13. April 2024

Management auf den Punkt gebracht!

Großzügig ausmisten

INSPIRATION: In Organisationen ist es nicht anders als im „richtigen Leben“. Da sammeln sich im Laufe der Jahre viele Dinge an, von denen wir uns äußerst ungern trennen. Das hat viele Gründe, die man hin und wieder hinterfragen sollte, um sich vom Ballast zu befreien und gerade den engagierten Mitarbeitern „Luft zum Atmen“ zu verschaffen.

Die Analogie ist einprägsam. Öffnen Sie mal Schubladen und schauen Sie in Schränke und stellen sich die berühmte Frage: „Trägt der jeweilige Gegenstand zu meinem Glück bei?“ Natürlich werden Sie bei vielen eher zu einem Nein tendieren – und ihn trotzdem nicht entsorgen. Warum nur? Es gibt einige psychologische Erklärungsansätze (Time to kehr), als da wären:


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  • Eine Tendenz zum Sammeln, die wohl in unseren Genen liegt. Stammt noch aus der Zeit, in der man auf schlechte Zeiten vorbereitet sein musste. Passt heute nicht mehr wirklich, oder? Außer man sammelt etwas Bestimmtes aus Leidenschaft und ganz bewusst, aber ich habe den Eindruck, dieses Hobby wird seltener.
  • Besitztumseffekt, auch Endowment-Effekt genannt. Wir bewerten das, was wir besitzen, höher als das, was wir nicht unser Eigentum nennen. Weil wir sonst ziemlich unzufrieden wären, denn dann müssten wir ja ständig mit dem Gefühl durch die Welt laufen, dass wir beim Erwerb eine Fehlentscheidung getroffen haben und weniger wertvolle Dinge besitzen.
  • Ikea-Effekt – den Namen hatte ich noch nicht gehört, bedeutet, dass wir Dinge, die wir selbst zusammengebaut haben, höher bewerten.
  • Verlustaversion: Wenn wir etwas wegwerfen, wird es uns fehlen, und wir wissen nicht, was wir stattdessen bekommen. Deshalb fürchten wir den Verlust und behalten etwas lieber als das Risiko einzugehen, bei einer „Neuanschaffung“ wirklich etwas zu gewinnen.
  • Unterlassungseffekt: Etwas nicht zu tun schätzen wir als weniger riskant ein als zu handeln. Man muss nichts tun, um Dinge zu behalten, während Wegwerfen eine aktive Handlung ist. Wenn man mal genau hinschaut, stimmt es ja wirklich: Unterlassung wird deutlich seltener geahndet als aktives Handeln.

All das kann man mit wenig Fantasie auch auf Regeln und Rituale in Organisationen übertragen. Zum Beispiel auf Besprechungen, Entscheidungswege, Vorschriften, Organigramme usw. So wie die Dinge, die wir horten, haben auch diese mal einen Sinn gehabt, aber oft werden sie beibehalten, selbst wenn ihr Zweck verloren gegangen ist. Und dann erhöhen sie nur die Komplexität, weil Mitarbeiter sich nicht nur um die eigentlichen Aufgaben, sondern auch noch um das Befolgen sinnloser Regeln kümmern müssen. So wie in dem Beispiel, bei dem Mitarbeiter Investitionen ab einer bestimmten Höhe aufwändig beantragen mussten. Wie reagierten sie? Sie stückelten die Anträge und alle verloren den Überblick.

Nicht gut, sagen Experten, gerade in Zeiten, in denen Flexibilität gefragt ist. Und wo Fachkräfte rar sind. Die nämlich werden arg gebremst durch überkommene Regeln und Rituale, und wenn sie diese hinterfragen und auf Verständnislosigkeit treffen, wenden sie sich rasch wieder ab. Auch da gibt es Parallelen: Ziehen Sie mal mit einem neuen Partner zusammen, der wird sich bei so manchem Gegenstand, den er beim Einzug in die Finger bekommt, wundern, warum Sie ihn behalten. Wenn Sie dann darauf bestehen, wird ihre Wohnung schnell aus allen Nähten platzen.

Die richtigen Fragen stellen

Was also tun? Da gibt es nun eine ganze Reihe von Tipps, angefangen damit, die richtigen Fragen zu stellen. Z.B.: „Was von dem, was wir heute tun, würden wir erst gar nicht mehr anfangen, wenn wir es nicht schon täten?“ Oder: „Für was, was wir heute tun, würden unsere Kunden eine Rechnung bezahlen?“ Oder: „Was würde passieren, wenn wir die Regel (das Ritual) ersatzlos streichen?“ Sicher auch eine gute Idee: Geben Sie neu eingestellten Mitarbeitern die Frage gleich am Anfang mit auf den Weg, dann ist deren Blick noch unverstellt. Aber hören Sie anschließend auch genau zu, wenn sie berichten, welche seltsamen Dinge sie gefunden haben.

Wobei der reine Fokus auf den Kunden mit Vorsicht zu genießen ist, denn dann wirft man vielleicht auch Dinge über Bord, die zwar nicht unmittelbar einen Nutzen stiften, aber für eine Organisation dennoch von großem Wert sind. Man kann Besprechungen streichen, weil in ihnen doch keine Entscheidungen getroffen oder die Informationen längst über andere Wege ausgetauscht werden. Aber manchmal stiften sie ja auch einen sozialen Nutzen. Deshalb passt die Frage „Was würde passieren, wenn…“ für mich am besten, dann fallen auch die „Nebenwirkungen“ auf. Und man kann überlegen, wie man diese ausgleicht.

Noch ein wichtiger Tipp: Wenn man sich von etwas trennt, an dem man immer noch irgendwie hängt, dann mag es helfen sich zu überlegen, wofür es einmal wirklich gut war, es entsprechend würdigen und sich dann feierlich verabschieden. Einfach mal „Danke“ sagen, auch zu einzelnen Gegenständen im Bücherregal zum Beispiel.

Übrigens: Nach der Lektüre des Artikels in der managerSemiare habe ich endlich die letzte Kiste, die noch seit über einem Jahr nach dem Umzug neben dem Schreibtisch stand, ausgeräumt, einen Teil der Dinge entsorgt und für die anderen einen neuen Platz gefunden. Für letztere ist, so fürchte ich, eine Kombination aus den oben genannten Effekten verantwortlich.

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