21. Mai 2024

Management auf den Punkt gebracht!

Freiheit, nicht Selbstausbeutung

INSPIRATION: Frithjof Bergmann ist vor wenigen Wochen gestorben. Als New Work-Begründer hat er es zu einiger Berühmtheit gebracht, auch wenn er sich zuletzt bemüßigt sah, in Distanz zu einigen Ideen zu gehen, die ihm untergeschoben wurden. Ist ein Konzept einmal populär, hängen sich halt viele daran – und kochen dann ihr eigenes Süppchen. Im Beitrag (New Work in Brandenburg) berichten einige Freunde Bergmanns und Weggenossen von der gemeinsamen Zeit seit den 1990er-Jahren in Berlin und Brandenburg. Das ist erfrischend und erhellend, wird doch so der Denker unter der Patina sichtbar und es öffnet sich die Perspektive auf einige eher unbekannte Facetten seines Wirkens.

Beispielsweise auf den arbeitsmarktpolitischen Ansatz Bergmanns. Schon Mitte der 1990er-Jahre referierte er im Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) über seine Ideen zum Thema „Neue Arbeit – Neue Kultur“. Zehn Jahre später irritierte Bergmann mit der Idee, in Indien eine Fabrik für Elektroautos zu bauen. Es ging ihm um die Beschäftigung von Langzeitarbeitslosen. Die Idee, Menschen sinnvolle Arbeit zu ermöglichen, fanden nicht alle gut. Insbesondere die Unternehmerschaft blieb skeptisch. Denn Bergmann fand nicht nur Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen unter staatlicher Aufsicht gut. Seine Freiheitsidee schloss auch die „Werkstatt auf dem Küchentisch“ mit ein. So viel Freiheit war vielen in einer Command’n‘Control-Kultur Aufgewachsenen wohl zu viel des Guten. Oder gar eine Selbstversorgerkultur …

Ja, wo kämen wir denn da hin? Selbst in der Post-Corona-Zeit sind solche Gedanken für viele schlicht ein Tabu. Seien wir ehrlich! Daran zeigt sich eben, wo wir uns selbst im Wege stehen: Es ist unsere Kultur! Weil nicht sein darf, was sein könnte. Weil wir lieber vor die Wand fahren als unsere tiefsten, dysfunktionalen Überzeugungen aufgeben.

Es gab allerdings auch viele Unterstützer für Bergmann, die an allen Ecken und Ende geholfen haben. Und auch die Autoren gehören wohl dazu. Bergmann hat in Brandenburg etliche Spuren hinterlassen. So geht u.a. die Wiederbelebung der säkularisierten „Friedensgedächtniskirche“ in Lauchhammer unmittelbar auf ihn zurück: Ein Zentrum für Kultur, Kunst und Politik.

Seine sozialpolitische Utopie „ein Drittel der Zeit für Lohnarbeit, ein Drittel der Zeit für High Tech Self Providing und ein Drittel der Zeit, für das, was man wirklich, wirklich will“ hat noch immer Sprengkraft. Sie stellt unser auf Profit und Konsum basierendes Wirtschaftssystem grundsätzlich in Frage. Sein Konzept basiert auf Ideen von Erich Fromm und Karl Marx. Es geht im Kern um die Entwicklung der Freiheit zum Handeln. Nicht um Selbstausbeutung unter der Maxime der völligen Hingabe an die Arbeit – für andere. Das wird bei aller New-Work-Euphorie gelegentlich vergessen. Gut, dass daran erinnert wird.

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