22. April 2024

Management auf den Punkt gebracht!

Neues Buzzword: Business Ökosysteme

KRITIK: Vergleiche hinken, das ist bekannt. Doch Blinde und Lahme können sich zusammentun. Das ist clever. Es braucht dann nur noch ein neues Buzzword und schon kann die Post abgehen! Was früher Lieferkette hieß, heißt heute Wertschöpfungsnetzwerk und morgen Business Ecosystem.

Es geht darum, dass das Ganze mehr als die Summe der Teile sein soll. In der Systemtheorie nennt man dies Emergenz. Doch die Protagonisten des neuen Konzepts Business Ecosystem scheinen sich mit systemischem Denken nicht sonderlich auszukennen. Sie kommen aus der IT. Dort regiert das Paradigma des Maschinenmodells. Internet of Things (sic!) und Digitalisierung sind die Konzepte, die hier – klingt auch gleich viel freundlicher – mit dem Begriff Ökosystem umschrieben und zu einer Vision weiterentwickelt werden.


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Doch Ökosysteme sind in der Natur mehr als zusammen gewürfelte Dinge, Fuchs und Hase leben in einer sensiblen Koevolution, die sie sich nicht ausgesucht haben, und deren Zustand von chaotischen Verläufen geprägt ist. Mal verhungern die Füchse, weil sie zu viele Hasen gefuttert haben. Dann vermehren sich die Hasen wieder wie wild, weil die Füchse…

Die Welt der Business Ecosysteme tickt anders. Ihr Grundgedanke ist, dass man durch eine Zusammenarbeit mit anderen Unternehmen neue Chancen eröffnen kann. Kein neuer Gedanke. Schließen sich Unternehmen einer Branche zu solchen Netzwerken zusammen, ist das schnell ein Fall für die Kartellbehörde. Denkt man über die Branchengrenzen hinweg, fällt ein Argument gegen Kartelle weg, weil dadurch keine Wettbewerbsverzerrung entstehen muss. Der Blick geht eher auf die Synergie der beteiligten Player im Markt insgesamt. Was faszinierend ist. Kleine, große, alte, junge und so weiter Unternehmen, jeder steuert einen Teil bei. Doch nicht im alten Sinne: Ich die Latten, du die Nägel, er den Hammer und sie die Säge, so wie eine Genossenschaft, sondern man sorgt auch für Entwicklungspartnerschaften und vor allem sorgt man dafür, dass alles per IT zusammenhängt. Das Zauberwort dafür lautet API: Application Programming Interface. Es ist eine universale Schnittstelle, so etwas wie ein USB-Anschluss, nur „größer“. Viele kleine Softwarebausteine fügen sich so zu etwas Größerem, man denke an Google Play oder Apples App-Store. „Dieser Ansatz senkt Interaktions- und Investitionskosten und fördert Innovationen,“ so Bernhard Kirchmair (Das interne und externe Ökosystem verbinden).

Damit diese Zusammenarbeit nun funktioniert, braucht es Regeln und Verträge. Fuchs und Hase brauchen das nicht. Sie können auch die Koevolution nicht kündigen. Im Tierreich gibt es zudem weder Urheberrecht noch Industrienormen. Man trifft sich ebenfalls nicht zu Speed Datings, um sich zu beschnuppern. Stattdessen: Rollenspiele und Systemaufstellungen, wie Michael Lewrick (Der Zusammenarbeit den Weg bereiten) empfiehlt, denn die „haben einen transformativen Charakter“.

Es finden sich zahlreiche Unternehmensbeispiele im von Gastredakteur Professor Julian Kawohl herausgegebenen Schwerpunktheft, der seinerseits Amazon als Paradebeispiel für den Ökosystemansatz herausstellt (Vom Mauerblümchen zum Erfolgsgaranten) und als Kern der Plattformökonomie die Parole der radikalen Kundenorientierung ausgibt. Doch das bildet nur die eine Seite der Medaille. Die andere ist ein nötiger Wandel in der Unternehmensidentität: Man wird Teil etwas Größeren, so wie Nationalstaaten in Europa.

Einen Brückenschlag zum analogen Ökosystem wagt dann noch Denis Krechtling (Analoge Ökosysteme gestalten). Seine Idee: Das eigene Stadtviertel als Ökosystem verstehen und nach dem Motto nutzen: Es braucht nicht jeder Haushalt eine eigene Bohrmaschine. „Die bauliche Infrastruktur ist das ‚Device‘, auf dem wir Produkte und Dienstleistungen konsumieren können.“ Man muss nur wissen, was vor Ort verfügbar ist oder man von außen zukaufen muss. Und was die Bedürfnisse der Bewohnerschaft sind. Dann clustert man diese zu Lebensbereichen und Personas (=neudeutsch für typische Nutzer). Dafür braucht man… ist klar: Eine App. So weit, so verständlich und vieles hat man schon seit Jahren gelesen. Etliches ist auch schon längst in vivo vorfindbar. Spannenderweise schließt sich noch eine Reflexion über die spezifischen Rollen von Unternehmen in diesem Spiel an, faites vos jeux: Orchestrator, Realizer oder Enabler? Nicht beantwortet wird die Frage, warum die Kommunen solches nicht bereitstellen und moderieren. Falsche Frage?

Fuchs und Hase beschäftigen sich nicht mit juristischen Hintergründen, mit Risikomanagement oder Rollenklärung… Vergleiche hinken: Fragt der Hase den Fuchs: Bist du Orchestrator, Realizer oder Enabler? Sagt der Fuchs: Ist mir doch egal, wie das heißt, Hauptsache ich kann Dich fressen!

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