14. April 2024

Management auf den Punkt gebracht!

Uhrzeit-Menschen

INSPIRATION: Das passiert mir in der letzten Zeit häufiger: Interviews mit interessanten Menschen liefern spannendere Einsichten als so mancher „Fachartikel“. Erst recht, wenn es um das „Lebenswerk“ geht. Dann findet man alle zentralen Erkenntnisse komprimiert in einem Text, so wie in dem Gespräch über „Zeit“ mit Karlheinz Geißler (Das Ende der Uhrzeit).

Der Zeitforscher erhält den „Life Achievement Award“ der managerSeminare und erklärt hier, warum wir eine neue Vorstellung von Zeit entwickeln sollten, und zwar eine, die uns guttut. Die herkömmliche Sicht sieht Zeit als eine Ressource, die begrenzt ist. Wie wir alle wissen, steigt der Preis für knappes Gut in einer Welt, die auf Wachstum und Markt ausgerichtet ist. Entsprechend steigt auch der Wert von Zeit, die ja tatsächlich in Euro und Dollar umgerechnet wird (Zeit ist Geld). Und was macht man, wenn etwas teurer wird? Man versucht, das Maximale aus der Ressource herauszuholen. Also wollen wir alle unsere Zeit so effizient wir möglich nutzen, das war auch der Sinn des klassischen Zeitmanagements.

Problem dabei: Es gibt im Zeitalter der Computer Dinge, die man nicht mehr schneller erledigen kann, das Maximum ist bei vielen Aufgaben erreicht. Bleibt nur noch, von Beschleunigung auf Verdichtung umzusteigen – wir machen immer mehr in der gleichen Zeit. Das stresst, vor allem, wenn wir diese Auffassung von Zeit auch in unserem Privatleben vertreten. Jede nicht genutzte Minute ist dann Verschwendung.

Kennen Sie vielleicht auch: Da sind Sie in einem schönen Urlaubsort, haben viel Geld für die Reise ausgegeben und wissen, dass die Zeit dort endlich ist. Also sucht man sie so gut es geht zu nutzen, wenn man schon mal dort ist, kann man doch unmöglich einfach nur am Hotelpool liegen – das könnte man woanders auch billiger haben. Also so viele Attraktionen wie möglich in das Zeitfenster packen, das ist mit Verdichtung gemeint. Um am Ende gestresst heimzukehren.

So wie ein Urlaub endlich ist, so ist es auch unser Leben. „Endlichkeit heißt ja, dass das Leben die erste und letzte Gelegenheit ist.“ Im Urlaub kann ich mir immer noch sagen: „Dann fahre ich eben nächstes Jahr noch mal hierher…“ Interessanter Aspekt: Gläubige Menschen haben es da etwas leichter, für sie ist das Leben eine Durchgangsstation, da kann man auch ruhig mal was „verpassen“.

Geissler plädiert dafür, dass wir unsere Vorstellung von Zeit ändern – wobei Zeit in der Tat ja nichts anderes als eine  Vorstellung, eine Konstruktion unserer Vorstellungskraft ist. Zum Beispiel Zeit als Lebensmittel. Lebensmittel genießen wir und versuchen nicht, aus jedem Stück Kuchen das Letzte herauszuholen. Wir sollten aufhören, uns von der Uhr den Takt vorgeben zu lassen – mehr noch, er glaubt, dass die Erfolgsgeschichte der Uhr zu Ende geht.

Nur woran sollen wir uns dann orientieren? Geisslers Empfehlung: An unserem Körper. Wir sollten auf unsere Körpersignale achten. In einer Zeit, in der man dank Internet überall und jederzeit auf alles Zugriff hat und deshalb seine Tätigkeiten nicht mehr nach Uhrzeiten ausrichten muss, können wir anfangen, „nach dem eigenen Körperrhythmus zu arbeiten statt nach standardisierten Zeiten„. Sicher, das ist das Privileg derer, die keine Schichtarbeit leisten müssen oder die nicht Dienstleister zu festen Öffnungszeiten sind. Aber solche Jobs werden seltener, und die Flexibilität steigt überall, das hat ja auch Corona deutlich gemacht.

Und in der Tat: Ich erlebe auch in meinem Umfeld, dass junge Leute sich zunehmend davon lösen, 220 Tage im Jahr, acht Stunden am Tag plus Überstunden zu arbeiten. Sie nutzen Elternzeiten, teilen sich Jobs und Kinderbetreuung, nehmen Sabbaticals. Es geht ihnen tatsächlich weniger darum, das Maximum aus der zur Verfügung stehenden Zeit herauszuholen, sondern sie so zu gestalten, dass es ihnen guttut. Herrn Geissler dürfte das gefallen.

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