12. Juni 2024

Management auf den Punkt gebracht!

Den Wald mit lauter Bäumen sehen

REZENSION: Claas Triebel – Wer bin ich? Was kann ich? Was will ich? Potenzialorientiertes Karrierecoaching. Klett-Cotta 2022.

Die meisten Menschen purzeln eher ins Berufsleben, als dass sie sich gewissenhaft darauf vorbereiten. Keine Frage: Eltern, Geschwister, Freunde üben Einfluss aus. Manchmal kann auch ein Lehrer einen Impuls geben. Seltener klopfen vereinzelt Ambitionierte auch bei der Arbeitsagentur an, um sich beraten zu lassen. Der Rest ist Zufall. Wozu auch der gravierende Einfluss von Medien gehört. Social Media verbreitet Stereotype heutzutage in einem Ausmaß, das nur an mittelalterlich groteske Ausmaße zu erinnern vermag. Eigentlich ein Trauerspiel, dass unserer Gesellschaft die berufliche Orientierung so wenig wichtig ist.


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Und so muss es meistens zu einer Krise kommen – einer Kündigung beispielsweise oder einer familiären Veränderung – damit sich Menschen fragen: Wie bin ich eigentlich hier hingekommen? Fühle ich mich da wohl? Hätte ich nicht auch woanders landen können? Und wo sollte es denn in Zukunft hingehen? Und während sie so ins Nachdenken kommen, fragen sie sich vermutlich: Wer bin ich – eigentlich? Was kann ich – wirklich gut? Wo könnte in Zukunft ein guter Platz für mich sein? Genau hier knüpft das Buch von Claas Triebel an, einem Autor, der bekennt: „Ich selbst wollte niemals einen Beruf haben. Das ist mir auch geglückt.“ Dieses Zitat erscheint jedoch erst auf Seite 189 (von 194), so dass es Neugierige nicht verschrecken kann. Und in der Tat ist es ja nicht so, dass der Autor in seinem Leben nichts erreicht hätte – im Gegenteil: Er ist Musiker, Autor, Coach, Wissenschaftler und war sogar etliche Jahre Professor für Wirtschaftspsychologie. Er hat es also nicht zu nichts, sondern zu sogar vielem gebracht.

Klarer Leitfaden

Das Buch gliedert sich in vier Kapitel. Zunächst geht es um Grundlagen (Kap. 1). Der Begriff der Kompetenz steht hier im Sinne einer Ressourcenorientierung im Fokus: Kompetenzen sind, so die Definition, „Voraussetzungen von Menschen für erfolgreiches Handeln in zieloffenen Situationen.“ Der Autor hat auf dieser Basis ein Coaching-Konzept, die Kompetenzbilanz, entwickelt und über 20 Jahre erprobt, erforscht und konsolidiert. Dieses Konzept basiert auf dem Wirkfaktorenkonzept, welches der Psychotherapieforscher Klaus Grawe vorgelegt und das Coaching-Experte Siegfried Greif im Jahr 2008 schon fürs Coaching adaptiert hat. Claas Triebel übersetzt die Faktoren sehr eingängig und bringt sie in eine Prozessreihenfolge: Erleben (Prozessuale Aktivierung), Erkennen (Ressourcenaktivierung), Wollen (Intentionsveränderung) und Machen (Intentionsrealisierung/Problembewältigung). Über 500 Kompetenzbilanz-Coaches hat Triebel in den letzten 20 Jahren in der DACH-Region ausgebildet. Über 30.000 Klienten konnten von der Arbeit profitieren.

Wie dieses Modell nun praktisch umgesetzt wird, ist Thema des großen zweiten Kapitels. Das Ablaufmodell ist recht simpel: Nach einem Einführungstermin finden im zirka zweiwöchigen Rhythmus zwei Arbeitstermine statt. Es folgt noch ein Abschlussgespräch. Dazwischen wartet auf die Teilnehmerschaft jedoch eine Menge Hausarbeit, die in den Arbeitsterminen ausgewertet wird. Die Aufmerksamkeit wird konsequent auf die eigene Biografie gelenkt. Indem ein Lebensprofil angefertigt wird, eine Timeline, die in fünf Bereiche unterteilt wird – Familie und Freunde, Bildung, Job, Hobbys und eine Zufriedenheitsskala – entsteht ein großes Bild, oft auch im Tapetenformat. Dieses Profil wird mit dem Coach besprochen. Der nächste Schritt ist eine Fertigkeitsanalyse. Es werden einige Schlüsselepisoden herausgegriffen und – quasi mit der Lupe – näher beleuchtet. Scheinbar Selbstverständliches erschließt sich dem Klienten tiefer und der Vergleich über Situationen hinweg öffnet ihm die Augen für typische, generelle eigene Muster. Diese Fäden werden im nächsten Schritt zusammengeführt und als Kompetenzen, zunächst grob, später um Redundanzen bereinigt und konsolidiert, beschrieben.

Konsolidierung

Der nächste Schritt verblüfft zunächst, scheint er doch rückwärtsgewandt zu sein. Doch erschließt er sich schnell als nur allzu logisch: Die Klienten sollen ihre Kompetenzen belegen und argumentieren. Damit suchen sie für die inzwischen extrahierten, zirka acht Kompetenzen schlagkräftige Beispiele aus ihrer Biografie, mit denen sie im Lebenslauf, im Bewerbungsgespräch oder wo auch immer, sich schnell und klar positionieren können. Auch hierbei finden wieder Abklopfen und Präzisieren der Kompetenzen statt, was unter Umständen zu einer weiteren Reduktion führen kann (Konsolidierung). Der letzte Schritt besteht in der Definition von Zielen und dem Aufstellen eines Aktionsplans durch den Klienten. Die Kompetenzbilanz endet mit einem schriftlichen Gutachten des Coaches für den Klienten. Respektvoll-mitfühlend, aber auch kritisch distanzierend erhält der Klient so noch einmal eine Zusammenfassung des Coaching-Prozesses aus der Perspektive des Coachs.

Das dritte Kapitel widmet sich etwas ausführlicher der Rolle des Coachs (Haltung) und diversen Durchführungsvarianten (bspw. in der Gruppe). Das vierte und letzte Kapitel philosophiert locker über das Ende der (alten) Berufe und den Aufstieg und Nützlichkeit einer Kompetenzbetrachtung.

Fazit

Insgesamt halten die Leser ein sehr praktisches und gediegenes Arbeitsbuch in Händen, womit sie gleich durchstarten können. Hilfreich ist dabei, dass wichtige Konzepte auch immer theoretisch erläutert und begründet werden. Eine Sache verwundert jedoch: Die Orientierung am Rubikonmodell ist klassisch und gut. Doch sind wir seit der – ungefähr zeitgleichen – Entwicklung des Zürcher Ressourcenmodells (ZRM®) einen entscheidenden Schritt weiter (Emotionen, Embodiment). Dass der Autor auf dieses Modell gar nicht eingeht, kann man sich nur so erklären, dass er mit der Entwicklung seines Modells und der Verbreitung desselben so beschäftigt war, dass er kaum Zeit fand, über den berühmten Tellerrand zu schauen. Doch das könnte sich lohnen. Und beide Modelle zusammenzuführen, könnte nicht nur leicht gelingen, sondern auch einen erheblichen Mehrwert generieren.

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