4. März 2024

Das Beste aus der Fachliteratur

Sofortness

INSPIRATION: Ich arbeite als Selbstständiger seit vielen Jahren fast ausschließlich im Homeoffice, und nach wie vor empfinde ich meine Arbeit als sinnvoll. Was genau Menschen unter „sinnvoller Arbeit“ verstehen, lasse ich an dieser Stelle mal außen vor. Es geht vielmehr um die Frage, ob es für „Heimarbeiter“ eher leichter oder eher schwieriger ist, Arbeit als sinnvoll zu erleben (Sinn finden im Homeoffice).

Eine Studie, bei der 50 Personen unterschiedlichen Alters, allesamt Wissensarbeiter, in Gruppendiskussionen zum Thema befragt wurden, ergab zunächst die üblichen Erkenntnisse: Die Menschen empfanden mehr Autonomie und eine hohe Zufriedenheit. Bestimmte Stressoren entfielen, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf verbesserte sich. Soweit die positiven Folgen.


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Gleichzeitig tauchten andere Stressoren auf, z.B. eine engere Taktung digitaler Meetings, das permanente „Multi-Kanal-Erreichbarkeitsverhalten“ sowie eine typische „Sofortness“. Auch hinlänglich bekannt: Der Zusammenhalt litt, der spontane Kontakt zu den Kollegen wird vermisst. Versuche, diesen durch digitale Formate zu ersetzen, wurden eher als „billiger Kompromiss“ wahrgenommen.

Was für das Erleben von Sinn interessant ist: Tatsächlich berichteten die Teilnehmer offenbar davon, dass sie nicht nur den Sinn ihrer Tätigkeit hinterfragten (die vertraute Fragen nach dem „Was mache ich hier eigentlich?“), sondern auch Überlegungen in Gang gesetzt wurden, „wie Arbeit eigentlich gesellschaftlich gestaltet sein sollte“. Bis hin zu Fragen wie „Wie wollen wir leben?“, „Wie wollen wir arbeiten?“ und „Was bedeutet Arbeit?“

Nachdenklichkeit

Irgendwie plausibel, oder? Wenn man den ganzen Tag mit Kollegen verbringt, die das Gleiche tun wie man selbst und dazu noch nett sind, dann kommt man nicht so oft dazu, sich solch tiefschürfende Gedanken zu machen. Aber wenn man so allein am Bildschirm sitzt, vielleicht vor dem Fenster das Leben außerhalb des Arbeitsplatzes beobachtet, dann kann man schon mal am Sinn und Zweck zweifeln. Die Forscher fanden drei Strategien zum Versuch, in dieser Situation der Arbeit neuen Sinn zu verleihen:

  • Die Menschen versuchten, neue Zugehörigkeiten herzustellen, indem sie z.B. gezielt Kollegen anriefen, um Privates auszutauschen. Dabei wurde der Fokus erweitert und neue Kontakte geknüpft, z.B. in Form einer weltweiten Community. Die Digitalisierung macht’s möglich.
  • Die Situation wurde als Chance zur Stärkung der Selbstlernkompetenz, des Selbstmanagements und der digitalen Kompetenzen gesehen. Wobei hier eher auf die durch Corona-bedingte Isolation abgehoben wird.
  • Sie erlebten sich als produktiver und nutzten die gewonnene Zeit für andere sinnstiftende Tätigkeiten.

Was sagt uns das nun? Einerseits erleben die Mitarbeitenden im Homeoffice mehr Autonomie und mehr Wahlmöglichkeiten. Das aber führt auch zu grundsätzlichen Fragen, womit für Arbeitgeber die Gefahr besteht, dass die eine oder andere zu der Erkenntnis kommt, dass eine Neu-Orientierung gut täte und ihren Job hinschmeißt. Soll ja ein Grund für größere Kündigungswellen gewesen sein.

Was tun dagegen? Zurück ins Büro wird dann wohl nicht mehr viel helfen, das wird den Veränderungswunsch nur beschleunigen. Homeoffice erst gar nicht genehmigen? Der Zug ist abgefahren. Mehr Möglichkeiten zur digitalen Kommunikation schaffen, lautet ein Tipp. Aber hier ist Skepsis angezeigt, so ganz ohne persönlichen Kontakt wird das nicht reichen. Sinn-Workshops anbieten und Job-Crafting-Interventionen anbieten? Klingt interessant, wenn damit gemeint ist, tatsächlich mal auf den Sinn der Tätigkeiten zu schauen und diese grundsätzlich zu hinterfragen. Das könnte so manche Führungskraft aber vor arge Probleme stellen. Was, wenn sich herausstellt, dass eine Menge Jobs einer solchen „Prüfung“ nicht standhalten?

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