2. März 2024

Das Beste aus der Fachliteratur

Versteckt in grauen Kästen

INSPIRATION: Ich bin nicht sicher, ob der folgende Beitrag eher inspirierend oder mehr frustrierend ist. In der Serie „Musterbrecher“ setzen sich Stefan Kaduk und Dirk Osmetz mit der Frage auseinander, was eigentlich davon zu halten ist, dass plötzlich „Non-Konformität“ das neue „Normal“ ist, alle Welt über den Tellerrand hinausschaut (Out-of-the box), überall die Komfortzone verlassen wird (Against all Odds). Schaut man hinter die Kulissen sieht die Sache ganz anders aus. Dort nämlich ist vom „Aufbruch zu neuen Ufern“ keine Spur.

Ihre Erkenntnis: Schaut man sich die Abläufe vor Ort an, kommt man nicht darum vorbei festzustellen, dass überall die gleichen Systeme, die gleichen Prozesse und Strukturen und Instrumente existieren. Die Probleme mit den Prozessen sind auch die gleichen, ebenso die Sorgen der Betroffenen. Führungskräfte verbringen 80-90% ihrer Zeit damit, „im System zu arbeiten, also das Bestehende nach konventioneller Logik zu verbessern.“ Und das ist unabhängig von Branche oder Art der Organisation – ob Handelskonzern, Behörde oder Mittelstand.


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Das ist schon bitter – andererseits: Ist es nicht logisch? Menschen tun sich zusammen, damit nicht jeder das Rad neu erfinden muss, und wenn etwas funktioniert – warum sollte man das dann ständig ändern – egal, was auch immer die Veränderungspropheten erzählen?

Feldverweis?

Dazu kommt ein weiteres Phänomen: Organisationen sehen sich ständig mit Erwartungen von außen konfrontiert, sie müssen sich gegenüber der Gesellschaft legitimieren. Zum Teil sogar höchst formell, wie das z.B. bei der ISO-Zertifizierung der Fall ist. Wer sich da nicht anpasst, der „muss damit rechnen, vom Feld verwiesen zu werden.“ Womit sich dann niemand wundern darf, wenn Führungskräfte mit dem Verweis auf die „faktischen Zwänge“ jede Forderung, doch mal zu experimentieren und gegen die Regeln zu handeln, ablehnen?

Was hat es nun damit auf sich, dass gleichzeitig alle damit „prahlen“, eben doch ganz anders zu sein? Kommen sie damit nur einer weiteren Erwartung nach, nämlich der, sich (zumindest äußerlich) von allen anderen zu unterscheiden, eben einzigartig zu sein? Und was ist von solchen „Plastikwörtern“, die immer wieder fallen, zu halten: Angstfreiheit – kollektive Intelligenz – Mut – Authentizität … Nur Bullshit-Sprache, notwendige „Scheinheiligkeit“, wie sie Stefan Kühl im gleichen Heft postuliert (Nützliche Heuchelei)?

Witzige Erkenntnis: Meist stammen sie aus dem Reich der Wissenschaft (wie z.B. Angstfreiheit aus dem Konzept der psychologischen Sicherheit), werden als Imperativ übernommen, weil sie konsenstauglich sind (wer will schon widersprechen, wenn jemand erklärt, dass es wichtig sei, in seinem Unternehmen ohne Angst zu haben die eigene Meinung zu äußern?), ohne nach den Nebenwirkungen zu fragen.

Ich würde gerne noch etwas ergänzen: Wann immer Vertreter einer Organisation solche Begriffe in den Mund nehmen, frage ich mich, warum es ihnen so wichtig ist, das zu erwähnen? Würden sie das tun, wenn es eigentlich eine Selbstverständlichkeit ist? So wie Unternehmen verkünden, dass für sie die Menschenwürde unantastbar ist: Hallo, frage ich dann, steht das denn überhaupt zur Diskussion?

Regeln kreativ interpretieren

Alles ganz bitter? Vielleicht, andererseits: Es gibt sie tatsächlich, die Menschen, die trotz dieser allerorten gleichen Regeln gegen eben jene verstoßen. Oder besser: Die sie „maximal kreativ interpretieren.“ Auch wenn sie manchmal ihre „neuen Komponenten geschickt in alten grauen Gehäusen verbauen.“

Letzte spannende Frage: Ist das alles vielleicht „Schnee von gestern“? Gehören diese starren, unbeweglichen Strukturen nicht langsam der Vergangenheit an? Werden sie nicht von agilen, ganz im Zeichen von New Work stehenden Organisationen abgelöst? Die Autoren sind skeptisch: Auch diese „basieren letztlich auf Standardisierung und Skalierung“ und unterliegen zudem ebenso dem Zwang von außen, sich bestimmten Erwartungen gemäß aufzustellen. Ob sie zu einer besseren (Arbeits-)Welt führen? Ich bleibe optimistisch. Auch wenn ich mir für den Vergleich Ärger einhandeln werde: So wie sich Gesellschaften verändert haben, z.B. von Diktaturen zu Demokratien, so können sich auch Organisationen verändern. Was spricht dagegen, wenn dadurch andere unter Druck geraten, sich anzupassen?

Dass es auch in diesen neuen Strukturen weiterhin „Musterbrecher“ geben wird und hoffentlich geben wird, spricht m.E. nicht dagegen. Auch in Demokratien müssen Menschen Spielregeln manchmal „kreativ interpretieren“.

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