20. Juni 2024

Management auf den Punkt gebracht!

Wessen einziges Instrument ein Hammer ist

INSPIRATION: Während in Lockdown-Zeiten das Thema „Zoom Fatigue“ in den populären Medien schnell diskutiert wurde, brauchte die Wissenschaft ein wenig länger, dem Phänomen auf den Grund zu gehen. Forschung braucht schließlich Zeit und Gewissenhaftigkeit. Bemerkenswerte und tiefe Einblicke lieferte zuletzt eine Forschergruppe um die Hamburger Sozialpsychologin Nale Lehmann-Willenbrock (Das Schlechteste aus beiden Welten). Nun gibt es zwei weitere lesenswerte wissenschaftliche Beiträge in der Zeitschrift OSC. Die ForscherInnen stammen von der Berliner Humboldt-Universität.

Sebastian Kunert (Online-Meetings: Fluch und Segen) geht der Frage nach, was Online-Meetings von Präsenztreffen unterscheidet, worin die Gründe für die vorzeitige Erschöpfung in solchen digitalen Formaten bestehen und auf welche Risiken man sich beim Einsatz gefasst machen muss. Dabei kommt er schnell auf die populäre und oft kolportierte 80er-Jahre-Theorie von der sogenannten Kanalreduktion zu sprechen: In der Online-Kommunikation haben wir nur zwei „Kanäle“ – den auditiven und den visuellen. Diese Theorie wird oft nur halb verstanden und führt dann zu falschen Schlüssen. So ist heute nicht Informationsdefizit das Problem, sondern vielmehr Informationsinflation. Zudem zeigt der Autor, und das ist wirklich erhellend, wenn man weitere Kanäle hinzufügt (z.B.: Chat, Emoticons, geteilte Bildschirme, temporäre Kleingruppen), führt das nicht zwangsläufig zu einer besseren Kommunikation. Wir erleben Parallelität („separierte Gleichzeitigkeit“), aber noch lange keine gewünschte Ganzheitlichkeit wie in der Präsenzsituation: „Den Botschaften in den verschiedenen Kanälen mangelt es an gegenseitiger Bezogenheit.“


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In Parallelwelten nebeneinander

Deshalb werden Online-Meetings oft als sehr anstrengend erlebt. Hinzu kommt, dass man sich vor dem Bildschirm als Teilnehmer:in „gefesselt“ fühlt. Alle Teilnehmenden erleben sich zudem ununterbrochen auf einer Bühne präsentiert und potenziell angestarrt, was Stress auslöst. Und weil man sich dauerhaft selbst sieht, wird man vom Inhalt des Meetings abgelenkt, leicht verschiebt das den Fokus hin zu einer distanzierteren Bewertung der Situation. Der Autor zählt noch weitere Aspekte auf, die die Online-Situation speziell machen. „Alles in allem binden Online-Meetings allein durch ihren Einsatz eine große Menge kognitiver Energie, die in der Folge nicht mehr für produktive und kreative Prozesse verfügbar ist.“

Und wenn man sich jetzt noch vergegenwärtigt, dass die eine oder der andere neben dem Meeting noch Mails checken oder anderen Tätigkeiten nachgehen – ich erinnere mich da lebhaft an eine Szene auf dem Campingplatz, wo der Nachbar am Waschbecken sich in aller Ruhe rasierte, während das Handy mit der Zoom-Konferenz, natürlich mit ausgeschaltetem Ton und Kamera, fröhlich vor sich hin quakte – mag man sich das Ausmaß des Effizienzverlusts leicht ausrechnen.

Pseudokommunikation

Die Autorengruppe um Thomas Bachmann (Teamarbeit in Präsenz vs. remote) geht empirisch der Frage nach, inwiefern sich virtuelle Meetings von Präsenzmeetings in messbaren Parametern unterscheiden. An der Studie nahmen 54 reale Teams teil. Die Forschungsergebnisse zeigen, dass Online-Gruppenarbeit als psychisch und physisch anstrengender und gleichzeitig monotoner erlebt wird als in der Präsenzgruppe. Die Online-Teams brauchen insgesamt mehr Diskussionszeit, die Anzahl der Redebeiträge pro Person ist geringer, die Dauer der einzelnen Beiträge hingegen nimmt zu. Und letztlich ist die Teamleistung in der Online-Gruppe schlechter als im Präsenzmeeting. Da haben wir es nun also schwarz auf weiß.

Des Pudels Kern der Kommunikation

Autor Sebastian Kunert verweist an dieser Stelle auf die Kommunikationsaxiome der Forschergruppe um Paul Watzlawick. Bravo! Man kann auf den Klassiker aus dem Jahre 1969 (Menschliche Kommunikation) nicht oft genug hinweisen. Denn da wurde schon brillant dargelegt, was des Pudels Kern der Kommunikation ausmacht. Autor Kunert zeigt die Relevanz der Unterscheidung von Sach- und Beziehungsebene für die Online-Kommunikation auf: „Der technik-bedingte Fokus auf die Sachebene hat zur Folge, dass eine psychologische Distanz zwischen den Beteiligten entsteht und die Kontaktqualität leidet.“ Ähnlich erhellend lesen sich die Argumente hinsichtlich der Unterscheidung von analoger und digitaler Kommunikation. Absolut lesenswert!

Keine Frage: Online-Meetings können ein Segen sein. Man sollte allerdings wissen, wofür sie sich eignen (Informationsaustausch und -sammlung) und wofür nicht (Kreativität, Problemlösung, Entscheidungsfindung). Auch hier könnte man leicht wieder auf Watzlawick verweisen: Wessen einziges Instrument ein Hammer ist, sieht auf der ganzen Welt nur Nägel. Oder umgekehrt: Versuche nicht, mit einem Schraubenzieher einen Nagel in die Wand zu treiben. Neuere Theorien der Medienpsychologie unterstreichen genau diesen Sachverhalt und weisen die Kanalreduktionsthese als halbgar und platt zurück.

Online-Meetings sind kein Allheilmittel. Aber sie müssen auch kein Fluch sein. Ihr Einsatz ist voraussetzungsvoll. „Das Geheimnis gelungener Online-Meetings besteht darin, sie nicht isoliert zu verwenden, sondern eingebettet in eine Kommunikationslandschaft.“ Solche Erkenntnisse haben sich – zum Glück – auch schon in der Praxis herumgesprochen (Fokussierte Ineffizienz).

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