12. Juni 2024

Management auf den Punkt gebracht!

Neurowissenschaftliche Fundierung von Coaching

REZENSION: Alica Ryba / Gerhard Roth – Coaching und Beratung in der Praxis. Klett-Cotta 2019.

Als im Jahr 2016 das Buch „Coaching, Beratung und Gehirn“ erschien, hat das den Rezensenten einerseits erfreut, andererseits in gewisses Grübeln versetzt. Endlich, so die Freude, wurde hier eine Abrechnung mit den psychotherapeutischen Schulenstreit vorgelegt, die, nach der Kritik des leider früh verstorbenen Berner Forschers Klaus Grawe, hierzulande etwas in Vergessenheit geraten war. Die Kritik der Neurobiologen an der Verhaltenstherapie und der Psychoanalyse im Vorläufer-Buch hatte sich gewaschen. Andererseits fehlten dort bspw. Ausführungen zur Hypnotherapie und dem „Zürcher Ressourcen Modell“ (ZRM®), die man mehr als erwarten hätte können. Auch die Ausführungen zum systemischen Ansatz waren mehr als dürftig und missverständlich.


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Nun haben die Autoren sozusagen nachgelegt. Herausgekommen ist damit ein Werk, das man im Feld der Coaching-Forscher, -Weiterbildner und Personalentwickler nicht ungestraft umgehen kann. Denn die Autoren sind jetzt noch einmal in die Breite gegangen. Zu diesem Zweck haben sie zahlreiche Autoren eingeladen, ihre Ansätze vorzustellen. Und es finden sich etliche Metakommentare vom neurobiologischen Meister, Gerhard Roth, zu den vorgestellten Ansätzen. So kann man zurecht sagen: Wir schauen hier auf den State of the Art.

Das Konzept

Das Buch ist in drei Teil geteilt: Theorie, Praxis, Modell und Fazit. Zunächst werden noch einmal die neurobiologischen Grundlagen dargestellt. In diesem Teil finden wir nun auch endlich ein Kapitel von Maja Storch und Julia Weber zum „Zürcher Ressourcen Modell (ZRM®)“. Gerhard Roth würdigt den inzwischen weit verbreiteten Ansatz, der mit Embodiment die grundsätzliche Ganzheitlichkeit der menschlichen Existenz beschreibt und sich damit sowohl von einseitigen Annahmen der Verhaltenstherapie als auch der Psychoanalyse absetzt, als Fortschritt. „Wir können das Unbewusste also nicht ‚genau analysieren‘, es aber auf verschiedene Weise indirekt ‚explorieren‘“ (S. 100). Ein erhellendes Kapitel zur Wirksamkeitsfaktorenforschung aus der Feder des renommierten Zürcher Coaching-Forschers Hansjörg Künzli beschließt diesen Teil.

Der Praxisteil mit seinen 21 Kapiteln erstreckt sich über das weite Feld von circa 360 Seiten. Hier findet man dann einerseits freundlich durch die Blume formulierte, aber in der Substanz gravierende Kritik an geläufigen Konzepten, die im Coaching zum Einsatz kommen – bspw. an der Operationalisierten Psychodynamischen Diagnostik (OPD) oder der Transaktionsanalyse. Die Leserschaft finden unter diesen Kapiteln nun auch eine Auseinandersetzung mit der Hypnotherapie, die einerseits gewürdigt, anderseits aber auch kritisiert wird. Kommentar Gerhard Roths: „(…) da oft nicht klar ist, was wann warum gemacht wird. Ebenso schwierig wird damit eine Überprüfung der Wirksamkeit der Interventionen“ (S. 269). Für die Leserschaft kann sich nun Spreu von Weizen trennen. Noch einmal Roth: „Es wird leider nicht immer am Ende ‚alles gut‘“ (S. 271).

Best-of-Ansätze

Welche theoretischen Schulen finden nun unter den strengen Augen des Neurobiologen Anerkennung und Lob? Generatives Coaching, das große Ähnlichkeit mit dem ZRM® aufweist, emotionsfokussiertes Coaching, körperzentriertes Coaching und die Personzentrierte Systemtheorie, die im Buch vom Altmeister systemischen Denkens, Jürgen Kriz, dargestellt wird. Wenn man also die Quintessenz der neurobiologischen Kritik ziehen will, wenn man erahnen möchte, wo es in den nächsten Jahren spannend werden wird, wo es vielleicht auch lohnt, eigene Weiterbildungsanstrengungen zu investieren, dann wird die Richtung mehr als klar: Es sind die Ansätze, die davon ausgehen, es braucht im Coaching mehr als Reden. Es braucht die Beschäftigung mit Emotionen und Körperlichkeit, einen integrativen Ansatz – wie er eben auch in der Personzentrierten Systemtheorie eines Jürgen Kriz konzipiert wird (Ganzheitliche Psychologie). Damit ist auch klar, dass eine solche Renaissance der Emotionen und der Körperlichkeit nicht ins Esoterische führen darf. Es gibt inzwischen eine sehr starke, fundierte wissenschaftliche Basis. Daher darf man auch gespannt sein, welche weiteren Erkenntnisse in diesem Feld wir in den nächsten Jahren sehen werden.

Der letzte Teil fasst nun noch einmal die Grundlagen des integrativen, neurobiologisch fundierten Coachings zusammen. Eine abschließende Übersicht und Einordnung der im Buch vorgestellten Interventionen dient ebenfalls der Übersicht. Zukunftsweisend liest sich auf diesem Hintergrund der Ratschlag zu einer Kontrastierungsmethode. „Dabei geht es darum, ein Abschwächen des Negativen und ein Stärken des Positiven dadurch zu erreichen, dass die positiven Wahrnehmungen, Erinnerungen, Gedanken, Vorstellungen usw. mittels Kontrastierung die negativen durchdringen und überlagern (S. 506; Hervorhebungen im Original). Absolutes Lesemuss für alle, die sich mit Coaching beschäftigen: Coaching-Forscher, Coach-Weiterbildner, Personalentwickler und selbstverständlich auch Coaches.

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