INSPIRATION: Wenn man im Homeoffice allein vor dem Bildschirm sitzt, kann es eher mal vorkommen, dass man sich irgendwann fragt: „Wofür mache ich das hier alles?“ Offenbar geht es immer mehr Menschen im Beruf so, auch schon vor Corona. Das klassische Karriereding hat ausgedient, zumindest verliert es an Bedeutung. Aber der Beruf, von dem man als Kind geträumt hat, ist oft auch unerreichbar. Wie lautet die Konsequenz für Unternehmen und jeden einzelnen von uns?
Der Harvard Business Manager hat ein Heft dem Schwerpunkt „Karriere“ gewidmet, mit vielen bekannten Erkenntnissen und Hinweisen. Menschen suchen mehr und mehr nach dem Sinn dessen, was sie tun, wollen spüren, wofür sie morgens aufstehen. Viele denken an Kündigung, weil sie keine Lust mehr haben, „sich den Erwartungen oder den Ansprüchen anderer unterzuordnen“. (Wie viel Karriere passt zu mir?) Die Bedürfnisse sind vertraut: Sie wollen Familie und Beruf besser miteinander verbinden und verzichten dafür auf Titel und fettes Gehalt. Sie wollen flexibler und räumlich unabhängiger arbeiten, Stichwort „Hybrid-Remote-Arbeitsmodell“.
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Wo ist der Sinn?
Die Herausforderung für Unternehmen ist groß, da ist die Rede von einer „flexiblen und agilen Gestaltung des Arbeitsplatzes und einer empathischen Struktur“. Entsprechend lassen sie sich was einfallen: Bei SAP gibt es kein „Human Resources“ mehr, sondern „Human-Experience-Management“ mit Weinproben, Ideen für die Sommerferien der Kinder, freie Tage für die mentale Gesundheit, Ergebnis- statt Präsenzkultur. Und so allmählich setzt sich wohl auch durch, dass Experten ähnlich wertvoll sind wie Führungskräfte, also gewinnt die Expertenkarriere an Bedeutung.
Schön, wenn zumindest das schon mal passiert. Ich erinnere mich an ein Assessment Center, bei dem der „Big Boss“ verkündete, gute Wissenschaftler finde man genug, man benötige vor allem High Potentials – im Sinne von Führungsnachwuchs. Fand ich damals schon so merkwürdig wie die Idee, Kompetenzmodelle zu entwickeln, Talente zu entdecken und auf einen Entwicklungspfad zu schicken. Schon damals konnte man „damit weder ermitteln, was ein Unternehmen in fünf Jahren brauchen wird, noch für Pluralität sorgen“. Wohl wahr. Nun müssen neue Glaubenssätze her, es geht um Kollaboration und Co-Kreation. Leider, so die Erkenntnis, sind die wenigsten Unternehmen bereit, sich zu bewegen. Sie halten all das nur für einen kurzfristigen Trend und halten an den alten Ideen fest. Wenn das mal nicht böse endet.
Alternative Identitäten
Und was ist mit uns, die wir noch mitten im Arbeitsleben stehen? Oder ans Grübeln kommen, wo wir irgendwann hingelangen könnten? Es gibt im Amerikanischen sogar einen Begriff dafür: Encore career – ein erfüllender Job in der zweiten Karrierehälfte so ab ca. 50. Wobei ich vermute, dass der Zeitpunkt immer mehr nach vorne rückt und viele schon deutlich früher überlegen, noch mal etwas anderes, vielleicht Sinnvolleres zu tun.
Hier hilft es, sich einmal Gedanken über „alternative Identitäten“ zu machen. Den Begriff verwendet Nico Rose in seinem Beitrag (Von welchem Leben haben Sie geträumt?). Die wenigsten haben Zeit ihres Lebens nur eine einzige berufliche Identität und machen das, was sie schon immer machen wollten. Die anderen tragen „ein ungelebtes Leben in sich“. Ob das nun der Sportstar, der Rockmusiker, der Lokomotivführer, der Tierpfleger, die Schauspielerin, die Gärtnerin, die Ärztin war und dann doch nicht wurde – diese Identitäten leben in uns fort und beeinflussen unser weiteres Leben.
Bei manchen findet eine Transformation am Ende eines erfolgreichen Lebens statt – der Arzt, der nach der Pensionierung LKWs fährt, der Spitzensportler, der zum erfolgreichen Unternehmer wird. Andere schwenken plötzlich um – oft z…
