3. Dezember 2023

Emergent Discovery

INSPIRATION: Innovationen entstehen selten über Nacht durch einen genialen Geistesblitz und auch nicht allzu oft als Produkt glücklicher Zufälle. Behaupten zwei Autoren, die Erfahrungen mit einem gut definierten Prozess gemacht haben, den sie „Emergent Discovery“ nennen. Sie orientieren sich dabei an der Evolution, auf diese Weise hat Moderna den Impfstoff gegen Corona „entdeckt“.

Wobei „entdeckt“ schon in die falsche Richtung weist. Denn tatsächlich geht ein Unternehmen namens Flagship Pioneering, das hinter Moderna steht, sehr systematisch vor und entdeckt keine neuen Produkte, indem man einfach herumstochert. Den Verlauf beschreiben sie im Harvard Business Manager sehr ausführlich (Von der Natur lernen), hier können wir nur die wesentlichen Bestandteile wiedergeben.

  1. Es beginnt damit, dass man sich relativ neue Gebiete aus Wissenschaft und Technik anschaut und interessante Ideen aufspürt. Man hält sich fern von Bereichen, in denen andere schon fleißig forschen. Das bedeutet auch, dass man nicht erst ein Problem benötigt, um sich auf die Reise zu begeben. Es kann auch sein, dass es sich einfach nur ein vielversprechendes Gebiet handelt. Zwei Kriterien spielen dabei eine Rolle: Besteht die Chance einer bahnbrechenden Innovation (im Sinne von „Bruch mit dem Bekannten“) und könnte sie neue Wertquellen schaffen – eben weil da doch ein Bedarf ist oder eine Nachfrage.
  2. Der nächste Schritt: Man fragt: „Was wäre, wenn…?“ Solche Fragen sind natürlich spekulativ, aber „ohne die Bereitschaft, über Alternativen jenseits des aktuellen wissenschaftlichen, technischen, gestalterischen oder wirtschaftlichen Horizonts nachzudenken„, gibt es keine bahnbrechenden Innovationen. Es geht um das „freie Spekulieren über neue Lösungen“. Womit schon klar ist, welche Anforderungen das an Mitarbeiter und vor allem Führungskräfte stellt: Sie müssen in der Lage sein, Dogmen in Frage zu stellen.
    Interessant hieran ist, dass es am Anfang vielleicht sehr vage „Was wäre, wenn..?“-Fragen sind, aber man viel Wert darauf legt, sie schnell sehr konkret zu formulieren. Also weg von „Was wäre, wenn wir ein Flugtaxi bauen könnten?“ hin zu: „Was wäre, wenn wir ein Gerät bauen, das selbstständig, gesteuert durch ein völlig autonomes Lenkungssystem mit Ultraschallsensoren, ausgestattet mit künstlicher Intelligenz und in der Lage, in Echtzeit usw…. bauen könnten?“
    Von solchen Hypothesen formuliert Flagship gerne auch mal mehrere parallel. Sie nennen sie „alternative Reiseziele„.

    Was Hypothesen betrifft, nennen die Autoren drei Irrtümer, denen andere gerne unterliegen:

    • Hypothesen müssen schnell bestätigt werden. Müssen sie nicht. Sie gehen davon aus, dass Hypothesen immer fehlerhaft sind und man viele Experimente benötigt, um sicher zu stellen, dass sie wirklich falsch sind. Wobei es offenbar auch bei Flagship Grenzen gibt. Das Machbare einer Idee darf maximal 1 bis 2 Millionen Dollar kosten und sollte binnen sechs bis zwölf Monaten geklärt sein.
    • Die Hypothese muss ein konkretes Problem betreffen. Das kann sein, aber muss nicht. Manchmal lohnt es sich auch, erst einmal viele mögliche Anwendungen im Blick zu haben.
    • Hypothesen dürfen schwammig sein. Sollten sie möglichst nicht, sie sollten konkrete Aussagen, wie etwas ablaufen kann, enthalten.
  3. Der nächste Schritt ist die Selektion. Man lässt die Hypothesen von vielen Experten prüfen, durch deren Hinterfragen und Optimieren entsteht der nötige Selektionsdruck. Er deckt die Schwachstellen auf und erst, wenn die aufgedeckten Schwächen zu groß sind, gibt man das Grundkonzept auf oder überdenkt es. Schritt für Schritt werden die einzelnen Bestandteile betrachtet, Experimente durchgeführt, um von der „Was wäre, wenn…“-Frage zur „Es hat sich gezeigt, dass…“-Aussage zu gelangen.
    Manchmal setzt man auch mehrere Teams an eine Hypothese, aber nicht um Konkurrenzdruck aufzubauen, sondern um mehrgleisig zu fahren und viele Ansätze zu testen.
    Dazu gehört auch die Haltung, dass es um Ideen, nicht um Urheber geht. Sie gehören allen, sind „kollektives intellektuelles Allgemeingut„.

In dem Beitrag wird das Vorgehen am Beispiel von Moderna und dem mRNA-Impfstoff demonstriert. Die Idee bzw. die Hypothese dazu gab es lange vor Corona, ohne diesen konkreten Anwendungsfall.
Die Geschichte ist faszinierend, und so skeptisch ich auch immer bin, wenn aus einem Erfolg nachträglich ein Erfolgsprinzip konstruiert wird – grundsätzlich reizt das Vorgehen tatsächlich sehr.

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