23. Juni 2024

Management auf den Punkt gebracht!

Flitterwochengefühl

KRITIK: Die Wirtschaftswoche erklärt in ihrer Titelgeschichte (Wir haben noch Bock!), wie Menschen wieder motiviert werden, engagiert zur Arbeit zu gehen. Denn das scheint dringend nötig zu sein, glaubt man folgenden Zahlen: 56% der von der HDI (eine Versicherung) Befragten würde den Job aufgeben, wenn sie nicht auf das Geld angewiesen wären. 48% würden in Teilzeit wechseln, wenn man ihnen das erlaubte. Und 81% träumen von der 4-Tage-Woche.

Es sieht also schlecht aus in Deutschland, höchste Zeit, sich darüber klar zu werden, was es braucht, damit die Menschen „Bock auf ihren Job haben“. Denn wenn immer mehr Menschen immer weniger arbeiten – wie soll dann die Wirtschaft noch funktionieren? Es drohen Wohlstandsverluste, weniger Beiträge für die Sozialversicherungssysteme und die Modernisierung kommt zu kurz.


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Bock auf den Job

Mal eine ketzerische Anmerkung vorweg: Diejenigen, die das beklagen, gehören vermutlich nicht zu den 56 oder 48 oder 81%. Und wer darüber berichtet, natürlich auch nicht. Es sind immer die anderen. Aber schauen wir uns die schlauen Ratschläge mal an. Es sind, wie nicht anders zu erwarten, die Führungskräfte, die die Lust auf Arbeit vermitteln sollen. Hackman und Oldham (Job-Characteristic-Theorie) haben das schon 1976 erklärt und fünf Faktoren untersucht: Anforderungsvielfalt, Ganzheitlichkeit, Bedeutsamkeit, Autonomie und Feedback. Damit ist der Auftrag ja wohl klar.

Es geht los mit der berühmten Sinnfrage (Bedeutsamkeit). Manche, wie der hier vorgestellt Lok-Führer, finden den Sinn selbst, andere müssen ihn erklärt bekommen. Also sollten Führungskräfte hin und wieder die Frage stellen, was denn ihr Team stolz macht. In der Regel finden die Menschen die Antwort selbst und motivieren die Kollegen gleich mit.

Dann die Geschichte mit der Autonomie: Witzigerweise wird uns dann jemand vorgestellt, die 70 Stunden die Woche arbeitet. Sie hat sich selbstständig gemacht und leitet ein Unternehmen. Prima Tipp. Entlasst die Menschen in die Selbstständigkeit.

Und abwechslungsreich soll Arbeit sein. Wer immer wieder etwas Neues erlebt, Neues lernt, neue Kollegen kennenlernt, der hat das Dauer-Flitterwochengefühl. Also fleißig für Rotation sorgen. Hier wird jemand vorgestellt, der für eine Zeitarbeitsfirma arbeitet und den ständigen Wechsel genießt.

Besonders wichtig: Feedback! Da ist Führung mal so richtig gefragt. Die erwähnte Unternehmerin sorgt dafür, dass es nach jedem Verkaufsgespräch ein Debriefing gibt. Sie steigt auch mal auf den Tisch und hält eine Ansprache. Oder spendiert eine Flasche Sekt, wenn es einen Erfolg zu feiern gibt.

Für die Ganzheitlichkeit hat der Autor wohl kein Paradebeispiel gefunden, dafür weitere Faktoren. Z.B. Gehalt. Wenn das nicht stimmt, ist es vorbei mit der Zufriedenheit. Der bekannte Hygienefaktor. Und das Soziale darf nicht zu kurz kommen. Wenn’s im Team nicht stimmt, hält auch niemand lange durch. Tipp: Vor der Einstellung mal reinschnuppern lassen, z.B. bei einem Teammeeting. Oder mit den zukünftigen Kollegen in die Kantine gehen.

Fehlt noch was? Ach ja, Entwicklung. Die Menschen wollen eine Perspektive, möglichst aufsteigen, Karriere machen. Da sollte man sie nicht um Fortbildung betteln lassen, sondern sie anbieten und empfehlen.

