20. Juni 2024

Management auf den Punkt gebracht!

Quereinstieg

INSPIRATION: Was tun, wenn man auf dem Arbeitsmarkt keine (IT-)Fachkräfte mehr findet? Man sucht – auch intern. Keine neue Erkenntnis. Doch es braucht in jedem Fall Weiterbildung. Aber wie stellt man das am besten an? In Kooperation mit Hochschulen oder externen Anbietern? Oder macht man es besser selbst?

Bei der DATEV eG können Quereinsteiger in 18 Monaten in Vollzeit zum Full-Stack-Developer aufsteigen (Talente im eigenen Betrieb finden). Dafür entwickelte man ein unternehmenseigenes Qualifizierungsprogramm. Neben der Fachexpertise galt es, Networking zu ermöglichen. Denn man wollte grundsätzlich Mitarbeitern aus allen Abteilungen die Möglichkeit eröffnen. Als unabdingbar erachtete das Unternehmen allerdings die Begleitung der Lernlinge durch Paten: „Nach einer Grundqualifizierung als Full-Stack-Entwickler von zwölf Monaten folgt ein halbes Jahr praxisnahes Lernen in der Zielabteilung.“ Das ist clever, wenn auch nicht neu: Learning on the Job. Gegenüber einem Studium ist die Weiterbildung bei Datev schmaler und unternehmensspezifischer angelegt. „Das Grundkonzept des Programms basiert auf den Prinzipien des agilen Arbeitens: In Sprints behandeln die Teilnehmenden in den ersten zwölf Monaten insgesamt fünf Lernpakete. Während dieser Zeit gehören sie einem ‚Flexpool‘ an, sind also noch nicht fest an ihre spätere Zielabteilung angedockt.“ Anschließend wechseln die Lernenden fest in Abteilungen.


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Konzeptionell verfolgt man bei der DATEV einen Methodenmix aus interaktiven Lernplattformen und Trainings in der Dyade oder größeren Gruppen. Durch praxisnahe Lernformate soll der Transfer erhöht werden. Wie Satelliten schwirren sogenannte Lernbegleiter und erfahrene Software-Entwickler als Tutoren im Lernorbit herum und sind anfunkbar. Das Ziel: Die Teilnehmer:innen eignen sich die Grundlagen der Informatik und der Software-Entwicklung für Cloud-Lösungen weitgehend selbstständig an – inklusive spezifischer Programmiersprachen. Das Lernen zu lernen ist folglich ein ebenfalls wichtiges Lernziel dieses Programms. In einer ersten Pilotphase haben neun von elf Teilnehmerinnen das Programm erfolgreich absolviert und arbeiten nun als Entwickler in Abteilungen. Die aktuelle zweiten Runde startete mit 16 Plätzen.

Schule 42

Einen anderen, unternehmensübergreifenden Ansatz verfolgt die „Schule 42“ (Die Lerngalaxie der Schule 42). Am inzwischen dritten Standort der Programmierschule in Deutschland, in Berlin, starteten Ende des letzten Jahres 150 Studierende in einem speziellen Lernuniversum. Die „Schule 42“ (Douglas Adams „Per Anhalter durchs Universum“ lässt grüßen) ist eine private IT-Schule und ein globales Netzwerk von mehr als 40 Schulen in 26 Ländern. Alles begann in Paris im Jahr 2013. Die „Schule 42“ wird von großen deutschen Unternehmen unterstützt.

