24. Mai 2024

Management auf den Punkt gebracht!

Gut gemeint – über Verschlimmbesserungen

INSPIRATION: Von Kindesbeinen an hat man uns eingeimpft, dass wir in einer Welt der Ursachen und Wirkungen leben. Also arbeiten wir getreu nach diesem Motto. Doch ärgern wir uns immer wieder über Nebenwirkungen, versuchen sie zu vermeiden, zu kompensieren, zu verleugnen. Die wenigsten kommen auf die Idee, das Konzept in Frage zu stellen.

Die Autoren Stefan Kaduk und Dirk Osmetz (Ungewollt folgenreich) bringen eine Fülle von Beispielen an, die zeigen, was wir uns da ständig einhandeln. Die spektakulärste Geschichte ist die aus dem Hanoi Anfang des 20. Jahrhunderts. Damals hatte die französische Kolonialmacht dort ein Abwasserkanalsystem gebaut. Hanoi sollte „modern“ werden und sauber. Es kamen aber die Ratten. Also lobte man Fangprämien aus. Für jeden Rattenschwanz gab es Geld. Innerhalb kürzester Zeit war Hanoi von Heerscharen schwanzloser Ratten bevölkert. Diese vermehrten sich nicht nur fröhlich weiter und zeugten schwanztragende Kinder. Zudem schossen Rattenzuchtfarmen aus dem Boden. Es war ein Geschäft geworden.

Die Autoren bringen weitere haarsträubende Beispiele. Man fühlt sich an die alte griechische Sage der Hydra erinnert, der für jeden abgeschlagenen Kopf zwei neue nachwuchsen. Warum sind wir nicht sensibel für unbeabsichtigte Folgen unserer Handlungen – eben auch im Business? Ein Klassiker dort ist das Outsourcing.

Es geht darum, Fixkosten zu variablen zu machen und Arbeitskosten zu senken. Und was handelt man sich ein: Den Abbruch von Lieferketten, was wir gerade in Pandemiezeiten schmerzlich erleben (Fiebermedikamente für Kinder). Oder man sourct eigene Probleme aus, indem man den Outsourcing-Partner nicht die Freiheit gibt, die Probleme auf seine Art zu lösen, sondern ihm die Lösung dezidiert vorschreibt (Outsourcing-Paradoxon). Oder man stolpert in die Aktivitätsfalle: Wenn „der Dienstleister für jede Transaktion bezahlt wird, und zwar unabhängig davon, ob diese überhaupt benötigt wird,“ wird das schnell teuer.

Der Wahnsinn hat Methode: Wir kennen diese Fehlsteuerung aus anderen Bereichen, beispielsweise vom Kult um Kennzahlen (Gefährliche Zahlenspiele). In seinem lesenswerten Buch „Erfolgreiches Business-Coaching“ (Ein Branchen-Tabu) hat Carsten Schermuly den Selbstbetrug schon am Beispiel Coaching dargelegt. Die Autoren Kaduk und Osmetz resümieren daher: „Es liegt in der Natur der Sache, dass jede Handlung, jede Entscheidung, jede Strategie, alles, was in irgendeiner Form willentlich oder unabsichtlich getan oder herbeigeführt wird, eine Vielzahl an Wirkungen hervorruft.“ Fatal wird es aber, wenn wir das nun in ein zweiwertiges Entweder-Oder zwängen. Dann wird das Gegenteil von gut radikal auf schlecht verkürzt. Kaduk und Osmetz verweisen auf den Soziologen Robert K. Merton, um einen Ausweg zu weisen. Genauso gut könnte man auf Heinz von Foerster und die Kybernetik 2. Ordnung verweisen: Nur aus der Metaperspektive löst sich das vordergründige Dilemma zu einer Pluralität an Optionen auf (Entscheidungen mit dem Tetralemma).

Das muss man sich aber erst einmal trauen: Sind wir nicht umgeben von unzähligen Zeitgenossen, die das Lied von Ursache und Wirkung singen? Die sagen: War es nicht gut all die Jahre? Wer maßt sich da an, das bewährte in Frage zu stellen? Wo kämen wir denn hin, wenn das jeder machen würde? Na ja, würde ich sagen, wenn man Fragen stellt, reflektiert, relativiert, auf die Metaebene steigt, kommt man in eine Welt, in der man systemisch denkt. Man müsste das aushalten können und wollen. Die Autoren Kaduk und Osmetz bedienen sich pragmatisch der Metapher eines Medikamenten-Beipackzettels. „Ein waches Interesse an dem, was passieren könnte“ dürfte hilfreich im Management sein. Und die Lust am Experimentieren (Erlaubnis zum Experimentieren). Denn – es könnte ja auch immer anders sein … schauen wir mal nach!

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