KRITIK: Ist das nicht mal eine praktische und relevante Fragestellung für die Forschung? Definitiv! Denn mal liest in der Regel nur Beraterlatein zum Thema. Schauen wir uns also die Ergebnisse empirischer Forschung an!
Ich kann mir das so richtig vorstellen, denn ich selbst habe diverse studentische Projekte begleitet: Die Fragestellung poppt auf – und alle sind sofort elektrisiert. Dann geht es an die Literaturrecherche. Man holt sich den ersten Dämpfer ab, muss eingrenzen, präzisieren, ein Vorgehen entwickeln. Diskussionen, hin und her … Ich kürze das einmal ab: Was mir hier eine studentische Projektgruppe vorlegt: Chapeau! Klar: Das ist nicht der Stein der Weisen. Aber deutlich mehr als das Beraterlatein. Und man kann davon lernen.
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Es werden zwei experimentelle Studien vorgestellt (Wirkung von Hintergrundbildern in Videokonferenzen): Eine zum Fremd- und eine zum Selbstbild in der Online-Kommunikation. Weil wir wissen: It takes two to Tango! Und das Erkenntnisinteresse gilt den Effekten des Hintergrundbildes beim „Zoomen“ auf die „Big Two“ der Personenwahrnehmung (Wärme und Kompetenz). Wärme meint die wahrgenommene soziale Verträglichkeit eines Menschen. Kompetenz die Einschätzung zur Effektivität der Aufgabenerfüllung eines Menschen.
Wärme und Kompetenz
„Die Dimension Wärme löst hierbei Emotionen wie Sympathie und Vertrauen aus, während die Dimension Kompetenz Respekt und Bewunderung bewirkt.“ Wenn wir also online „gut rüberkommen wollen“ (Wo die Häsin im Pfeffer liegt), wäre solches natürlich hilfreich: Dass man uns sympathisch findet und für kompetent hält.
Nun wissen wir, das Selbst- und Fremdwahrnehmung nicht immer identisch sind. Unterm Strich möchten wir uns aber subjektiv wohlfühlen. Wenn dem so wäre, dann hätte all das Konsequenzen für unser Verhalten und für unsere Gesundheit. Was können wir also tun? Können wir uns online gut – oder besser als bisher – in Szene setzen?
Hier setzen also die jungen Forscher:innen an. Neben Gesichtsmerkmalen und der Frisur geben wir als Teilnehmende dem Publikum weitere Hinweisreize: Kleidung und visueller Hintergrund. Und hier spielen vermutlich Farben eine Rolle.
Zum Thema Farbe gibt es verschiedene Meinungen. Während man früher eher zu moderaten Farben riet, hat zuletzt hat die „Unexpected Red Theory“ der Interior-Dekorateurin Taylor Migliazzo Simon Aufsehen erregt. Und welche Rolle spielt das Geschlecht hierbei? Werden Frauen eher mit Wärme und Männer eher mit Kompetenz assoziiert? Viele Fragen also.
Farbliche Hintergrundgestaltung und Fremdwahrnehmung
In einem Experiment wurde die farbliche Gestaltung des Hintergrundes mit den Ausprägungen Rot, Blau, Grün und Weiß zufällig durchgespielt. Von den 173 Personen, die am Experiment teilgenommen haben, konnten nur 87 vollständige und qualitativ hochwertige Antworten genutzt werden. Es gab also einen gehörigen Dropout. Das ist bemerkenswert. Was sind die Gründe? 49 Personen hatten die Befragung frühzeitig abgebrochen oder mussten aufgrund unvollständiger Antworten entfernt werden. 23 Personen gaben zum Schluss an, sie hätten nicht durchgängig gewissenhaft geantwortet. Obwohl man den Teilnehmenden eindrücklich nahegelegt hatte, das Experiment nicht auf dem Smartphone durchzuführen, hatten es 11 Personen doch genauso gemacht. Und drei 3 Teilnehmende gaben zum Schluss bekannt, dass sie farbenblind seien. Na, herzlichen Glückwunsch!
