2. März 2024

Das Beste aus der Fachliteratur

Keine Grenzen mehr

INSPIRATION: Da muss der Leser häufiger schwer schlucken. KI soll Führungskräfte ersetzen? Im Ernst? Im Interview erläutert Niels Van Quaquebeke gut nachvollziehbar, warum es unweigerlich so kommen wird (KI ist besser als durchschnittliche Führungskräfte). Längst nämlich ist es schon nicht mehr so, dass Software uns Menschen nur standardisierte Aufgaben abnehmen kann. Der Psychologie-Professor sieht mittlerweile aber keine Grenzen mehr, dann KI kann inzwischen auch mit unstrukturierten Daten umgehen.

Ich mache mir mal den Spaß und zerlege das, was wir landläufig unter „Führung“ verstehen, in einzelne Teilaufgaben. Dabei orientiere ich mich an meinem Buch „Das Ende der Führung“ und muss schmunzeln: Der Titel war anders gemeint, aber Dank KI könnte es deutlich schneller so kommen als ich es vermutet hätte. Was also tun Führungskräfte den lieben langen Tag und was davon wird ihnen künstliche Intelligenz abnehmen?


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  • Fachkompetenz: Führungskräfte sind häufig die besten Fachleute, und wenn Mitarbeitende ein fachliches Problem haben, gehen sie zum Chef. Auch wenn Sie den Satz in Frage stellen – denken Sie mal an den klassischen Meister in handwerklichen Berufen: Er war und ist immer noch der Meister seines Fachs. Kann KI ihn ersetzen? Aber sicher: Kein Mensch kann das Wissen in einem Gebiet speichern wie es Maschinen können. Diese haben ein deutlich besseres Gedächtnis, sind rund um die Uhr verfügbar, haben keine schlechte Laune und werden uns nie von oben herab behandeln.
  • Entscheidungen treffen: Eine klassische Aufgabe für Führungskräfte – aber wie gut sind deren Entscheidungen wirklich? Können nicht schon heute Maschinen besser als Menschen analytische und datengetriebene Entscheidungen treffen – einfach, weil sie auf viel mehr Informationen zurückgreifen können? Sie wird aufgrund von Wahrscheinlichkeiten Lösungen vorschlagen, und – falls wir Zweifel haben – das auch begründen. Gute KI wird auch zugeben, wenn ihr nicht genügend Daten vorliegen und dann einräumen, dass sie eben keine Lösung für ein Problem hat.
    Dem Argument, dass wir aber nicht nachvollziehen können, warum eine KI so und nicht anders entscheidet, begegnet Van Quaquebeke logisch: Dann fragen wir sie: „Wie kommst du darauf?“ Sie wird uns dann ihre Logik geduldig erklären und nicht genervt die Augen verdrehen.
  • Personalauswahl: Hier plädieren Fachleute schon lange für mehr Standardisierung und Einsatz von Test, statt auf das Bauchgefühl zu hören. Wo, wenn nicht hier, kann KI uns helfen, den besten Kandidaten aus einem Pool von Bewerbern herauszufischen? Es wird der Zeitpunkt kommen, wo niemand mehr gegen die Empfehlung der Maschine entscheiden wird, allein weil man sich bei einem „Missgriff“ fragen lassen muss: Warum hast du nicht auf die KI gehört?
  • Mitarbeiten kündigen: Wie viele Manager werden erleichtert aufatmen, wenn ihnen die KI mitteilt, dass Mitarbeiter X soeben entlassen wurde, weil seine Ergebnisse nicht den Erwartungen entsprachen? Natürlich wird es dabei die Möglichkeit geben, eine solche Entscheidung zu revidieren, nach dem Motto: Der Mitarbeiter hat so viele Verdienste erworben, es ist mir egal, ob er nicht mehr funktioniert, ich kündige ihm nicht. Aber auch dann wird irgendwann die Frage gestellt werden: Wieso hast du nicht…? Bitterer Satz: „Es wird frustrierend sein, wenn wir feststellen, dass es letzten Ende wenig Sinn ergibt, gegen eine KI zu argumentieren, weil sie tatsächlich alles besser weiß.“
  • Beurteilung und Feedback: Ist vermutlich schon jetzt und in naher Zukunft kein Job mehr für Führungskräfte. KI wird uns ganz nüchtern mitteilen, welche Folgen unsere Tätigkeiten, was wir erreicht und nicht erreicht, welche Ergebnisse wir erzielt haben – und das ganz ohne Vorwurf, ohne sich vor unangenehmen Wahrheiten zu drücken. Und sie kann sogar „meine individuelle Kommunikation analysieren, darauf eingehen und ihr Vokabular daran anpassen“.
  • Personalentwicklung: Wohl dem, der eine Führungskraft hat, die regelmäßig nachfragt, was ich benötige, um im Job erfolgreich zu sein, die mir Hinternisse aus dem Weg räumt, mir die notwendigen Ressourcen zur Verfügung stellt und mir die Möglichkeit gibt, mir neue Kenntnisse und Fähigkeiten anzueignen. Die wenigsten werden an dieser Stelle sagen können, dass sie genau so einen Vorgesetzten haben. KI wird hier deutlich besser sein – sie wird nicht sagen, dass sie gerade keine Zeit für ein Gespräch hat. Sie wird auch keine albernen Ratschläge geben wie „Machen Sie doch mal einen Rhetorik-Kurs!“, sondern sehr gezielt auf unsere individuellen Bedürfnisse eingehen.
  • Motivation: Da müssen wir uns nun überhaupt keine Sorgen machen, denn während die meisten Führungskräfte Mitarbeitende eher demotivieren, wird all das, was bisher beschrieben wurde, dazu führen, dass wir über mehr Autonomie, mehr Freiheiten haben werden und mehr Kompetenzen nutzen können als zumindest unter „durchschnittlichen Führungskräften“. Denn wir brauchen sie schlichtweg nicht mehr.

Die Liste ist natürlich nicht vollständig, aber die Auswahl macht schon deutlich, dass wir uns langsam von der Vorstellung verabschieden sollten, als Führungskraft unersetzbar zu sein.

Ist das nun die perfekte Arbeitswelt? Vielleicht. Der Experte räumt ein, dass beim Einsatz von KI auch Dinge verloren gehen werden, die uns als Menschen auszeichnen und voranbringen. Wir wachsen zum Beispiel daran, Konflikte auszutragen, und an anderen zu reiben. Wenn wir uns nicht mehr mit lästigen Chefs herumschlagen müssen, wird unser „Miteinander verflachen“. Andererseits – und das ist die wirklich spannende Frage: Worüber definieren wir uns in Zukunft, wenn nicht mehr über unsere Arbeit oder die Karriere? Wenn KI immer mehr Aufgaben übernimmt: Was machen wir dann mit unserer Lebenszeit? Da haben wir die Wahl: Versinken wir in einer virtuellen Welt? Bekriegen wir uns oder „widmen wir uns mehr dem sozialen Miteinander und der Ästhetik?“ Wäre doch wunderbar, wenn diejenigen, die heute ihre Erfüllung und Entwicklung in einer Führungskarriere sehen, ihre Energie und ihre Kompetenzen auf anderen Gebieten einsetzen…

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