2. März 2024

Das Beste aus der Fachliteratur

Ent-Chefung

KRITIK: Das ist fürwahr ein echtes Problem: Da „stehen junge Karrieristen vor dem Problem, dass die nächste Stufe zu weit entfernt liegt, um sie zu erreichen.“ Wenn das mal kein gutes Argument gegen agile Organisationen ist. So gewinnt der öffentliche Dienst wieder an Attraktivität, da ist die Welt noch in Ordnung.

Das habe ich mir nicht ausgedacht, das ist nachzulesen in der Wirtschaftswoche. Die nämlich hat das Thema „Agilität“ nun auch entdeckt und sieht eine Menge Probleme (In den Trümmern der Macht). Wenn sich Führungskräfte überall überflüssig machen sollen und ihre Macht an Teams abgeben müssen, dann entsteht ein Machtvakuum. Und das wird natürlich von denjenigen gefüllt, die sich am besten präsentieren können. Lautsprecher und Narzissten setzen sich durch, „sie operieren oft ohne Mandat und mit informeller Macht“.


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Dass Menschen nicht ohne Macht auskommen, liegt an unseren animalischen Wurzeln. Wir neigen dazu, uns den Mächtigen unterzuordnen, wir brauchen also jemanden, der uns sagt, wo es langgeht. Und wenn nun plötzlich die Chefs fehlen, dann laufen wir dem hinterher, der „als erstes das Wort ergreifen – ganz gleich, ob das auch der mit der besten Idee ist.“

Natürlich dauert es in Organisationen mit selbstverantwortlichen Teams auch viel länger, bis Entscheidungen getroffen werden, weil es Verantwortungslücken gibt. Warum sollten sich Menschen auch um Dinge kümmern, die erledigt werden müssen, wenn ihnen dafür kein Karriereschritt in Aussicht gestellt wird? Wenn keine Titel, Statussymbole und Prämien winken?

Was für ein Menschenbild. Schon witzig, dass Stefan Kühl hier zitiert wird mit einem Beispiel aus seiner eigenen Welt, die der Professoren. Die nämlich seien sehr frei in ihren Entscheidungen, und obwohl alle wissen, dass es um den Wissensstand der Absolventen schlecht bestellt sei, unternehme keiner etwas. Niemand fühlt sich zuständig. Bedeutet wohl, dass die Herren Professoren dringend eine klare Hierarchie und Chefs benötigen. Die dann endlich aufräumen.

Ich finde all diese Argumente seltsam. Wer kommt denn in einer formalen Hierarchie an die Macht – etwa nicht die Lautsprecher und Narzissten? Und seit wann wird denn in klassischen Hierarchien rasch entschieden? Lustig, wenn hier behauptet wird, dass der öffentliche Dienst wieder attraktiv wird, weil er klare Aufstiegschancen bietet. Vor allem, weil hier ja so zügig entschieden wird. Tja, die „jungen Karrieristen“ von heute können einem schon leid tun, dass man ihnen die schönen Leitungspositionen wegnimmt.

Allerdings ist es ja wirklich schwierig, wenn man auf den unteren Ebenen die Führungskräfte abschafft und dann all die Teams direkt an die Top-Manager berichten lässt. Was ein Grund dafür ist, dass in großen Unternehmen das mit den agilen Strukturen nicht umgesetzt wird. Oder wenn doch, sich genau die beschriebenen informellen Machtinhaber entwickeln. Ähnlich wie das beim „Lean Management“ geschah. Da strich man ganze Hierarchieebenen und etablierte Teamleiter ohne disziplinarische Verantwortung. Und wunderte sich, als sich diese trotzdem wie Führungskräfte verhielten.

Auch selbst erlebt: In einem Team mit vier Mitarbeitern in der Produktion wurde nebem dem Teamleiter auch ein Mitarbeiter zum stellvertretenden Teamleiter ernannt. Weil er nur so eine Gehaltszulage bekommen konnte (also nur so „Karriere“ machen konnte“.) Die beiden verbliebenen Mitarbeiter beschwerten sich, dass er ab diesem Tag anfing, ihnen Anweisungen zu erteilen und anfing, sie zu kontrollieren.

Was also tun mit den „jungen Karrieristen“ in einer Welt, in der Menschen gemeinsam entscheiden und gegen ihre animalische Natur dann doch anfangen, selbst Verantwortung zu übernehmen? Indem sie z.B. Spielregeln aufstellen, wie sie miteinander umgehen und entscheiden wollen (hier am Beispiel B. Braun vorgestellt).

Vielleicht muss man sich um sie aber auch keine wirklichen Sorgen machen. Noch gibt es ja genügend Organisationen, die Ressortleiter und stellvertretende Ressortleiter haben wir z.B. die Redaktion einer Wirtschaftszeitschrift. Und eben den öffentlichen Dienst, der vermutlich als letztes agil wird.

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