12. Juni 2024

Management auf den Punkt gebracht!

Die Macht der Position

INSPIRATION: Auf der einen Seite wird immer häufiger das Ende der Hierarchie beschworen, auf der anderen Seite sträuben sich Führungskräfte beharrlich. Ist ja auch nicht so einfach: Was sollte jemanden in einer bestimmten Position veranlassen, sich selbst überflüssig zu machen?

Genau das ist die Forderung, die die Personalchefin von Continental, Ariane Reinhart, im Personalmagazin im Interview aufstellt. „Für jede Führungskraft sollte es der Idealzustand sein, sich selbst überflüssig zu machen.“ („Freedom to act“) Klar ist dabei schon, dass sie sich nicht selbst meint und diese Forderung auch nicht wörtlich versteht. Mehr so nach dem Motto: Sorgt dafür, dass Ihr gute Leute in euer Team holt, konkreter sogar: Man sollte drei Personen im Team haben, die mehr Potenzial besitzen als man selbst. Was schon wieder eine seltsame Vorstellung ist: Nämlich ein Verständnis von Potenzial im Sinne von „Jeder hat das mehr oder weniger“ statt „Jeder hat Potenzial, aber für unterschiedliche Dinge.“


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Egal, kommen wir zurück zu der Idee, dass man sich als Führungskraft zum Ziel machen sollte, sich überflüssig zu machen. Wie wäre es, wenn jedes Führungstraining folgende Fragestellungen beinhaltet:

  • Wer oder was fehlt in Ihrem Team, damit es eigenständig und ohne Sie erfolgreich sein kann?
  • Welche Kompetenzen und Fähigkeiten benötigen Ihre Mitarbeiter, um ohne Sie klar zu kommen?
  • Welche Befugnisse müssten Sie Ihrem Team übertragen, damit es ohne Sie Entscheidungen treffen und umsetzen kann?

Die Antworten auf diese Fragen dürften höchst aufschlussreich sein. Da könnte es z.B. daran hapern, dass niemand so gut Besprechungen leiten kann wie Sie. Oder dass niemand über so viel Hintergrundwissen verfügt wie Sie. Oder niemand so gut vernetzt ist wie Sie. Oder niemand über so viel Fachwissen verfügt wie Sie.

Wunsch nach Anerkennung

Spätestens beim letzten Punkt wird dann vielleicht klar: Sie sind tatsächlich wichtig für Ihr Team – aber nicht, weil Sie sich Vorgesetzter nennen, sondern weil Sie über bestimmte Fähigkeiten und Know how verfügen, das bei sonst keinem anderen vorhanden ist. Dann müsste man die Frage präzisieren:

  • Was würde passieren, wenn Sie nur noch Teammitglied wären und nicht mehr „Chef“? Was würde Ihr Team dann davon abhalten, erfolgreich zu sein?

Auf die Antworten wäre ich gespannt. Kürzlich sprach ich mit einer Führungskraft einer Organisation, in der die Hierarchien extrem flach sind und es tatsächlich keine Vorgesetzten im klassischen Sinn gibt. Rein formal aber war diese Person Positionsinhaber. Auf die Frage, was ihr denn zu schaffen macht bei dem Gedanken, dass sie ein Mitglied des Teams von vielen ist, fiel die Antwort ehrlich und bemerkenswert aus. Sie lautete sinngemäß:

Es schmerzt zu erleben, dass die eigenen Vorschläge nicht mehr gewertschätzt werden als die Ideen anderer. Irgendwie fühlt es sich nicht gut an. Offenbar habe ich die Erwartung, dass die Kollegen meine Beiträge besonders berücksichtigen, weil ich nun mal diese Position innehabe. Zu erleben, das meine Vorschläge genauso diskutiert, kritisiert oder gar abgeschmettert werden wie die aller anderen, ist gewöhnungsbedürftig. Auch wenn ich weiß, dass meine Ideen nicht besser oder schlechter sind als die der anderen, so scheine ich doch mehr Respekt und Aufmerksamkeit zu erwarten. Einfach deshalb, weil ich dieses „Amt“ innehabe!

Interessant, oder? Wir alle möchten die Anerkennung und den Respekt für unsere Ideen und Beiträge, Führungskräfte aber ein bisschen mehr. Es ist wie bei Eltern: „Ich möchte, dass du auf mich hörst und meinen Rat befolgst!“ – „Warum?“ – „Weil ich dein Vater bin!“

Für mich hat diese Geschichte einmal mehr gezeigt, warum es für viele Führungskräfte so schwer ist, loszulassen. Die Aufgabe der Position ist mit starken Verlustgefühlen verbunden – vor allem der Verlust von (vermeintlichem) Respekt. Offenbar ist es vielen schon bewusst, dass Mitarbeiter ihren Ansagen und Vorschlägen nicht unbedingt deshalb zustimmen, weil sie von ihnen inhaltlich überzeugt sind, sondern weil sie nicht mit der „Position“ in Konflikt kommen wollen. Würden sie auf die Position verzichten, droht so manchem vielleicht die bittere Erfahrung, dass ihnen danach gar nicht mehr zugehört wird.

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