KRITIK: Jahrelang hieß es unisono: Coaching boomt. Das wurde nur von wenigen als Medienhype und Verkaufsförderungsstrategie abgetan. Jetzt hat Coaching – offensichtlich coronabedingt – einen enormen Schub bekommen. Aber der behagt einigen so nun überhaupt nicht. Also vor allem den bislang etablierten Coaches nicht.
Denn auf dem unregulierten Markt operieren neben den sich seriös nennenden, etablierten Coaches, auch ungeniert Hallodris, Naivlinge, Scharlatane und offensichtlich auch Menschen, die ein ausgesprochenes Interesse am Geld anderer haben. Ohne dass für sie Professionalität, im alten, kontinentaleuropäischen Sinne von „das muss man studiert haben“, gelten würde. Und ethische Standards als Leitplanken mögen manche offensichtlich auch nicht so gerne. Lieber ein Anything goes: Was nicht verboten ist, das ist erlaubt.
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El Dorado: Life-Coaching
Jetzt kann man einwenden, vor allem, wenn man – wie unsereiner – im Laufe der Jahre viel Elend gesehen hat, dass das alles nicht neu sei. Und so konstatiert das auch Autorin Sylvia Jumpertz konsequenterweise in der managerSeminare (Das Pseudo-Coach-Problem). Da werden Erinnerungen wach an die Motivationsgurus der 1990er- und Nuller-Jahre: Jürgen Höller, Emile Ratelband und Bodo Schäfer. Auch die inflationäre Ausweitung des Coaching-Begriffs auf alles, was nicht bei Drei auf den Bäumen war, ist keine neue Erkenntnis – sondern schon locker 20 Jahre alt. Zu ergänzen wären auch die peinlichen Familienaufstellungen von Bert Hellinger – live vor Massenpublikum.
„Und jetzt haben wir den Salat!“ Der deutsche Coaching-Pionier Wolfgang Looss hat das schon früh („…aus dem Job raus, ist genauso hart, wie rein zu kommen“) vorausgesehen: Den Fluch, sich vermarkten zu müssen – und den Preis, den die Coach-Branche dafür zahlen muss. Der Soziologe Stefan Kühl nennt es ein Professionalisierungsdilemma (Die Professionalisierung der Professionalisierer?): Je mehr man sich puristisch auf seinen Professionskern konzentriert, desto enger wird der Markt; je mehr man in neue Tätigkeitsfelder expandiert, desto blasser erscheint dem Markt der eigene Professionskern. Doch der Mittelweg, so lehrt Marketing-Guru Michael Porter, führt geradewegs in den wirtschaftlichen Abgrund.
Der Fluch – oder nennen wir es: die Nebenwirkungen – sind nun gerade geballt ein heißes Thema in Publikumsmedien, insbesondere in TV-/Videoformaten: Von Gert Scobel über Jan Böhmermann, Svenja Kellershohn, Anja Reschke bis zu Carolin Hentschel und Eva Kunkel. Da wird recherchiert, aber eben auch skandalisiert. Autorin Jumpertz hat das in Textkästen übersichtlich zusammengestellt. Zum Nachschauen.
Personalisierung, Authentizität, Intimisierung, Emotionalisierung
Inszenierte Massenveranstaltungen, die Begehrlichkeiten wecken, unrealistische Traumwelten und finanzielle Abzocke, all das ist nicht neu und wurde auch immer wieder kritisiert (Hauch von Guru). So sei beispielsweise an das Buch „Coachingwahn“ (2011) von Erik Lindner erinnert, das heute nur noch antiquarisch erhältlich ist. Heute kommt die Kritik allerdings geballt als Welle daher und …

Es gab einmal die Interessengemeinschaft Coaching, Da waren 75 Coaches aufgelistet. Alle ehrbar und gut gebildet. Sie haben es nicht geschafft, auf der strategischen und der operativen Seite verbindlich Standorts zu definieren. Aus der Interessengemeinschaft ist der DBVC entstanden. Erst kein und fein- aber auch auch von egoistischen Interessen (Kohle, Zaster, Geld….) geprägt. Die individuelle Vermarktung war wichtiger als ein Ethos des Coachings.
Die Coachingverbände – round-table -habe auch ausser plakative Kleinkram nichts zu Stande gebracht. Der Markt ist zerstritten, uneinheitlich und geprägt von“Ich weiss es genau“. Die Firmen nutzen Coaches in der Regel auch nur als verlängerte Werkbank der Führung.
Ich glaube nicht mehr an ein einheitliches Verständnis von Coaching. Schade eigentlich, denn Coach ist eine feine Sache. Menschen selbstorganisiert selbstständig werden lassen ist eigentlich ein Grundinteresses des Grundgesetzes und des Unternehmers.
Danke Rolf für deine Worte
UND ich finde es okay, dass Coaching sich selbst regulieren darf und kann.
Jede feste Struktur schafft wieder Posten und Begehrlichkeiten und davon gibt es schon genug, finde ich.
Ich habe in 21 Jahren Erfahrung feststellen dürfen, dass die Coachees, die zu mir passen, mich auch finden.
Ich erlebe, dass die Unternehmen, mit denen ich gerne und auch aus Überzeugung für ihre Haltung zusammenarbeite, mich immer wieder anfragen.
Damit bin ich nicht reich geworden. Macht nichts.
Meine Arbeit als Coachin trägt mehr als meine anderen Tätigkeiten in Beratung und Training zu meiner persönlichen Zufriedenheit und Erfüllung bei. Im direkten Kontakt mit einem oder zwei anderen Menschen ist so viel möglich.
Ich bin wirklich froh, dass Coaching als Methode und Haltung mittlerweile anerkannt und verbreitet ist.
Qualität setzt sich im Coaching durch, kann ich beobachten.
Wenn Individuen selbst entscheiden dürfen und können sind sie eher immun gegen Programme, die alles versprechen. Sie hinterfragen Hypes, denen jede/r nachläuft und bleiben kritisch bei standardisierten Vorgehensweisen, die persönliche Bedürfnisse, Geschichten, Wünsche und Möglichkeiten ausblenden.
Wir brauchen Menschen, die selbst entscheiden, die ermächtigt sind und zuversichtlich bleiben.
Für diese Handlungsvollmacht kann Coaching einen wertvollen Beitrag leisten. Vielleicht ist dies die natürliche Begrenzung, die bestehen bleiben wird. Der bequemere Weg sieht anders aus.
Beste Grüße
Vera