4. März 2024

Das Beste aus der Fachliteratur

People Produkte

KRITIK: Erinnern Sie sich noch an den Umbau der Personalabteilungen, die zu Self-Service-Centern, HR-Business-Partnern und Center of Expertise wurden? Ist schon wieder Schnee von gestern, jetzt werden sie zu People Product Entwicklern. So wie man online bequem von zu Hause einkauft oder seine Bankgeschäfte tätigt, so soll der Mitarbeitende in Zukunft per App begeistert werden (Employee Experience als digitale App-Erfahrung).

Es gibt kaum etwas, das nicht per App bewältigt werden kann. Das beginnt natürlich mit der Bewerbung (One-Click-Bewerbungen per Smartphone), setzt sich fort über die Einstellung, das Onboarding und begleitet dann den Mitarbeitenden, so lange er im Unternehmen verweilt. Und darüber hinaus, schließlich soll ja auch später noch der Kontakt gehalten werden. Vermutlich endet es dann mit der (digitalen) Todesanzeige im Netz, die per Click geschaltet und selbstverständlich individualisiert mit den Daten des Verstorbenen versehen wird.


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Personalerinnen, die sich auf diesen Weg machen wollen bzw. gar nicht mehr anders können, fangen am besten klein an. Sie entwerfen erste kleine Lösungen (das sind wie immer Urlaubsanträge oder Reisekostenabrechnungen), die sogenannten People Produkte, diese werden dann nach und nach um alle möglichen Funktionen erweitert. Um Lernplattformen zum Beispiel, da kann der Mitarbeitende dann maßgeschneiderte Lernmöglichkeiten nutzen. Wodurch die „Rolle des Personalbereichs, umfangreiche Trainingscurricula zu erstellen und Trainings selbst durchzuführen„, ganz oder teilweise wegfällt. Das erledigt das System, zunehmend natürlich dank künstlicher Intelligenz.

So wie bei unserer Banking-App erhält der Nutzer dann immer wieder Updates mit neuen Funktionen – wobei das Ziel gar nicht ist, alles mit einer einzigen App zu erschlagen. Wir möchten ja auch nicht mit der App, über die wir Musik hören, unsere Bankgeschäfte tätigen.

Der Personalbereich kann – mal wieder – darauf hoffen, mehr Wertschätzung zu erfahren, er „erkennt neue Geschäftsmöglichkeiten„. Und er kann die Call Center wieder abschaffen, denn so etwas „benötigen reife Organisationen nicht mehr„. Auch das Center of Expertise entfällt, dafür gibt es ja die Product Owner, der dessen Funktionen „absorbiert„, denn er „durchdenkt die gesamte Employee Experience„.

Wobei eine Konsequenz schon deutlich wird: Wenn Mitarbeitende dank der „People Produkte“ sich selbst um alles kümmern und sie ja auch keine Bankfiliale mehr zur Überweisung benötigen, so bietet es sich doch auch an, weitere Services z.B. die des Facility-Managements oder der Kommunikationsabteilung über solche People Produkte abzuwickeln. Da lösen sich dann auch funktionale Grenzen in der Organisation auf (und es werden sich neue bilden).

Und wozu all das? Natürlich um die Erwartungen der Mitarbeitenden kontinuierlich zu übertreffen und sie stärker ans Unternehmen zu binden. Da fällt mir auf, wie clever das ist: Wer erst mal an die Apps seines Unternehmens gewöhnt ist, der wechselt es nicht so schnell, dann muss man sich ja wieder an neue Apps gewöhnen. Es geht natürlich nicht um mehr Effizienz wie bisher bei der Neugestaltung der Personalprozesse, sondern über allem steht die Mitarbeiter-Experience.

Mitarbeiter-App in der Praxis

Klingt das arg ironisch bisher? Dann muss ich jetzt Abbitte leisten (tatsächlich habe ich das folgende Beispiel erst nach dem Verfassen des obigen Textes gelesen). Bei der Telekom arbeitet ein Team an einer Mitarbeiter-App (mit einem Product Owner, einem Scrum Master und acht Entwicklern) und scheint schon recht weit damit gekommen zu sein. Dort startete man mit der Funktion „Arbeitszeiterfassung“ – inzwischen gibt es keine lästigen Zeiterfassungsterminals mehr (Die HR-Welt von morgen mitgestalten). Gestartet im Jahr 2018 mit knapp 3.000 Usern ist man inzwischen bei mehr als 50.000 angekommen, die App hat nun 25 Funktionen (z.B. Anzeige der Gehaltsabrechnung, Krankmeldungen, einen Dokumentenscanner, das konzernweite Adressbuch u.a.).

Entwickelt werden diese Features zusammen mit den Betroffenen. Die nämlich können die App regelmäßig bewerten und Vorschläge machen, dazu finden Interviews und Fokusgruppen statt. Getestet wird dann eine Beta-Version mit 150 Personen, die Fehler werden behoben und dann geht es live. Die Bewertungen lagen zuletzt (Net-Promoter-Score) bei 8,34. Demnächst soll die Sprachsteuerung hinzukommen.

Vielleicht erleben wir es ja tatsächlich eines Tages, dass es gar keine Personaler mehr gibt, sondern nur noch Menschen, die sich um Menschen statt um Administration kümmern? Wer weiß…

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