20. Juni 2024

Management auf den Punkt gebracht!

Vorsicht, rutschig!

KRITIK: Wenn es für Unternehmen kritisch wird, greifen sie zu allen Mitteln: Sie berufen sogar weibliche Vorstände. Das soll helfen. Manchmal. Aber nicht immer und nicht unbedingt den Top-Frauen. Eine Finte?

Vor ungefähr 20 Jahren setzten zwei Forscher eine Hypothese in die Welt: Unternehmen in der Krise neigen dazu, Frauen in Führungspositionen zu berufen. Plötzlich sei nicht mehr der männliche Macher gefragt, sondern die fürsorgende „Mutter“, „Krankenschwester“ oder „Psychologin“. Empathie und Sozialkompetenz sollen es richten, wenn die Hütte brennt. Das Risiko, in solch einer Lage zu scheitern, ist hoch. Chance oder Falle? Ein vergiftetes Geschenk? Aber wenn es schief geht, die Dame über die „gläserne Klippe“ zu Fall kommt, dann ist doch klar, übernimmt wieder der Mann: Think Manager – think male.


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Die empirische Evidenz zur Hypothese, so die Autoren Reinwald und Kunze (Die gläserne Klippe für Frauen in Führungspositionen), lässt schon lange auf sich warten. „Was machen Sie, wenn Sie bemerken, dass Sie ein totes Pferd reiten?“ Die seit vermutlich Jahrzehnten kolportierte „Weisheit der Dakota-Indianer“ lautet: Steig‘ ab! – Um sogleich anzufügen, dass Menschen im Berufsleben, bevor sie aufgeben, noch alles Mögliche ausprobieren wie beispielsweise, es mit einer stärkeren Peitsche versuchen … Die Autoren Reinwald und Kunze haben auch noch so eine Idee: Die Frauen würden engagiert, nicht weil sie „besser“ seien. Sondern weil man damit den Investoren signalisieren kann: Wir tun was!

Die Weisheit der Dakota-Indianer

Um das zu überprüfen, basteln sie sich ein Quasi-Experiment. Sie besorgen sich einen riesigen Datensatz und brauchen jetzt nur noch einen Schwellenwert, der die unternehmerische Krise anzeigt. Den finden sie im Altman-Z-Wert. „Konkret muss dazu lediglich die Berufungswahrscheinlichkeit von Frauen in Unternehmen unterhalb des Schwellenwerts (also solchen mit Krisen-Label) mit denen oberhalb des Schwellenwerts (Unternehmen ohne Krisen-Label) verglichen werden.“

Gesagt, getan und Altman-Z-Werte auf der X-Achse und die Berufungswahrscheinlichkeit von Frauen auf der Y-Achse produzieren eine schöne Regressionsgerade – mit einer Stufe. Da ist sie also, die Klippe: „Das Ergebnis der Analyse lautet, dass die gläserne Klippe eindeutig nachweisbar ist.“ Man staunt Bauklötze! Garniert wird diese Botschaft noch mit dem Hinweis darauf, dass man in Pressemitteilungen zur Berufung von Frauen – im Gegensatz zu denen der Männer – häufig Stichworte wie „Transformation“ oder „Innovation“ gefunden hätte. – Tja.

Vorsicht Falle!

Die gläserne Klippe sei eine versteckte Form der Diskriminierung, so die Autoren. Sie raten den Unternehmen, Rekrutierungsprozesse transparenter zu gestalten und für ein inklusives Klima zu sorgen. Den Frauen raten sie, Fragen zu stellen, um die gläserne Klippe aufzuspüren. Und was sagen die Dakota-Indianer dazu? Man könnte– aus Neugierde natürlich nur – einmal Altman-Z googlen. Wikipedia würde dann beispielsweise aufklären, dass es sich um einen reinen finanzwissenschaftlichen Indikator handelt. Waren wir seit der Erfindung der Balanced Score Card (BSC) in den 1990er-Jahren nicht schon deutlich weiter? Und die Prognosequalität von Altman-Z ist zudem umstrittenen. – Tja.

Wenn also die Autoren behaupten, „unsere Studie zeigt klar, dass eine gläserne Klippe für Frauen in Führungspositionen besteht und Unternehmen die Ernennung von weiblichen Führungskräften in Krisenzeiten als eine Signalwirkung nach außen nutzen,“ mag man sich mit Karl Popper fragen, auf welchem Stand des Irrtums wir uns hier befinden.

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