Ein Rezept, das nicht funktioniert

Das ist also das Geheimnis, wie man Menschen hilft, wieder motiviert an die Arbeit zu gehen. Das klingt ja nicht sonderlich schwer, ist aber leider ein „Rezept“, das so nicht funktioniert. Jeder einzelne Punkt ist nicht falsch – trifft aber längst nicht für jeden zu. Und lässt sich auch nicht überall umsetzen. Fangen wir mal vorne an:

Die Sinnfrage: Ich bin mir sicher, dass es Tätigkeiten gibt, die nahezu sinnfrei sind. Da wird die Frage, worauf man stolz sein könnte, zur Lachnummer. Es hilft auch wenig, wenn das Unternehmen eine hehre Mission hat. Beispiel gefällig? Der Physiotherapeut, der im 20 Minuten-Takt Patienten durchschleust und genau weiß, dass er damit den meisten nicht wirklich helfen kann. Hier müsste man ein System ändern – sehr schwierig.

Selbstständigkeit: Der Spruch ist alt: Wer Selbstständigkeit sucht, wird kein Angestellter. Die Idee, Menschen zu Mitunternehmer zu machen, hat ihren Reiz, aber dann sollte man sich auch am Unternehmen beteiligen. Ich kenne nicht viele „Unternehmer“, die dazu bereit sind. Alles andere ist Pseudo-Selbstständigkeit – auch wenn sich das Empowerment nennt. Es ist schon entlarvend, wenn hier eine Unternehmerin vorgestellt wird, die sich selbst ausbeutet. Der Traum eines jeden Arbeitgebers?

Abwechslung: Klar, es gibt sie, die Menschen, die gerne jeden Tag etwas Neues erleben möchten. Aber es gibt ebenso viele, die Beständigkeit lieben und ihre Routinen schätzen. Und für die nichts schlimmer ist, als sich ständig in neue Aufgaben einarbeiten zu müssen. Wer möchte schon dauerhaft im Flitterwochen-Modus sein?

Feedback: Da bin ich dabei, aber meine damit nicht das Feedback, das der Chef in regelmäßigen Abständen verteilt. Sondern Feedback von der Art, dass Menschen die Wirkung dessen, was sie tun, selbst erfahren. Wenn sie sehen, dass Kunden erfreut oder weniger erfreut reagieren. Wenn sie mitbekommen, dass ihre Arbeit für Kollegen hilfreich ist oder eher störend. Das, was zumeist unter Feedback verstanden wird, ist indirekt. Damit bekommt man lediglich mit, ob der Chef erfreut oder weniger erfreut ist. Und leider ist es in vielen Jobs extrem schwierig, ein unmittelbares Feedback zu erhalten.

Gehalt: Einverstanden, ein Hygiene-Faktor. Wer mies bezahlt oder es nicht schafft, für so etwas wie Fairness zu sorgen, darf sich nicht wundern, wenn die Motivation im Keller ist.

Und Entwicklung? Sicher, es wäre schön, wenn der Job die Möglichkeit böte, persönlich zu wachsen. Aber da sind wir wieder bei den „sinnfreien“ Jobs. Und bei der Frage, was Karriere bedeutet. Laut einer LinkedIn-Befragung wollen „fast zwei Drittel der 16-28-Jährigen zügig Karriere machen“. Der alte Traum vom Aufstieg. Da wäre es sicher sinnvoll, genauer nachzufragen, was das sein soll.

Was ohnehin ein guter Tipp ist: Wer motivierte Mitarbeitende möchte, sollte weniger Rezepte lesen als sich mit ihnen ausführlich zu unterhalten. Die meisten werden ziemlich genau sagen können, was sie tatsächlich motiviert. Und vielleicht stellt sich bei etlichen dann auch heraus, dass sie schlicht die falsche Aufgabe gewählt haben. Was ja auch eine Erkenntnis ist.

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