13. April 2024

Management auf den Punkt gebracht!

Plastikwort

KRITIK: Da hat er mal wieder richtig zugelangt, der Herr Sprenger, und sich diesmal den Begriff „New Work“ vorgeknöpft. Dieser geht bekanntlich zurück auf den Philosophen Frithjof Bergmann, dessen Botschaft da lautet: Wir sollten das tun, was wir „wirklich, wirklich wollen“. Geht aber nicht. Weil jedes Wollen immer abhängig davon ist, welche Beschränkungen, Rahmenbedingungen und Grenzen gelten (Triumph der Parole). Wir sind immer fremdbestimmt, und Freiheit ist „stets eine Freiheit innerhalb von Grenzen; sie ist keine Unabhängigkeit, sondern die Wahl von Abhängigkeiten.“

Wenn also Bergmann uns auffordert zu schauen, was wir wirklich, wirklich wollen, dann sind nur zwei Interpretationen möglich: Entweder, wir tun ja alle ohnehin schon, was wir wollen, weil wir uns für eine von vielen Abhängigkeiten entschieden haben und jeden Tag neu entscheiden. Dann ist die Forderung eine hohle Phrase. Oder aber sie gaukelt uns vor, es gäbe keine Abhängigkeiten und wir wären grenzenlos frei zu entscheiden, dann ist es ein uneinlösbares Heilsversprechen.


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Da würde ich Herrn Sprenger gerne daran erinnern, dass es vielleicht immer auch Interpretationsmöglichkeiten zwischen den Extremen gibt. Na klar gibt es Gesetze und fiese Chefs und Regelungen und Arbeitsteilung und Wettbewerb. Und natürlich werde ich, egal, welche Tätigkeit ich wähle, auch fremdbestimmt sein. Aber da gibt ja auch ein mehr oder weniger an Fremdbestimmung. Und es gibt auch so etwas wie eine zeitliche Entwicklung. In bestimmten Lebensphasen bin ich von anderen Dingen fremdbestimmt als in anderen.

Ich erinnere mich an einen Auftritt von Herrn Sprenger, bei dem er einem Teilnehmer mit sehr deutlichen Worten klargemacht hat, dass er nicht jammern solle, sondern die Entscheidung, in diesem Unternehmen zu arbeiten, doch selbst gefällt habe. Ebenso wie die, für eine Familie zu sorgen, sich Haus und Auto zu leisten usw. Dieser ziemlich geknickte Teilnehmer hat eben zu einem bestimmte Zeitpunkt Abhängigkeiten gewählt, die ihn inzwischen vermutlich zu stark einschränkten und er feststellen musste, dass er etwas anderes vielleicht „wirklich, wirklich“ lieber wollte.

Genauso interpretiere ich die Aufforderung, sich zu überlegen, was man denn wirklich will. Sich in dem Moment, indem man weniger Sinn empfindet, unmotiviert ist, sich stark eingeschränkt fühlt und seine Potenziale nicht verwirklichen kann, darüber nachzudenken, welche Prioritäten man setzen möchte, was einem heute wichtiger ist und ob man eine neue Entscheidung treffen will – wohl wissend, dass man dann auch neuen Abhängigkeiten ausgesetzt ist. Oder mehr noch: Sich zu entscheiden, an den Rahmenbedingungen etwas zu ändern. Wo ständen wir heute, wenn es keine Menschen gäbe, die sich mit der Anzahl und Art der Wahlmöglichkeiten nicht abfinden und aktiv an den Änderungen von Regelungen, Gesetzen, Bedingungen der Lohnarbeit mitwirken würden?

Das ist der andere Aspekt der Forderung nach „New Work“, der hier zu kurz kommt. Er betrifft diejenigen, die die Macht haben, Regelungen und Rahmenbedingungen zu ändern. Als Arbeitgeber, Manager, Führungskraft, Unternehmer kann ich mir ja auch Gedanken machen, was die Menschen, denen ich einen Vertrag anbiete, vor allem wollen. Ich kann sie auch fragen, was sie „wirklich, wirklich wollen“. Und mich dann entscheiden, die eine oder andere Organisationsform, das eine oder andere Verhalten als Führungskraft zu wählen und auf andere zu verzichten. Immer im Rahmen der Möglichkeiten versteht sich. Auf diese Weise könnte New Work dabei helfen, dass Menschen sich für „bessere Alternativen“ entscheiden können.

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