12. Juni 2024

Management auf den Punkt gebracht!

Fragwürdige Aussagekraft

PRAXIS: Es gibt sie tatsächlich immer noch, die Arbeitszeugnisse. Die Idee, dass man von den Leistungen eines Menschen im letzten Job auf zukünftige in der neuen Stelle schließen kann, ist ja nicht ganz verkehrt. Aber hilft dabei die Lektüre eines Arbeitszeugnisses? Eher nicht. Die Probleme sind hinlänglich bekannt: Die Aussagen können sich immer nur auf eine Tätigkeit in einem bestimmten Kontext beziehen, sind also nicht unbedingt übertragbar. Sie basieren in der Regel auf der Einschätzung eines einzelnen Vorgesetzten, sind damit höchst subjektiv und von der Arbeitsbeziehung geprägt. Und schließlich enthalten sie höchst abstrakte Formulierungen, weil der Gesetzgeber negative Aussagen untersagt, was zu der bekannten Zeugnissprache führt, für die die Ersteller immer häufiger auf Textbausteine zurückgreifen (Unter Satzbausteinen verborgen).

Das sind also schon mal viele Faktoren, die die Aussagekraft fraglich machen. Wie sieht es nun auf der Seite der Empfänger aus? Dort werden Arbeitszeugnisse häufig zur Vorauswahl genutzt, und, wie die vorliegende Umfrage zeigt, dabei werden nur extrem selten Kriterien zum Ausschluss angewandt (3%). Der Rest entscheidet offenbar aus dem Bauch. Schon wieder viel Spielraum für Fehlentscheidungen.

Gibt es möglicherweise Merkmale in Zeugnissen, die Erstellern und Anwendern besonders wichtig sind? Die Online-Umfrage (119 Teilnehmer, wovon 112 mit der Sichtung beschäftigt waren und 95 selbst Zeugnisse erstellen) enthielt 11 Kriterien, die offenbar alle annähernd gleich wichtig sind. Mit leichtem Vorsprung führen Können, Motivation sowie die Aufgabe.

Interessant daran: Beim Erstellen der Zeugnisse geben die Befragten nahezu sämtlichen Kriterien mehr Bedeutung als beim Auswerten. Anders verhält es sich bei den Verschleierungstechniken. Man erinnere sich: Mit allen möglichen Mitteln versuchen die Ersteller, kritische Dinge so zu tarnen, dass sie beim Lesen nicht ins Auge springen, aber dem Leser wichtige Hinweise geben sollen. Hier sieht die Sache so aus, dass die Ersteller offenbar weniger Mühe darauf verwenden als sie es als Auswerter anderen unterstellen. Soll heißen: Vermutlich interpretieren sie so manche Hinweise in die Texte hinein, die gar nicht bewusst formuliert wurden.

Das Fazit der Autoren: Beim Erstellen von Arbeitszeugnisse kommt es offenbar vor allem darauf an, dass diese rechtlich nicht bedenklich sind. Inhaltlich sollte man sie daher mit großer Vorsicht genießen, vor allem, was Bewertungen betrifft. Mit der Darstellung der Tätigkeiten ist einem da mehr geholfen, wobei ich anmerken möchte, dass hier vielfach Führungskräfte die Mitarbeiter selbst bitten, ihre Aufgaben zu beschreiben und dann sich häufig nicht die Mühe machen, diese auf ein realistisches Maß zu begrenzen. Von daher würde ich selbst hier Vorsicht walten lassen.

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