14. Juli 2024

Management auf den Punkt gebracht!

Geografische Flexibilität

INSPIRATION: Ein Harvard-Professor hat sich die Best Practices für mobiles Arbeiten angeschaut und jede Menge Chancen im Homeoffice entdeckt. Vor allem für Unternehmen, die global aufgestellt sind, und deren Mitarbeiter. Aber auch die Gesellschaft profitiert hierbei erheblich. Ändert sich unser Verhältnis zur Arbeit?

Der Wissenschaftler hat sich etliche große US-Unternehmen angeschaut, die ihre Mitarbeiter teilweise oder komplett mobil arbeiten lassen – was durch Corona extrem verstärkt wurde. Einige haben ihre Bürogebäude sogar ganz abgeschafft, die Mitarbeiter bis rauf zum CEO arbeiten geografisch voneinander getrennt.

Viele seiner „Forschungsergebnisse“ (Das bleibt jetzt so!) sind schon beinahe Allgemeinwissen, daher hier die Vorteile der mobilen Arbeit bzw. des Homeoffices in Kurzform. Da ist zunächst der Mitarbeiter. Sie haben gleich eine ganze Reihe von Vorteilen, je nach persönlicher Situation. Partner, die bisher gezwungen waren, sich zu entscheiden, ob sie die eigene Karriere aufgeben und einem Umzug zustimmen, können eine eigene Karriere aufbauen. Sie können in der Nähe der Familie wohnen bleiben, wo Eltern und Verwandte leben, die sich um die Kinder kümmern. Menschen können sich aussuchen, in welcher Region sie am liebsten leben, unabhängig vom Arbeitsplatz, es gibt inzwischen Kommunen, die um die mobilen Arbeiter wetteifern und sie anlocken.

Ein Aspekt, der vielleicht noch gar nicht so oft genannt wurde: Das lästige Problem der Visa- und Greencards kann umgangen werden – die Menschen bleiben in ihren Heimatländern und zahlen dort Steuern, Kanada hat hierfür ein Schnellverfahren für die Erteilung einer Arbeitserlaubnis eingeführt. Manch einer muss jetzt nicht mehr mit einer Abschiebung rechnen. Und dass das lästige Pendeln entfällt, hat sich vermutlich schon rumgesprochen.

Ähnliche Vorteile gelten für Unternehmen. Sie benötigen weniger  Büroflächen und sparen Mieten. Das Angebot an Talenten erhöht sich dramatisch, denn diese müssen nicht mehr nur in der Umgebung gesucht werden bzw. zum Umzug gezwungen werden. Auch das Thema „Arbeitserlaubnis“ wird deutlich erleichtert. So können sich die Firmen Nischenarbeitsmärkte erschließen, zu denen sie bisher wenig Zugang hatten, z.B. Osteuropa. Die Mitarbeiterbindung steigt, weil die Menschen sich an ihrem Wohnort wohler fühlen, und laut der Studie steigt auch die Produktivität – zumindest bei einem Unternehmen, das Patente prüft, was sich anhand der Anzahl der Patente gut überprüfen ließ. Und die Mitarbeiter lassen sich besser entsprechend ihrer Fähigkeiten einsetzen, man kann ihnen Jobs anbieten, die zu ihnen passen.

Die Gesellschaft profitiert ebenfalls enorm. Die Stadt Tulsa lockt Menschen unterschiedlicher Herkunft, um vielfältiger und attraktiver zu werden. Orte, denen die Einwohner abhanden gekommen sind, können Menschen zur Rückkehr in ihre Heimatstädte bewegen. Ein interessanter Aspekt, der dazu führen könnte, dass die „Landflucht“ gebremst wird, zumal Wohnraum dort deutlich günstiger ist. Und dass weniger Pendler der Umwelt gut tun, ist auch eine bekannte Folge.

Also alles wunderbar? Natürlich nicht, die Nachteile und Bedenken sind auch bekannt. Die Zusammenarbeit wird schwieriger, vor allem, wenn man über mehrere Zeitzonen hinweg kooperiert. Da wird die Terminfindung für Meetings ein Problem, das zufällige Aufeinandertreffen, die informellen Kontakte ebenso. Aber für all das gibt es Lösungen, sagt der Professor. Als da wären: Asynchrone Kommunikation – die Informationen werden an zentraler Stelle abgelegt und gemeinsam bearbeitet, aber nicht zeitgleich. Dann muss man nicht im Meeting unter Druck seine Meinung kundtun, sondern kann in Ruhe überlegen und antworten.

Überhaupt: Technisch ist es möglich, den Mitarbeitern alle Dokumente leicht zugänglich zu machen, da lebt der Traum vom Wissensmanagement per Datenbank wieder auf. Damit das klappt, müssen vor allem die Führungskräfte mit gutem Beispiel vorangehen. Ich würde sagen: Damit das klappt, müssen die Informationen relevant sein für die Arbeit der Mitarbeiter, und es wird eine echte Herausforderung, sie entsprechend aufzubereiten und abzulegen.

Es droht zudem die „Vereinsamung“: Büros sind Treffpunkte, wo informelle Kontakte und Freundschaften geknüpft werden. Hier helfen virtuelle Kaffeeküchen, gemeinsames Pizza-Essen vor dem Bildschirm – „geplant zufällige Begegnungen“ – und „zeitlich befristete Standortveranstaltungen“ weiter, hier wird den Mitarbeiter die Anreise, Unterkunft und Verpflegung bezahlt und es gibt ein Budget für gemeinsame Aktivitäten.

Sicher, all das kann man machen, es wird die realen Begegnungen nicht ersetzen. So etwas wie Gemeinschaft wird schwieriger, was zu der Frage führt, ob sich dann einfach die Auffassung und der Stellenwert von Arbeit verändert. Ohne zu werten: Schon vor dem Homeoffice gab es Millionen von Menschen, die zu Hause arbeiteten, sich um Haus und Kinder kümmerten, in der Regel die Frauen. Gemeinschaft entstand durch Nachbarschaft und Familie. Beides könnte durch das Homeoffice wieder deutlich mehr Gewicht bekommen – was wäre daran so verkehrt? Den Menschen kann es Recht sein, die Unternehmen werden als Orte der Kooperation und der Gemeinschaft an Bedeutung verlieren. Spannend.

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