24. April 2024

Management auf den Punkt gebracht!

Spotlight auf einen blinden Fleck

REZENSION: Jan Bleckwedel – Menschliche Beziehungsgestaltung. Eine systemische Theorie des Zwischenmenschlichen. V & R 2022.

Wenn man sich einmal überlegt, wie viele Beziehungsarbeiter:innen in Beratung, Coaching, Therapie und sonst wo noch unterwegs sind, sollte man meinen, das Thema sei nicht der weiteren Rede wert. Als Mensch fühlt man sich beim Thema Beziehungsgestaltung per se kompetent. Basics halt, selbstverständlich und geklärt – braucht es da ein Grundlagenwerk? Ich fürchte, ja. Bei dem vordergründig Selbstverständlichen handelt es sich bei näherer Betrachtung aber oft um einen blinden Fleck. Ich will nicht unterstellen, Beziehungsgestaltung sei kein Thema professioneller Ausbildung. Doch schaue ich mich einmal genauer um, kommen mir leider immer wieder Zweifel, was die Tiefe und Breite dessen betrifft. Autor Jan Bleckwedel legt insofern ein Grundlagenwerk vor, das es so noch nicht gegeben hat (Menschliche Beziehungsgestaltung). Die Lektüre verlangt einen langen Atem und den Willen, die eigenen Konzepte und die eigene Praxis zu reflektieren. Die Latte ist also hoch aufgelegt. Wer darunter durchlaufen möchte, der mag sich die Mühe der Lektüre ersparen.


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„Menschen sind – so selbstbezüglich sie auch immer erscheinen mögen – vor allem Beziehungswesen, sie sind auf gelingende Beziehungen angewiesen.“ Wir stehen immer schon in Beziehungen, können gar nicht anders. Unsere westliche, individualistische Interpretation lässt uns das gerne vergessen. „Während die Beteiligten ihre Beziehungen zueinander gestalten und dabei Muster von Transaktionen hervorbringen, organisieren sich sowohl (a) sich selbst als auch (b) die anderen.“ Jan Bleckwedel macht schon in der Einführung klar, dass es ein gediegen systemisches Verständnis braucht, um der Sache gerecht zu werden.

Beziehungswelten

In Teil 1 (Beziehungswelten) wird die Leserschaft durch die Erkenntnisse der evolutionären Anthropologie geführt. Das geschieht in einem weiten Bogen und mit Tiefgang auf über 80 Seiten. Dabei wird man mit Feststellungen konfrontiert, die auf den ersten Blick simpel erscheinen, doch auf den zweiten Blick gravierende Konsequenzen bedeuten. Ein Beispiel: „Wir werden in einen sprachlichen Raum, ein Medium, hineinsozialisiert, in dem wir uns so selbstverständlich bewegen wie Fische im Wasser.“ Unser metakommunikatives Sprachsystem ist eine kulturelle Innovation, für das wir im Heranwachsen zunächst den „sozio-kognitiven Schlüssel“ erwerben müssen. Durch wechselseitige Kooperation und Kommunikation haben Menschen ein offenes und fiktionales Sprachsystem geschaffen, eine Infrastruktur, über die die Tierwelt nicht verfügt. Menschen organisieren ihr Denken raum-zeitlich – und zwar szenisch, narrativ und sinngebend. Menschen beobachten sich nicht nur gegenseitig beim Beobachten. Sie beobachten sich auch selbst beim Beobachten. Sie entwerfen Welten und Zukünfte und spielen mit Ambivalenzen. Wenn wir über menschliche Beziehungsgestaltung sprechen wollen, sollten wir nicht nur eine simple Melodie erwarten, sondern davon ausgehen, dass dabei diverse Register gezogen werden können. Uns also ein imposantes Orgelkonzert erwarten kann. Wenn wir denn hinhören wollen.

Eine Theorie des Zwischenmenschlichen

In Teil 2 legt der Autor eine Theorie des Zwischenmenschlichen dar. Diese basiert u.a. auf der ökosystemischen Erkenntnis, dass wir immer schon ein gestaltender Teil des Systems sind, in dem wir unterwegs sind. Es gibt keinen archimedischen Ort außerhalb unserer Welt, würde Heinz von Foerster sagen. Zudem gestalten wir Beziehung nicht nur durch verbale Kommunikationen, sondern ganzheitlich, also ebenso leiblich, emotional und kooperativ. Beziehungsgestaltung sieht Jan Bleckwedel als Ursprung und Triebkraft menschlicher Evolution an. Jeder Mensch muss durch diesen Prozess der Enkulturation hindurch gehen. Da gibt es keine Abkürzung. Das soziale Zusammenleben wird durch gegenseitige Beobachtung erfahren und gemeinsam gestaltet. Basale menschliche Beziehungssysteme zeichnen sich dadurch aus, dass die Beteiligten über längere Zeit hinweg bedeutsam füreinander sind. Sie verbringen viel Zeit miteinander und sind gemeinsam aktiv. In dieser Dynamik beeinflussen sie sich gegenseitig stark, sie schreiben gemeinsam Geschichte, schaffen also Fakten und entwickeln generalisierte Muster der Beziehungsgestaltung. In basalen Beziehungen lebt man zugleich in sich selbst als auch in sozialen Umwelten. Das mag sich simpel anhören, eröffnet allerdings bei genauerem Durchdenken eine gewaltige Komplexität. Denn beide Welten interagieren, sind verschränkt (doppelte Kontingenz).

4 Dimensionen der Beziehungsgestaltung

Gemeinsame Beziehungsgestaltung lässt sich für Bleckwedel auf vier Dimensionen beschreiben: Auf einer leiblichen, emotionalen, kooperativen und kommunikativen Dimension. Diese Dimensionen werden ausführlich in eigenen Kapiteln exploriert. Ein letztes Kapitel widmet sich der Entfaltung transaktionaler Muster. Hierbei geht es um die Frage, wie basale Beziehungssysteme in Form generalisierter transaktionaler Muster eine eigene Dynamik entfalten und sich geschichtlich weiter entwickeln können. Solche Muster in Beziehungssystemen müssen also nicht starr bleiben. Neu-Rahmungen (Veränderungen in der internen oder externen Umwelt) können Entwicklungen, also die Bildung neuer Muster (Ordnungs-Ordnungs-Übergänge), anstoßen. Wie sich gemeinsame Entwicklungsräume gemeinsam gestalten lassen, ist Thema des letzten Kapitels.

Das gut lesbare Grundlagenwerk reflektiert Beziehungsgestaltung als fundamentale Lebensweise. In der theoretischen Durchdringung entfaltet sich eine Landkarte, die Praktiker nun – im Rahmen der eigenen Weiterbildung – zur Navigation nutzen können. Dabei werden sie vermutlich vielfältige Passungen entdecken, die zeigen, dass die Theorie hilfreich ist. Es werden sich aber auch neue Perspektiven ergeben, die ausprobiert werden wollen. Wenn solche Experimente fruchten und sinnvolle, bislang für unmöglich gehaltene Ordnungs-Ordnungs-Übergänge ermöglichen, wäre viel gewonnen. So bleibt dem Buch also neugierige Leserinnen zu wünschen.

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