20. Juni 2024

Management auf den Punkt gebracht!

Der Streit ums systemische Nadelöhr

REZENSION: Jürgen Kriz / Fritz B. Simon – Der Streit ums Nadelöhr. Körper, Psyche, Soziales, Kultur. Wohin schauen systemische Berater? Carl-Auer 2019.

Vor Kurzem erst haben Alica Ryba und Gerhard Roth mit der neurowissenschaftlichen Brille auf diverse psychotherapeutische Schulen geschaut und bewertet, ob diese den aktuellen wissenschaftlichen Ansprüchen gerecht und damit für Anwendung in Coaching und Beratung empfohlen werden können. Das Thema Systemtheorie wird dort prominent von Jürgen Kriz vertreten – und übrigens wohlwollend vom Neurowissenschaftler Gerhard Roth kommentiert.

Für viele ist Systemtheorie ein weites Feld und für gar manchen auch ein Buch mit sieben Siegeln. In einem klärenden Zeitschriftenbeitrag aus dem Jahre 2015 unterscheidet Arist von Schlippe drei Theoriestränge systemischen Denkens: 1. Die Theorie Sozialer Systeme (in der Tradition von Luhmann), 2. Narrative Theorien und sozialer Konstruktionismus (in der Tradition von Gergen) und 3. Die Theorie nichtlinearer dynamischer Systeme (in der Tradition von Haken).

Viele mag diese Unterscheidung schon verwirren und vielleicht sogar überfordern. Da trifft es sich ganz hervorragend, dass zwei prominente Vertreter solcher Theorierichtungen (Nr. 1 und Nr. 3) sich in diesem Büchlein nun zum Streitgespräch getroffen haben. Es dürfte interessant und kurzweilig werden, den Protagonisten in ihren Argumentationen zu folgen. Und solches könnte ja auch das eigene Verstehen schärfen.

Matthias Ohler, der Moderator dieses Streitgesprächs, entscheidet sich dramaturgisch dafür, das Nachwort als Ouvertüre zu bringen. Das ist bemerkenswert, denn damit betritt die Leserschaft die Szenerie quasi von hinten und im Nachhinein auf einer Metaebene. Die beiden Herren betonen, wie wichtig es sei zu streiten, ohne dass dabei einer über die Klinge springen müsse. Doch hier und da blitzt doch real der Eifer des Gefechts durch. Beschwichtigungen am Ende? Das macht natürlich neugierig auf die Vorgeschichte.

Es startet am Vormittag: Hier der „Autopoietiker“ Simon, dessen ehemals psychiatrische Sozialisation nur noch wenig durchscheint, dafür wird seine inzwischen ausgeprägte soziologische Weltsicht umso mehr erfahrbar. Dort der „Synergetiker“ Kriz, geschult an Wissenschaftstheorie sowie an strukturwissenschaftlichen Konzepten, die in der Physik, Chemie, Biologie und anderswo entstanden sind, durch und durch Psychologe. Man tastet sich ein wenig ab und beschreibt die eigenen Konzepte, kommentiert die des anderen. Es fehlt an dieser Stelle der Platz, beide Konzepte umfassend darzustellen.

Zunächst fällt auf, dass beide mehrfach betonen, dass sie sich konzeptionell recht nahe stehen. Und doch werden Unterschiede schnell deutlich. Nicht nur konzeptionell, sondern vor allem in der Wortwahl, im Kommunikationsstil. Während Kriz sich bemüht, argumentiert, immer wieder neue Beispiele bringt, greift Simon schon mal gerne zum groben Kaliber. So geht das hin und her – und her und hin. Simon schwärmt von abgeschlossenen Systemen und Kriz ist vielleicht zu höflich, ihm zu antworten, dass er da ein famoses Maschinenmodell betreibt – nach Heinz von Foerster der systemische Sündenfall par exellence.

„Das Schöne an der Systemtheorie, finde ich, ist, dass sie so abstrakt ist“ (S. 48), schwärmt Simon. Der Humanist Kriz hingegen hält die persönliche Sinnsuche für existenziell, verknüpft dies mit der Körperlichkeit, mit dem Sozialen und der Kultur. Immer öfter drängt sich der Eindruck auf, die beiden Herren reden aneinander vorbei. Soll das alles unter das Rubrum Systemtheorie passen?

