23. Juni 2024

Management auf den Punkt gebracht!

Nachdenken hilft

INSPIRATION: Ich hatte das Heft schon beiseite gelegt, als ich über den Titel eines Kommentars stolperte: Bullshitjob bleibt Bullshitjob. Worum geht es? Um den Vorschlag einiger Politiker, Überstunden oder zumindest ein Teil von ihnen sollten steuerfrei ausgezahlt werden. Als ich davon zum ersten Mal hörte, war ich schon fassungslos. Nicht nur, weil solche Ideen nach wie vor auf einem Menschenbild basieren, das extrem bitter, aber nicht aus der Welt zu schaffen ist: Haltet den Menschen eine Möhre hin, dann laufen sie.

Was noch viel bitterer ist: Es stimmt sogar. Aber anders, als sich die ach so schlicht gestrickten Vertreter einer neuen „Leistung muss sich lohnen“ Koalition das vorstellen. Der Reihe nach: Wozu gibt es überhaupt Überstunden? Ganz einfach: Manchmal fordern Jobs, die in einer bestimmten Zeit „im Normalfall“ zu bewältigen sind, plötzlich doch mehr Zeit. Ein Chirurg, der mitten in einer Operation steckt, wird kaum das Skalpell fallen lassen, wenn die Arbeitszeit abgelaufen ist, aber wegen aufgetretener Komplikationen die OP noch nicht beendet ist. Eine Busfahrerin, die einen plötzlich erkrankten Kollegen vertritt, lässt ihr Gefährt nicht einfach stehen. Und ein Erzieher, der länger bleibt, weil Eltern ihr Kind nicht rechtzeitig abholen, wird dieses nicht vor der Tür allein sitzen lassen.

Keiner von ihnen wird sich strickt an die vereinbarte Zeit halten, vermutlich werden die meisten sogar auf irgendwelche Zuschläge verzichten. Wenn dergleichen nur hin und wieder vorkommt. Problematisch wird es, wenn solche „Sonderzeiten“ die Regel sind. Dann wird auch jeder noch so motivierte Leistungsträger entsprechende Gegenleistungen fordern. Nachvollziehbar.

Verdiente Kompensation

Das lässt doch eigentlich nur einen Schluss zu: Organisiert die Arbeit besser, dann muss niemand Überstunden machen. Einwand: Würden wir ja gerne, wenn wir denn genug Personal hätten. Und schwupps, kommen so seltsame Ideen auf: Wer also nicht genug Personal hat und deshalb Überstunden an der Tagesordnung sind, soll nun ein Mittel an die Hand bekommen, diese interessanter zu gestalten. Nicht inhaltlich natürlich, sondern finanziell. Herr, lass Hirn regnen! Manchmal hilft einfach nachdenken …

Immerhin sind die Experten des Finanzministeriums so schlau zu erkennen, dass damit die Verlockungen steigen, auf Teilzeit zu gehen, den Rest als Überstunden abzuleisten und dafür keine Steuern zu zahlen. Prompt kommt der Ergänzungsvorschlag: Dann gilt die Befreiung nur ab der 41. Arbeitsstunde – also für „Vollzeitler“. Da wird der Arbeitgeber aber vor Freude in die Hände klatschen. Ich sehe die Führungskräfte schon vor mir, die einen Teilzeitler um eine Überstunde bitten, der ihnen aber den Vogel zeigt und erklärt: „Frag doch die Kollegin in Vollzeit – die hat richtig was davon!“

Das Argument der Kommentatorin in der Wirtschaftswoche ist bestechend einfach: Wenn das mit der Organisation der Arbeit wegen fehlenden Personals nicht geht, dann macht die Jobs so interessant, dass die Menschen gerne zur Arbeit gehen. So einfach ist das. D.h. natürlich alles andere als einfach, aber es wäre schön, wenn sich die Populisten darüber Gedanken machen würden statt mehr Geld für mehr „Leistung“ zu fordern.

Schwanzprämien

Womit noch einmal das Menschenbild ins Spiel kommt: Ist derjenige, der Überstunden macht, schon deshalb leistungswillig? Und diejenige, die dankend ablehnt, weil sie „Besseres“ zu tun hat, nicht? Theorie X von McGregor lässt grüßen. Sie erinnern sich? Faul, bequem, an Leistung nicht interessiert. Es sei denn, ihm werden Steuern erlassen. (Was schon allein deshalb absurd ist, weil die Allgemeinheit auf Steuern verzichten soll, weil einzelne Unternehmen schlecht organisieren oder Bullshitjobs anbieten …)

Und warum stimmt es doch? Da muss ich an die Geschichte mit der Schwanzprämie denken. Wer für ein bestimmtes Verhalten bezahlt wird, wird sich irgendwann überlegen, wie er an das Geld kommt – egal, wie leistungsbereit er eigentlich ist. Wer für Überstunden besser bezahlt wird als für „normale“ Stunden, wird eben genau das tun: Überstunden schieben. Das, so auch die Kommentatorin der Wirtschaftswoche, ist doch ein alter Hut: Wer plötzlich merkt, dass ihm noch ein paar Urlaubstage fehlen, wird plötzlich „fleißig“ (Gut gemeint).

Man könnte solche Vorschläge abtun mit dem Hinweis, dass man in bestimmten Positionen nun mal erfinderisch sein muss, nach dem Motto: „Hauptsache, es kommt erst mal gut an!“ Populismus eben. Egal, ob sinnvoll oder nicht. Ich fürchte aber fast, das ist ernst gemeint. Was nun wirklich bitter ist.

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