Warum ich das so akribisch berichte? Nun, weil es verdeutlicht, wie schwierig empirische Forschung sein kann. Jetzt mag meine Leserschaft erwidern, na ja, die jungen Leute … kurze Aufmerksamkeitsspanne, geringe Disziplin etc. Geschenkt! Natürlich war die Stichprobe sehr jung, studentisch und überwiegend weiblich. Aber mal Hand aufs Herz: Wer von den Älteren nimmt sich denn gerne und gewissenhaft Zeit, an Forschung teilzunehmen?
Und die Ergebnisse dieser ersten Studie? Grüne und weiße Hintergrundgestaltung machen das Rennen. Rot geht gar nicht. Sowohl bei Wärme als auch bei Kompetenz. Das Geschlecht macht da keinen Unterschied.
Farbliche Hintergrundgestaltung und Selbstwahrnehmung
Auch hier zeigt sich wieder eine große Drop-out-Rate: Von 155 teilnehmenden Personen mussten 118 ausgeschlossen werden. Das ist bitter. Die Mehrheit ist einfach ausgestiegen. Letztlich konnten nur 37 Datensätze genutzt werden. Was für ein Aufwand, und welch geringer Ertrag.
Es zeigten sich ähnliche Ergebnisse wie zuvor: Grün und Weiß sind die Farben, die signifikant das Gefühl von Wärme, aber auch von Kompetenz – sowie von Wohlbefinden entstehen lassen. Das Geschlecht spielt dabei keine Rolle.
Konsequenzen
Was macht man nun mit den Ergebnissen? Eines ist klar: Die farbliche Gestaltung virtueller Hintergründe in Videokonferenzen spielt eine Rolle. Und zwar sowohl bei der Fremd- als auch bei der Selbstwahrnehmung sowie beim subjektiven Wohlbefinden. Aber warum? Eine Erklärung geht in die Richtung, Grün stehe für Pflanzen und beruhige. Ein rein weißer Hintergrund sei neutral, also auch ruhiger als manche Bücherwand. Es stehe schlicht für Kompetenz. Nur Rot sei einfach zu aggressiv.
Ich muss sagen, das klingt ein wenig ernüchternd. Wobei die Studierenden da sogar mit schwerem statistischem Besteck unterwegs waren. Die Einschränkungen, die die Autoren selbst machen, sind – insbesondere, was die Stichprobe betrifft – nicht von armen Eltern.
Es gibt da aber noch einen gravierenden Kritikpunkt, der von den Autoren selbst gar nicht angeführt wird: Die Farbe wurde lediglich als Bilderrahmen ins Bild montiert. Das ganze Bild – neben Bilderahmen und Person – wurde mit einer Blumenvase, in der Grünzeugs steckte, und einem weißen Hintergrund gerahmt. Man könnte das auch ein Framing nennen (Bullshit Bingo). Der Kontext bestimmt eben maßgeblich die Bedeutung des Texts.
Architekturpsychologie
Holzauge sei wachsam! Bei aller Akribie in der Versuchsplanung hat die studentische Forschungsgruppe den Elefanten im Raum nicht wahrgenommen. Und sie hätte auch noch tiefer in die Recherche gehen sollen, ja: müssen. Und zwar in Richtung Architekturpsychologie. Das Fraunhofer IAO hat dazu im Jahr 2019 eine interessante Veröffentlichung vorgelegt: Raumpsychologie für eine neue Arbeitswelt. Das ist eine wertvolle Fundgrube (übrigens: frei zugänglich), in dem auch das Thema Farbe nicht fehlt. Assistierend wäre noch das Büchlein der Architekturpsychologin Antje Flade zu nennen Kompendium der Architekturpsychologie.
Ich bin sicher, an der Hochschule Darmstadt nimmt man diese Kritik nicht persönlich, sondern entwickelt nun erst so richtig Ehrgeiz. Das hat doch das Zeug für Bachelor- und Masterarbeiten. Von dort werden wir demnächst bestimmt von weiteres hören.