Nach dem Mittagessen geht es in ähnlichem Stil weiter. Kriz bearbeitet, kritisiert, attackiert behände, Simon pariert, entweder mit grobem Keil oder mit kleinen Anekdoten, verwickelt sich auch immer wieder in Widersprüche. Als Leser fragt man sich, wie kann das sein, dass Simon, der seit Jahren im Mittelpunkt der Medienaufmerksamkeit steht, fast schon so etwas wie der systemische Mastermind gehandelt wird, hier in der Diskussion mit dem Kollegen ein dermaßen schlechtes Bild abgibt? Er verliert nicht nur Sympathiewerte, sondern überlässt die Leistungspunkte ebenfalls dem Gegner. Die Argumentation von Kriz hat Tiefgang, er legt ein schlüssiges, integratives Konzept von vier Ebenen vor, das durchgängig überzeugt und an allen relevanten Diskursen ankoppelt. Simon hingegen zeigt sich mal arrogant, mal launisch, dann zynisch und haut unvermittelt Ungeheuerlichkeiten raus, dass es der Leserschaft schier den Atem verschlägt. Simon ist der bessere Showmaster, keine Frage!

Doch ersetzt das Argumente? Sollte bspw. die Empirie, wenn sie nicht zu seiner Theorie passt, eben Pech gehabt haben? Hauptsache, die Theorie ist schön? Nach dem ersten Schock – meint er das wirklich so? – kommt die Ernüchterung: Das ist völlig abstrus! Und hier ergibt sich eine Parallele zu einem Disput, der schon Jahrzehnte alt ist: der zwischen Luhmann und Habermas. Schon in den 1970er-Jahren kritisierte Habermas das luhmannsche Denken als metaphysisch und hermetisch. Die Diskussion zwischen Simon und Kriz spiegelt diesen Disput.

Gegen Ende dieses Buchs fordert der Moderator die beiden Kontrahenten auf, den Satz „Wenn du doch endlich verstehen würdest, dass …“ mit Blick auf den anderen und in eigenen Worten fortzusetzen. Es ist Simon, der eine zunächst freundliche Erwiderung von Kriz beiseite wischt und wieder provoziert: „Wenn Jürgen doch endlich verstehen würde, dass er, auch wenn er sich redlich um Ordnung bemüht, immer noch ein ziemlich vermanschtes Weltbild hat, was die Beziehung zwischen diesen Systemen angeht, und dass er von meinem Ordnungssystem unendlich viel profitieren könnte für seine noch junge Karriere“ (S. 147). Kriz lässt sich nun auch zu einer Erwiderung hinreißen: „Es wäre doch schön, wenn er endlich mal aufhören würde, wie Luhmann bestimmte Sachen, die er gar nicht so meint, zu ontologisieren. Es gibt nicht drei Systemebenen. Sondern aus einer bestimmten Perspektive unterscheidet er drei“ (ebd.).

Was kann man nun mitnehmen aus diesem Disput? Heinz von Foerster, der Altmeister, rät, die Interpretationsmöglichkeiten zu vermehren. So könnte man dieses Buch als eine ernsthafte Auseinandersetzung um die Reichweite und Zukunftsfähigkeit der Systemtheorie im Beratungskontext lesen; Simon hätte dabei eine schlechte Figur gemacht. Man könnte diesen Disput aber auch als einen großen Spaß lesen; Kriz hätte sich dann als Hase vom Igel Simon immer wieder durchs Feld jagen lassen, ohne selbst als Sieger vom Platz zu gehen. Vielleicht handelt es sich beim Text auch um einen verkappten Hahnenkampf zweier älterer Gelehrten, die verkennen, dass ihr Disput das breite Publikum wenig interessiert. Oder man könnte denken, beide machen einen Witz auf Kosten des Publikums, das am Ende ratlos das Büchlein zuschlägt; Hauptsache, es spielt die Druckkosten wieder herein.

Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr als …? Diese biblische Metapher wird übrigens meistens missverstanden, es handelte sich beim Nadelöhr um ein sehr enges Stadttor. Zwei Honoratioren hätten da schon durch gepasst. Nur wollen hätten das auch beide gemusst. Aber das ist nur die Meinung eines Beobachters, der andere Beobachter beim Beobachten beobachtet. Und was ist nicht subjektiver als Beobachten? Andere Beobachter werden vielleicht anderes beschreiben. So käme man ins Gespräch. Lehrreich ist dieser Disput allemal.

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