Verächtlichmachung“ zu beobachten. Wer auch immer im Fokus steht, muss damit rechnen, wenig respektvoll behandelt zu werden. Eher damit, Beleidigungen und Anfeindungen zu ertragen. Da muss man nur mal bei Twitter reinschauen. Auch bei Linkedin inzwischen an der Tagesordnung.


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Andererseits gibt es „eine große Achtsamkeit gegenüber möglichen Diskriminierungen“ – gemeint ist z.B. die wachsende Sensibilität gegenüber Redewendungen, die dazu angetan ist, „Menschen als gleichberechtigt und gleich würdig anzusehen.“ Mit der Gefahr der moralischen Bevormundung, was wieder die „Verächtlichmachung“ auf den Plan ruft. Laut Schulz von Thun kann man auch einen Trend erkennen, das Positive mehr zu betonen. Statt wie früher Schilder aufzustellen von der Art „Kasse geschlossen“ findet man heute den Hinweis „Wir bedienen Sie gerne an Kasse Nr….“. Es läuft also darauf hinaus, achtsam in unserer Kommunikation zu sein. Da mag sich mancher aufregen, wenn man es mit seinen Worten nicht allzu genau nimmt – aber genau das ist hier die Botschaft: Mehr darauf achten, was man mit welchen Worten ausdrückt – und auch mal großzügig sein, wenn jemandem das nicht sonderlich gut gelingt.

Womit wir bei den Dilemmata wären. Genauigkeit auf der einen, Großzügigkeit auf der anderen Seite – da erinnern wir uns an das Wertequadrat. Kein Wert ohne einen entsprechenden Gegenwert. Und kein Wert ohne seine Übertreibung: Aus Genauigkeit wird Pedanterie, aus Großzügigkeit wird Gleichgültigkeit. Was hilft, das eine vom anderen zu unterscheiden? Selbstreflexion. „die Grundlage der Souveränität„.

Noch mal zurück zum Wertequadrat und den Dilemmata. Wir denken viel zu oft in entweder-oder-Kategorien. Schönes Beispiel: Sollen wir authentisch sein im Sinne von: Wir sagen offen und ehrlich, was wir denken? Oder sollen wir höflich sein und das eine oder andere lieber nicht äußern? Beides, Offenheit und Höflichkeit, sind schöne Tugenden. Wie auch Authentizität und Diplomatie. Es gilt, beides zusammen zu führen, dazu muss man das Spannungsfeld erst einmal aushalten und dann eine Lösung finden, „die sowohl Authentizität als auch Diplomatie gewährleistet„. 

Was bedeutet das für polarisiert geführte Debatten? Ähnliches, denn manchmal kann es sich für mich sehr sinnvoll anfühlen, mit jemandem zu diskutieren, der eine in meinen Augen sehr absonderliche Haltung vertritt – einfach aus Neugier, um zu verstehen, was ihn antreibt. Je nach Situation kann ich aber auch zu der Erkenntnis kommen, dass es sich nicht lohnt, weil man nur noch Verachtung gegenüber der Einstellung des anderen ausdrückt. Schulz von Thun benutzt hier einen Ausdruck, der schön vermittelt, woran man eine Entscheidung festmachen kann: Stimmigkeit. Fühlt es sich für mich stimmig an, „mit ausgerechnet dieser Person zu genau diesem Thema zu diesem Zeitpunkt zu sprechen – oder nicht?“ Erst wenn ich das für mich geklärt habe, kann ich eine gute Entscheidung treffen. Das allerdings setzt wieder eines voraus: Selbstreflexion.

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