22. April 2024

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Ideengeschichtliches Panoptikum

Buchrezension: Wolfram Lutterer: Eine kurze Geschichte des systemischen Denkens. Carl-Auer Verlag GmbH 2021

Der Autor ist ein belesener Experte, der schon vor Jahren ein lesenswertes Buch über Gregory Bateson, einen Gründervater systemischen Denkens, veröffentlicht hat. In der „kurzen Geschichte“, die so kurz nun auch wieder nicht ist, schlägt er den Bogen aus der Antike bis in die Neuzeit. Dabei entsteht ein illustres Panoptikum, das sich kurzweilig liest, auf der anderen Seite aber dermaßen viele Details und Querverweise liefert, dass die Leserschaft wirklich breit und tief eintauchen kann in ein Gedankengut, das mehr als relevant ist.

Die Ideengeschichte startet bei den „alten Griechen“ – wie auch den „alten Asiaten“ Buddha und Laotse. Im Mittelalter wäre Hildegard von Bingen zu nennen, in der Neuzeit Kant und Hegel. Dieses Denken fällt also nicht vom Himmel, es war immer schon da. Doch im 20. Jahrhundert erfährt es einen enormen Schub. Und es entwickelt sich zugleich als Gegenentwurf zu einem reduktionistischen, einseitigen und vereinfachenden Denken wie es in technokratischen, soziobiologischen, behavioristischen Varianten die Wissenschaft, aber auch das Alltagsdenken okkupiert hat und auch weiterhin dominiert. Interessanterweise kommt die Kritik daran zunächst aus den Naturwissenschaften: Aus der Physik (Einstein, Heisenberg, Bohr) und Mathematik (Gödel). Wichtige Impulse kommen aber auch aus der (Sprach-)Philosophie. Und dann wäre da noch Piaget zu nennen, den man als Vater der Entwicklungspsychologie bezeichnen darf.

Der große Durchbruch auf dem Weg zu einem systemischen Denken geschieht in der Mitte des 20. Jahrhunderts mit der Entwicklung der Kybernetik. Das Denken in Regelkreisen, das uns heute so geläufig ist, wird durch die Entdeckung von Zirkularität ermöglicht. Doch dieses Denken bleibt dem technokratischen Paradigma weitgehend verpflichtet. Impulse aus der Psychotherapie (Familientherapie), aus der Biologie und Anthropologie verändern den Diskurs in der Folge radikal. Es zeigt sich, dass die Welt des Sozialen und der Psyche nicht mit technokratischem Denken verstanden werden kann.

Seit den 1970er-Jahren entfaltet sich das Denken immer weiter und reift, wie Autor Lutterer feststellt. Da werden Konzepte wie Selbstorganisation, Chaostheorie, Konstruktivismus und Hypnosystemische Therapie entwickelt. Als „systemisches Dreigestirn“ nennt Lutterer die Autoren Bateson, von Foerster und Maturana. Aber er lenkt auch den Blick auf einen neuen Reduktionismus, der die Weite des Denkens, den Blick auf Perspektivität und Kontextualität, auf Selbstorganisation, Komplexität und Dynamiken wieder auf wenige, schlichte Wahrheiten rückführen möchte. Interessanterweise zählt Autor Lutterer auch die soziologische Systemtheorie (Luhmann) hierzu, die vor allem in Deutschland enorm populär ist. Allein dieser Aspekt dürfte eine breite Leserschaft für die Lektüre dieses Buchs gewinnen können.

Diese und weitere ideengeschichtliche Einordnungen und Diskussionen, die hier nicht alle gewürdigt werden können, machen das Buch enorm wertvoll. Es eröffnen sich immer wieder neue Horizonte und damit kann sich das eigene Verständnis vertiefen.

Letztlich, so zeigt der Autor, geht es nicht um eine neue Theorie, beispielsweise die Systemtheorie, sondern ein neues Denken. Es geht darum, neugierig zu bleiben und mit Vielfalt und Mehrperspektivität leben zu wollen (Stay hungry! Steve Jobs). Und so zeigt sich, dass die Entwicklung systemischen Denkens auch nicht beendet ist, sondern anhält. Anhalten muss. Denn fundamentalistisches Denken bedroht schlicht unsere Zukunft.

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