13. April 2024

Management auf den Punkt gebracht!

Von der Fach- zur Führungskompetenz

KRITIK: Die alte Leier: Unternehmen machen Top-Experten zu Führungskräften und wundern sich dann, dass diese scheitern. Das, so lesen wir mal wieder, liegt daran, dass es nun mal einen Unterschied zwischen Fach- und Führungskompetenz gibt (Vom Ich zum Wir). Und dann darf gestaunt werden: Menschen, die ihr Fachthema gefunden haben, haben das Motiv: Ich will immer besser verstehen, in die Materie eindringen, die besten Lösungen präsentieren. Nachvollziehbar. Aber dann kommt’s: Das bedeutet: Ich will weiterkommen, ich will Karriere machen. Ich, ich, ich …

Echt jetzt? Menschen mit hoher Fachkompetenz wollen vor allem Karriere machen? Und ich dachte bisher, sie sind wirklich an einem Thema interessiert, haben eine Leidenschaft für ein Fachgebiet und wollen dieses wirklich durchdringen. Das Problem ist, dass sie damit allein eben KEINE Karriere machen können – es sei denn, sie versuchen sich als „Führungskraft“. Also müssen sie sich notgedrungen um Führungsjobs bewerben. Und weil sie so gut auf ihrem Gebiet sind, gelingt ihnen das auch oft genug.


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Auf dem Holzweg

Und dann stellen sie selbst fest, dass Mitarbeitende lästig sind, eher stören und sie in ihrem Drang nach tieferem Fachverständnis nicht weiterbringen. Wer als Führungskraft erfolgreich sein will, braucht hingegen eine andere Haltung. Er muss Menschen entwickeln wollen. Die notwendige Haltung lautet: „Was muss passieren, damit der andere der beste Mensch wird, der er sein kann?“ So dass man selbst überflüssig wird: Denn wenn die anderen immer besser werden, werden die Ergebnisse immer besser, bis sie irgendwann meine Hilfe nicht mehr brauchen. Und ich überflüssig bin. Wie bei Eltern, die erkennen, dass das Dreirad dem Kind zu langsam ist und ihm ein Fahrrad schenken. Und dann so lange mit ihm üben, bis es allein fahren und auf die Stützräder verzichten kann.

Die Führungskraft als Lehrer, Erzieher, in der Vater- bzw. Mutterrolle. Und da wir ja nie auslernen, werden wir unser ganzes Leben weiter erzogen, hilft man uns ständig, der beste Mensch zu werden … Ist das nach wie vor das vorherrschende Menschenbild? Dann passt natürlich der Tipp, dass Fachleute, die Karriere machen wollen, diese Haltung lernen. Denn das sei möglich, sagt Boris Gundl. Die anderen, die eine solche Haltung schon verinnerlicht haben, sollten sich durchaus Fachkenntnisse aneignen. Dann haben wir sie endlich, die fachlich und führungsmäßig kompetenten Menschen, die die Führungsrolle perfekt ausüben können.

Mit oder ohne Stützräder

Mal angenommen, es ist so. Es gibt Menschen, die diese Haltung verinnerlicht haben. Würden sie ihnen empfehlen, Führungskraft zu werden? Ich würde Ihnen eine Aufgabe als Lehrer, Dozent, Ausbilder, Coach, Trainer empfehlen. Wo sie sich wirklich um die Entwicklung von Menschen kümmern können, und diese sich auch genau deshalb in ihre Obhut begeben bzw. gegeben werden.

Aber heuer ich in einem Unternehmen an, damit ich dort „entwickelt werde“? Brauche ich eine Führungskraft, um mich ständig weiterzuentwickeln? Oder bin ich ein erwachsener Mensch, der aus freien Stücken eine Aufgabe übernimmt und sie so gut wie es mir möglich ist, erfüllt? Und dem man dazu die Möglichkeiten und Ressourcen zur Verfügung stellt? Mir also ein Fahrrad hinstellt, das ich entweder schon bedienen kann (weil ich ja deshalb den Job haben wollte) oder aber mir die Möglichkeit bietet zu lernen, das Hightech-Rad, das ich noch nicht kenne, zu bedienen. Durch entsprechende Fachleute. Aber brauche ich jemanden, der mir die Stützräder wegnimmt?

Führung messbar machen?

Ich musste auch tief durchatmen, als ich den Beitrag im Personalmagazin las, in dem ein Unternehmen sich überlegt hat, ein neues Führungsmodell einzuführen. Mit dem ganzen furchtbaren Procedere: Aus einem Beraterkatalog von 64 Kompetenzen 22 passende ausgewählt und dann sich auf acht „Basiskompetenzen“ verständigt, die nun für alle Führungskräfte gelten. Dazu kamen noch bereichsspezifische Kompetenzen. „Mit dem neuen Kompetenzmodell machen wir Führung messbar“, heißt es da allen Ernstes (Zusammen führen). Mit ähnlichem Ansatz: Eine der Kompetenzen heißt „Mitarbeiterbefähigung“.

Und dann kommt das Spannende: In einem Bereich, nämlich im Krankenhaus, zieht man in Erwägung, „Fachwissen und die Führung der Mitarbeitenden unterschiedlichen Personen zu übertragen“. Da darf der Chefarzt dann in Zukunft nur noch operieren und nicht mehr Chef sein. Und dafür hat man in dem Bereich schon mal vorsorglich die fachlichen Kompetenzen bei der Sammlung von Führungskompetenzen komplett gestrichen. Aber wie gesagt: Man zieht es in Erwägung. Statt in Erwägung zu ziehen, mal darüber nachzudenken, ob Menschen wirklich jemanden brauchen, der ihnen die Stützräder wegnimmt …

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Ein Gedanke zu “Von der Fach- zur Führungskompetenz

  1. E s ist die alte Leier der Unbedarften: es gibt einen Unterschied zwischen Fach- und Führungskompetenz. Fachkompetenz muss jeder Arbeitnehmer haben, egal in welcher Hierarchiestufe. Ein Vorstandsmitglied Produktion, der nichts von Produktion versteht ist ein schlechter Vorstand.
    Forscher wollen ein Fachgebiet durchdringen. Die sind selten und eher in der Uni oder in Forschungseinrichtungen (naturwissenschaftliche Richtungen) zu finden. Der Direktor eines Max-Planck-Institut soll extreme Fachkompetenz haben. Es wäre nicht falsch, wenn der mit Mitarbeitern gut zurecht kommt. Ansonsten ist ein angemessener Kollateralschaden hinzunehmen.
    In Unternehmen gibt es ehrlicherweise gar keine Fachlaufbahnen, die auf Fachwissen beruhen. Jeder, der vom Sachbearbeiter zum Gruppen-, Team- oder Projektleiter ernannt wird muss Führungswissen haben. Leider werden dies in Unternehmen aber nicht ausgebildet.
    In Unternehmen wird von der Fachlaufbahn gesprochen- Aber in Wahrheit haben sie sie nicht.

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