12. Juni 2024

Management auf den Punkt gebracht!

Radikale Ehrlichkeit – Oder: 2 x 2 = grün

KRITIK: Nicht mehr ganz neu: Radikale Ehrlichkeit. Doch was soll das? Ist es gut? Oder waghalsig? Und muss man ein Prinzip daraus machen? Oder sucht da wieder jemand schlicht Teilnehmende für seine Trainings?

Marvin Schulz bricht in der managerSeminare eine Lanze für „Radical Honesty“ (Mut zur Klarheit). Zunächst berichtet er von seinem erfolgreichen Jet-Set-Leben, dem ein Zusammenbruch folgte. Und dann – solches haben wir schon öfters gehört – kommt es zu einem „Erweckungserlebnis.“ Es wird ihm klar, wenn man eine Rolle spielt, die nicht zum inneren Erleben passt, entsteht chronischer Stress. Und Stress ist immer schlecht.


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Vom Saulus zum Paulus

Brad Blanton hat Mitte der 1990er-Jahre das Konzept „Radical Honesty“ entwickelt und damit einen Bestseller (Radikal Ehrlich) gelandet. Es gibt eine Reihe wissenschaftlicher Studien, die seine These, dass es uns nicht guttut, wenn Denken, Fühlen und Handeln auseinanderklaffen, stützen,“ so Autor Schulz. Und er erläutert das von Arlie Hochschild (Das gekaufte Herz) entwickelte Konzept des Surface Acting (Oberflächenhandeln).

Das Vorspielen sozial erwünschter Emotionen. Z.B. das sogenannte Dienstleistungslächeln. Oder das stundenlang stoische freundliche Reagieren auf Kundenbeschwerden im Call-Center. Die tatsächlich vorhandenen Emotionen wie Wut, Ärger etc. werden zugleich unterdrückt. Das führt zu einer emotionalen Diskrepanz, die die Wahrscheinlichkeit eines Burnouts langfristig signifikant erhöht. Dies zeigte in der Tat vor zehn Jahren eine wissenschaftliche Metastudie eindrücklich.

Unterschlagene Aspekte

Doch Autor Schulz verschweigt den zweiten Teil des Hochschild-Konzepts: das Deep Acting (Tiefenhandeln). Wer es nämlich schafft, das zu fühlen, was er oder sie qua Rolle darstellen soll, der läuft eben nicht (!) in die Burnout-Falle. Jetzt wird man vermutlich schnell einwerfen, dass diese Argumentation ja wohl maximal zynisch sei. Das möge ich einmal einer Call-Center-Mitarbeiterin ins Gesicht sagen …

Nun, es lohnt, sich mit dem Deep Acting ein wenig näher zu befassen: Zielführend ist, die emotionale Diskrepanz zu vermeiden. Dazu gibt es verschiedene Möglichkeiten: Entspannungsmethoden beispielsweise können helfen, nicht aus der Ruhe zu geraten. Das Imaginieren von Bildern, die mit den erwünschten Emotionen verbunden sind, ist ebenfalls hilfreich. Und dann kann ich es auch noch mit empathischen Perspektivenwechsel („Wie würde ich mich an Stelle meines Gegenübers fühlen?“) versuchen. Oder sogar mit einem Reframing („Was muss das für eine arme Wurst sein, dass der sich da so unangemessen an mir abreagieren muss; der kann mir nur noch leidtun.“). Auf diese Weise bekomme ich Wahlmöglichkeiten fürs Erleben und Handeln. – Stress ist eben nicht immer schlecht.

Generalisiertes Konzept

Autor Schulz verfolgt offenbar ein anderes Ziel. Er generalisiert seinen Befund zu der Behauptung, 45 Prozent der deutschen Berufstätigen sähen sich genötigt, immer mal wieder lügen zu müssen. Wenn das also ungesund sei, dann sei doch eigentlich „Holland in Not.“ Und warum lügen wir so oft? Na, aus Angst natürlich! Angst vor Reaktionen oder sogar, den Job zu verlieren.

Doch „Lügen schaffen Distanz zwischen Menschen.“ Und sie sind eine vertane Chance. Denn die Wahrheit zu sagen, eröffne uns Entwicklungsmöglichkeiten. „Ehrlichkeit,“ das will er anerkennen, „braucht Mut und hat einen Preis.“ Doch Lügen und Versteckspiele ebenfalls. Und dann relativiert er ein wenig: „Radical Honesty ist kein moralisches Dogma, das uns zwingt, immer die Wahrheit zu sagen, um jeden Preis.“ In erster Linie ginge es darum, die Wahrnehmung zu schulen. Und dann wird es butterweich: Eine Faustregel gäbe es nicht. Und die meisten Menschen spürten intuitiv, „an welchen Stellen es gut und wichtig wäre …“ Daher: Ehrlichkeit könne man trainieren.

Authentizität

Das haben wir auch schon einmal gehört: Wie wichtig es sei, authentisch zu sein … Nein, das geht alles in die falsche Richtung! Die Negation einer Negation ist nur unter den Bedingungen einer zweiwertigen Logik eine Affirmation. Wir sind alle Rollenspieler, sagte der Soziologe Erving Goffman so treffend. Und das ist auch gut so, pflichte ich ihm bei. Flexibel mit Rollen umzugehen, ist definitiv eine Kompetenz. Ein Beispiel: Jemanden im Coaching (etwas überzogene) Komplimente zu machen, wie das im Rahmen der hypnosystemischen oder lösungsorientierten Schule gemacht wird, ist sehr hilfreich. Weil es den Klienten optimistisch und in die Handlung bringen kann.

So herum wird also ein Schuh draus, wie wir am Beispiel des Deep Actings gesehen haben: „Vermehre die Möglichkeiten,“ lautet die Parole Heinz von Foersters. Radical Honesty ist der falsche Ansatz. Denn, so Altmeister von Foerster: 2 x 2 = grün.

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