4. März 2024

Das Beste aus der Fachliteratur

Bier ist Bier und Schnaps ist auch Alkohol

INSPIRATION: Machiavellismus, Narzissmus, Psychopathie – so nennt man die sogenannte „dunkle Triade der Persönlichkeit“. Menschen solchen Charakters nutzen ihre Mitmenschen aus, machen ihnen das Leben zur Hölle – und alles nur, um das Gefühl der eigenen Minderwertigkeit zu kompensieren. Dazu haben wir schon viel gelesen (Narzissmus: Problem oder Nebelkerze?).

Kritisiert wurde schon früh der Hang der Personaldiagnostiker:innen, bloß auf das Individuum zu schauen. Der Tunnelblick als déformation professionnelle. Doch nicht neu war schon länger, dass ein kontraproduktives, vielleicht sogar kriminelles Verhalten nicht nur von der Persönlichkeit abhängt. Es kommt auch immer auf die Perspektive an. Und den Kontext. Die Gelegenheit macht Diebe, sagt der Volksmund – und die Autoren (The Dark Factor of Personality).


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Der D-Faktor

„Diese allgemeine Tendenz, seinen Nutzen auf Kosten anderer zu steigern, geht einher mit einer Reihe von bewussten oder unbewussten Einstellungen und Überzeugungen, die zur Rechtfertigung des Verhaltens herangezogen werden können.“ Die Personalpsychologen verfügen auch noch über die sozialpsychologische Optik. Sie reicht zwar nicht in den Bereich der Organisationspsychologie hinein, man müsste sonst noch die Konzepte ethisches Klima oder Organisationskultur betrachten (Unethisches Verhalten in Organisationen), aber immerhin.

Nun lassen sich zu den drei dunklen Persönlichkeitsaspekten auch noch Untertypen beschreiben. Psychopathie meint eher ein impulsives Verhalten, Machiavellismus zeichnet sich eher durch strategisches Denken aus. Beides sind eher nicht-aversive Sekundärmerkmale. – Bewahre, dass jemand auf die Idee kommen mag, von Impulsivität oder strategischem Verhalten vorschnell auf den D-Faktor zu schließen.

Ein weiterer Aspekt ist wichtig: Persönlichkeit meint situationsübergreifendes Verhalten. „In einzelnen Situationen kann es sein, dass Personen mit einem hohen D-Faktor nett sind oder mit anderen kooperieren, oder dass sich Personen mit einem niedrigen D-Faktor egoistisch verhalten.“ Bestimmte Kontexte sind förderlich für aversives Verhalten. Solche, in denen man sich gut rechtfertigen kann: Wettbewerbssituationen, mehrdeutige oder stark hierarchische Kontexte.

Faule Äpfel und schlechte Körbe

Ein Schelm, dem da gleich die „Banalität des Bösen“ (Hannah Arendt) einfällt: Eichmann war in der Nazi-Diktatur für die Organisation der „Endlösung der Judenfrage“ verantwortlich gewesen. Hannah Ahrendt sah in ihm nicht das blutrünstige Monster, wie dies der israelische Chefankläger tat, sondern schlicht einen Apparatschik. Der sogenannte Führer hatte es halt befohlen …

Hier könnte man tiefer graben. Doch die Personaldiagnostiker bleiben bei ihrem Leisten – dem diagnostischen Fragebogen. Diese beruhen auf einer Selbstaussage und der Bereitschaft zur Selbstreflexion sowie der Motivation, dies ehrlich zu tun. Wer also den „Braten riecht“, kann faken – und wird dies im Zweifelsfall auch tun. Man nennt das „sozial erwünschtes Verhalten“.

Die Forscher blicken nun auf einen Datensatz von zirka 2 Millionen Teilnehmerinnen zurück. Sie kennen den „Normalbereich“ und wissen, dass zirka 10 Prozent der Teilnehmer im kritischen Bereich liegen. Ab dort steigt die Wahrscheinlichkeit, zu lügen oder kriminell zu werden, an. Sogar einen Ländervergleich präsentieren sie der Leserschaft. Es werden Dänemark, Deutschland, Ungarn und Mexiko miteinander verglichen. Ich verrate hier natürlich keine Einzelheiten. Man mag sich das denken und fragen, warum nicht auch die Ukraine oder Russland oder weitere Länder aufgeführt werden.

Was könnte die Unterschiede erklären? „In Ländern, die durch mehr Unfreiheit, Korruption, Unsicherheit und Ungleichheit geprägt sind, herrschen typischerweise soziale Normen vor, die eher geeignet sind, aversives Verhalten zu rechtfertigen.“ Da wären also wieder die Aspekte, die die Personaldiagnostiker ausgeklammert haben: Ethisches Klima und Organisationskultur. Auch dazu gibt es Forschung. Schade, dass sie weniger bekannt ist als die zum D-Faktor. Meine Hypothese: Ursachen bei Individuen zu suchen, ist einfacher und wird auch viel stärker erwartet (fundamentaler Attributionsfehler). Auf die Verhältnisse zu schauen, wäre schwerer, unangenehmer und würde viel mehr Arbeit erfordern.

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