Ende 2022 begannen in Berlin 150 Teilnehmende, die noch nicht einmal einen Schulabschluss vorweisen müssen, mit ihrer Ausbildung. Die Altersspanne und fachlichen Herkünfte der Teilnehmenden variieren stark. Was konzeptionell auffällt, ist ein stark spielerischer Lernrahmen (Gamification). Gleich zu Beginn muss man sich einem Online-Assessment stellen, in dem eine Leistungsdiagnostik implementiert ist (Spiele der Erwachsenen). Hat man das erfolgreich gemeistert, werden die Teilnehmenden ins „kalte Wasser geworfen“. Das heißt auch gleich so: Piscine. Es ist ein vierwöchiges Sieben-Tage-Woche-Vollzeit-Programm. Jeden Freitag gibt es Prüfungen und am Wochenende Projektarbeiten: Wasser schlucken, schwimmen oder untergehen. Zwei bis drei solcher Piscines gilt es zu überstehen. Nur ein Drittel kommt da durch. Die Lernziele: Programmierlogik verstehen und Networking üben. Neben der Fachkompetenz ist also auch Sozialkompetenz essenziell. Gegenseitiges Feedback und Hilfestellungen werden honoriert. An den sprichwörtlichen Nerds hat die „Schule 42“ kein Interesse.

„Für die Studierenden ist das Studium gebührenfrei. Als eingetragener Verein sind die Schulen 42 daher auf Spenden und Sponsoring angewiesen.“ Worum sich dann unter anderem die Partnerunternehmen kümmern. Sie bekommen im Gegenzug Zugang zum „Goldfischteich“. Das Studium soll man in 12 Monaten absolvieren können. Die Guten schaffen das in 8 Monaten. Auf das Grundstudium folgt ein vier- bis sechsmonatiges Praktikum. Die anschließende Spezialisierung dauert anderthalb Jahre. Hier kann man auch den Schulstandort wechseln. Denn sie haben unterschiedliche Schwerpunkte. Danach kann man ein weiteres Praktikum absolvieren. Wer will, kann also 26 sogenannte Level absolvieren.

Hidden Agenda?

Es gibt keine Lehrkräfte. Die Studierenden sind sich gegenseitig ein Korrektiv. Das „Peer Review“ bildet das zentrale Prinzip der Schule. Ebenfalls gibt es keine Lehrbücher. Aber eine automatische Evaluierung, die sogeannte Moulinette. Man könnte das mit Fleischwolf übersetzen, um im Spieljargon zu bleiben. Also sagen wir es mal so: Der Master-Programmierer der „Schule 42“ bleibt unsichtbar. Er geistert förmlich durch die Kulissen. Offenbar sind die Lernwilligen (auch) heutzutage bereit, sich auf solche Szenarien einzulassen. Sie arbeiten gegen ein „schwarzes Loch“ an, das die einsaugt, die nicht mitkommen. Unweigerlich fallen mir Szenen aus Fritz Langs „Metropolis“ ein.

Der große Wettbewerber der 42er-Schulen sind die Hochschulen. Auch dort kann man studiengebührenfrei studieren, kann aber BAföG bekommen. Man muss sich die 42er-Schule folglich auch leisten können – zeitlich wie finanziell. An der „Schule 42“ gibt es zudem kein staatliches Zertifikat, sprich: akademischen Grad. Die Schule muss mit dem eigenen Image auf dem Arbeitsmarkt punkten, was ihr aber wohl zunehmend gelingt. Das Engagement der Partnerunternehmen wird dazu beitragen.

Ich finde das Konzept bildungs- und professionspolitisch interessant: Hier die akkreditierten Hochschulen mit ihrem – kritischen, wissenschaftlichen – Anspruch. Dort die Selfmade-Men (übrigens sind Dreiviertel der Absolventen männlich), die sich durchwühlen, recht pragmatisch – wobei mich schon interessieren würde, was der „Puppenspieler“ (sprich: Master-Programmierer) im Hintergrund sich so rahmensetzend denkt und entsprechend umsetzt. 40 Schulen in 26 Ländern, das ist ja schon mal eine Hausnummer. Lustige Anmerkung am Rande noch: Was haben sich in der Vergangenheit die Universitätsprofessoren nicht das Maul zerrissen über angeblich zu pragmatische, wirtschaftskonforme Angebote der sogenannten Fachhochschulen – die nach der Bologna-Reform eben auch (nur) Hochschulen waren wie die Universitäten. Wie man sieht, geht es noch pragmatischer. Der gravierende Fachkräftemangel macht es möglich. Nun, schauen wir uns die Sache doch noch einmal an in ein paar Jahren …

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