23. August 2026

Management auf den Punkt gebracht!

Nützliche Heuchelei

KRITIK: Da fühlte ich mich erst mal gut abgeholt: Unternehmen produzieren aufgeblasene Leitbilder, banale Purpose-Statements und „am laufenden Band verbalen Dünnschiss“ und wundern sich dann, wenn sie beim Heucheln erwischt werden (Schein muss sein). Genauso ist es. Aber diese Scheinheiligkeit sei kein Problem, sondern eine Lösung, behauptet Stefan Kühl. Und da fühle ich mich dann nicht mehr wohl. Die Argumentation ist folgende: Die Heuchelei muss ja einen guten Grund haben, eine Funktion erfüllen, und die sieht so aus:

Unternehmen oder alle Organisationen sind mit Erwartungen konfrontiert, die sie erfüllen müssen, um erfolgreich bestehen zu können. Einerseits sollen sie Profit erwirtschaften und Luxusautos liefern. Andererseits sollten sie nachhaltig handeln und die Umwelt schonen. Würde sie nur die eine Seite betonen und behaupten, man kümmere sich natürlich vor allem um den Profit, würde das einen Teil der Kundschaft bzw. der Gesellschaft abstoßen. Das ist ein hohes Risiko, so wie es auch für eine Partei ein riskantes Unterfangen ist, ausschließlich auf das C oder das S im Namen zu setzen.


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Die Konsequenz: Man baut nach außen eine hübsche Schutzhülle auf, erzählt etwas von „Gleichberechtigung“ und „Nachhaltigkeit“ und „Mehrwert“ und lässt sich damit „offen, welche Entscheidungen in einer konkreten Situation zu erwarten sind“. So brauchen also Automobilkonzerne „eine ausgeschmückte Autobühne, um ihre Autos einigermaßen ungestört herstellen zu können.“

Gleiche Funktion: Bullshit

Bevor ich mich damit näher auseinandersetze, ein zweites Beispiel: Warum grassiert allerorten der „Bullshit-Sprech“? Weil Führungskräfte vor einem ähnlichen Dilemma stehen. Sie sollen einerseits Selbstorganisation zulassen und Teams ungestört arbeiten lassen. Andererseits aber sollen sie für deren Entscheiden und Handeln die Verantwortung übernehmen. Bullshit-Sprache bietet einen Ausweg aus dem Dilemma, so wie die Hochglanz-Leitbilder für die Unternehmen. Man labert etwas von „New Work“ und macht dann weiter wie bisher. Die gleiche Lösung also: Es gilt, nach außen eine Scheinwelt zu kreieren, damit man innen handlungsfähig bleibt.

Doch Achtung, sagt Kühl, das kann auch schwer in die Hose gehen. Die größte ist der Zynismus der Mitarbeitenden. Vor allem bei jenen, die sich eigentlich mit ihrem Job und ihrem Arbeitgeber identifizieren. Die fühlen sich verschaukelt und in ihren hehren Vorstellungen verletzt. Und hier hat auch der Zynismus eine Funktion: Er schafft die notwendige Distanz, um überhaupt noch seiner Tätigkeit einigermaßen engagiert nachkommen können und nicht völlig abzuschalten. Nach dem Motto: „Der Quatsch geht auch vorbei, dann kommt der nächste und der nächste. Hauptsache, mich lässt man in Ruhe meine Arbeit machen!“ Wer also meint, mit schönen Purpose-Statements die Identifikation der Mitarbeitenden zu erhöhen, erreicht genau das Gegenteil.

So, und nun frage ich mich, was nun daraus folgt? Also weiter heucheln, weiter Bullshit produzieren, aber mit Bedacht, mit Augenmaß? Oder vielleicht so: „Liebe Mitarbeitenden, nehmt das nicht so ernst mit de…

Johannes Thönneßen

Dipl. Psychologe, Autor, Moderator, Mitglied eines genossenschaftlichen Wohnprojektes. Betreibt MWonline seit 1997. Schwerpunkt-Themen: Kommunikation, Führung und Personalentwicklung.

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