24. April 2024

Management auf den Punkt gebracht!

Berauschende Wirkung

INSPIRATION: Dass Macht den Charakter verdirbt, weiß der Volksmund. Wissenschaftlich ist auch längst nachgewiesen, dass unter dem Gefühl der Macht Menschen sich viel mehr zutrauen, was Top-Manager dazu bringen kann, ihr Unternehmen zu ruinieren. Da wäre es nicht schlecht, sich in Bescheidenheit zu üben. Aber kann man das lernen? 

Natürlich, sagen die Autorinnen im Harvard Business Manager. In typisch amerikanischer Erzählweise werden ganz witzige Studien zitiert und dann jede Menge praktischer Beispiele von CEOs, die sich selbst davor schützen, größenwahnsinnig zu werden (Lassen Sie sich nicht von Ihrer Macht verführen). 

Besonders spannend: In einem Experiment, bei dem Probanden zuerst über eine Phase im Leben schreiben sollten, in der sie sich besonders mächtig gefühlt hatten, während die zweite Gruppe über eine Phase der Ohnmacht schrieben, wurde anschließend gewürfelt. Dabei konnten die Probanden entscheiden, ob sie selbst würfeln wollten oder würfeln ließen. In dem Spiel konnte man gewinnen, wenn man die richtige Zahl vorhersagte. Von denjenigen, die über Ohnmacht geschrieben hatten, würfelten nur 58% selbst, bei den „Mächtigen“ nahmen alle die Würfel in die Hand. 

In einem anderen Experiment sollte die eine Gruppe an die reichsten und mächtigsten, die andere an die ärmsten und unbedeutendsten Menschen denken. Dann sollten sie sich auf einer Skala von machtlos bis mächtig selbst einschätzen. Wer vorher an einflussreiche Menschen gedacht hatte, stufte sich als weniger mächtig ein und umgekehrt. Dann kam der eigentliche Test: Alle bekamen Bilder von der Augenpartie von Menschen gezeigt und sollten deren Gefühlslage einschätzen. Diejenigen, die sich mächtig fühlten, schnitten dabei erheblich schlechter ab. 

All das ahnten wir schon: Wer Macht erlebt, überschätzt sich (und glaubt offenbar, er könne die Würfel beeinflussen) und verliert an Empathie. Das zeigen auch Studien, bei denen Unternehmensübernahmen untersucht wurden: Dahinter steckt die Überzeugung, dass man den Job besser hinkriegt als das bisherige Management. Je größer die Zuversicht, um so höher der Aufpreis (Über Zuversicht).

Ein Therapeut erklärt in der Brand eins, wie es bei Menschen zu dieser Selbstüberschätzung kommt („Größenwahn muss nicht per se schlecht sein“). Wir alle haben in der Jugend hehre Ziele und überzogene Wünsche, wir träumen vom Leben eines berühmten Spitzensportlers, Rockstars, Künstlers, Wissenschaftlers usw. Das motiviert und treibt uns an. Diese Wünsche stoßen auf die Wirklichkeit, und wenn es gut läuft, merken wir, was wir wirklich gut können und entwickeln eine realistische Zielvorstellung. Manche aber wohl auch nicht, sie bauen sich eine eigene Wirklichkeit und haben dann große Angst, entlarvt zu werden. Dann spricht man von Größenwahn.

Da muten die Tipps im Harvard Business Manager eher utopisch an. Als ob man Top-Manager, die von ihrer eigenen Macht geblendet sind, tatsächlich bremsen kann. Es sei denn, sie spüren irgendwann, dass sie der Versuchung zu erliegen drohen und steuern selbst gegen. Die Ratschläge hierfür in Kürze:

  • Den Satz „Ich weiß nicht“ salonfähig machen. Soll heißen, sie sollten trainieren, Nicht-Wissen zuzugeben – in der Gewissheit, dass sie damit viel glaubwürdiger werden.
  • Gelegenheiten für ehrliche Rückmeldungen schaffen. Man könnte Formate schaffen wie „Ask me anything“ und die Fragen selbst beantworten. Oder in Meetings dafür sorgen, dass alle gleich viel Redezeit bekommen (das ist in der Tat ein höchst interessantes Mittel: Führen Sie so etwas wie eine Meinungsbildungsrunde ein, in der reihum jeder seine Meinung sagt, ohne dass jemand unterbrechen darf. Schon gar nicht der Big Boss!).
    Sehr witzig: Ein „Bold Table“ in der Kantine eines Unternehmens galt als Ort, an den sich Mitarbeiter setzten, um ungehemmt die eigene Meinung zu äußern, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen. Der CEO setzte sich dazu.
  • Sich in die Arbeit anderer versetzen. Es ist zur Entwicklung von Empathie ungemein wichtig zu erfahren, dass man nicht allein auf dieser Welt ist, sondern mit größeren Einheiten in Verbindung steht, sei es das Unternehmen, die Gemeinde, das Land… Diese Abhängigkeit erlebbar zu machen, dazu dienen Dinge wie eine Zeitlang in Call Centern oder Filialen mitzuarbeiten.
  • Raum für Austausch schaffen. Ein Beispiel aus einem Unternehmen zu Beginn der Pandemie zeigt, wie das gehen kann: Man bot ein Forum, wo die Menschen sich gegenseitig erzählten, wie es ihnen erging, offenbar sehr einprägsam für das Top-Management. 
  • Der gewagteste Tipp: Sich als Unternehmen komplett dazu verpflichten, nicht Größe im Sinne von Gewinn oder Gewinnen anzustreben, sondern sich in ein gemeinnütziges Unternehmen zu verwandeln. 

Ob es hilft? So viel scheint klar: In jedem von uns steckt ein wenig Größenwahn. So glauben wir, „die besseren Autofahrer, Bundestrainer und seit Neuestem auch Epidemiologen“ zu sein (Über Zuversicht). Mit anderen Worten: Bescheidenheit und Empathie zu trainieren, steht uns allen gut.

Übrigens: Wer mal eine völlig unglaubliche Geschichte eines Menschen lesen möchte, der absolut größenwahnsinnig erscheint und als der größte Geldfälscher aller Zeiten gilt, der sollte „Mein Hirn ist der Endgegner“ lesen. 

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