23. Juni 2024

Management auf den Punkt gebracht!

Zukünfte – ein neues Paradigma

INSPIRATION: Zukunftsforschung im Sinne von Trendforschung ähnelt der Kaffeesatzleserei. Wechselwirkungen und Rückkopplungen können kaum angemessen modelliert werden. Was wäre eine Alternative? Ein Fallbericht zeigt ein innovatives Vorgehen.

In der Forschung spricht man inzwischen von Zukünften. „Die Anwendung der Zukünfteforschung ermöglicht es, nicht nur eine tiefgreifende Kenntnis des Systems zu erlangen, sondern auch die Auswirkungen von Veränderungen und Handlungsoptionen abzuschätzen sowie die Interessen und Erwartungen der vielfältigen Akteursgruppen angemessen zu berücksichtigen.“ Eine interdisziplinäre Forschendengruppe (Overcoming complexity) hat sich mit dem Thema „Elektrifizierung der Landwirtschaft im Jahr 2045“ befasst. Hier wirkten also Personen zusammen, die sich normalerweise nicht über den Weg laufen: Expert:innen aus Landtechnik, Energiesysteme, Organisationspsychologie, Geoökologie und Designforschung.


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Methodenkombination

Dabei hat man zwei Methoden miteinander kombiniert: Backcasting und Research through Design. Diese Methoden sind insofern interessant, als sie auch – wenn auch unter anderem Namen – im Coaching und Change-Management bekannt sind. Das wird im Beitrag des Autorenkollektivs nicht expliziert. Ich erlaube mir aber einmal, die Parallelen aufzuzeigen, weil das für beide Seiten wäre, diesen Gedanken nachzuhängen.

Backcasting könnte man mit der Methode des Futur II vergleichen. Sie ist aus dem hypnosystemischen Arbeiten (Gunther Schmidt) bekannt. Aber die berühmte Wunderfrage aus dem lösungsorientierten Arbeiten (De Shazer/Berg, Lösungsorientiertes Coaching) hat dieselbe Struktur. Man begibt sich gedanklich in die wünschenswerte Zukunft und beschreibt diese ausführlich. Dann blickt man von dort zurück auf die Gegenwart und arbeitet heraus, welche kleinen und größeren Schritte (oder Wunder) geschehen wären, um zur wünschenswerten Zukunft (preferred future) zu gelangen.

Research through Design meint eine wissensgenerierende Tätigkeit durch Designing, die der im agilen Kontext bekannten Methode des Design Thinking ähnelt. Man setzt Ideen dreidimensional in objekthafte Darstellungen (Modelle) um. Dadurch werden sie be-greifbar und von verschiedenen Perspektiven aus an-schaubar. Der Hintergedanke dabei ist, dass dabei auch mögliche Wechselwirkungen innerhalb des Modells sichtbar und erlebbar werden. Denn man ist sich bewusst, dass man auf einem schmalen Grat zwischen notwendiger Simplifizierung und Komplexität des Systems wandelt. Auf diese Weise hält man Diskussionsräume offen.

Methodik der empirischen Sozialforschung

Die Methodenkombination ermöglicht einen „iterativen Wechsel von forschendem und gestaltendem Vorgehen, indem fortlaufend Verbindungen zwischen interdisziplinären Forschungsergebnissen hergestellt und der Forschungsgegenstand gestaltet wird.“ Dieses ganze Vorgehen ähnelt in seiner Kombination wiederum stark dem hermeneutischen Ansatz der Grounding Theory, die vor Jahrzehnten schon im soziologischen Kontext entwickelt wurde. Man geht deduktiv mit Hypothesen ins Feld und holt sich aus der Empirie induktiv Antworten, die dann wieder das (deduktive) Vorverständnis verändern – und so weiter (spiralig). Die gesamte qualitative empirische Sozialforschung basiert auf diesem Modell.

Auch diese Erkenntnis wird im Beitrag selbst nicht thematisiert. Wenn im Mainstream der Wissenschaft gerne abschätzig über qualitative Forschung gesprochen wird, zeigt sich hier nicht nur die Relevanz, sondern auch die Vorteile dieses Vorgehens gegenüber dem landläufigen, quantitativen Mittelwerts-Fetischismus.

Fallbeispiel

Die Autor*innen schildern ausführlich ihr Vorgehen, das ich hier natürlich nur kurz skizziere. Im ersten Schritt legte die Agrartechnikgruppe eine Visualisierung aus ihrer Perspektive vor. Diese wurde diskutiert, ein gemeinsames Verständnis entwickelt und schon einmal Parameter benannt, um konkretere Subforschungsfragen zu definieren. Aber es kamen auf diese Weise auch neue Aspekte auf den Tisch, die die Agrartechniker:innen bislang nicht auf dem Schirm gehabt hatten: Beispielsweise „die Akzeptanz der Anwohnenden für ein durch die elektrifizierten Maschinen verändertes Landschaftsbild.“

Der nächste Schritt war die Integration von Forschungserkenntnissen. Hierzu wurde eine Tabelle entwickelt, um die verschiedenen Perspektiven zusammenzuführen. So wurden „Aushandlungs- und Diskussionsbedarfe“ sichtbar. Die Designgruppe arbeitete diese Informationen und Hintergründe in eine grafische Übersicht der Handlungsschritte und ihrer Abhängigkeiten um. Dieses Bild wurde auf eine interaktive Online-Plattform gestellt und der Kommentierung zugänglich gemacht. Dies produzierte neue Erkenntnisse und Fragestellung, die den weiteren Prozess inspirierten.

Überraschung: Ein Worst-Case-Szenario

Nun ging es im dritten Schritt an die Konkretisierung der Transformationspfade. Dazu diente ein vierstündiger Workshop mit dem gesamten Projektteam. Man startete – für einige Teilnehmenden unerwartet – mit einem Worst-Case-Szenario. „Die humoristische Beantwortung der Worst-Case-Frage als Ziel fördert die Kreativität und die Offenheit über Möglichkeiten des Fehlschlags nachzudenken.“

Vor dem Workshop waren die abgefragten Teilziele aus der Tabelle vom Designforschungsteam erzählerisch in Geschichten übersetzt worden. Im Workshop wurden diese nun von den Fachexperten in Einzelarbeit bewertet. Ein Graphic Recording dieser Evaluationen wurde durch das Designteam angefertigt und visualisierte somit ein gemeinsames neues Zielbild. Mittels Kartenabfragen kristallisierten sich in der Diskussion zunehmend Handlungsabfolgen heraus, die sich in detaillierten Transformationspfaden kristallisierten.

Der Schritt 4 bestand in der Ausarbeitung der Handlungsempfehlungen und Konkretisierung des Zukunftsbildes. Es wurden ein fünfeckiges Holzgerüst (die fachlichen Perspektiven und Stakeholder) gebaut und Moderationskarten, auf denen die Parameter des IST-Zustandes vermerkt waren, auf den Boden in die Mitte des Gerüsts gelegt. „Vom Boden ausgehend wurden die Handlungsschritte aufsteigend an das Holzgerüst gehängt, sodass fünf Mobilés entstanden.“ Die Transformationspfade wurden zudem in Form eines Nachschlagewerks dokumentiert und den Stakeholdergruppen zur Verfügung gestellt.

Dieses Modell veranschaulichte die Komplexität und Interdependenz des Projekts. Auf der Basis der Graphic Recordings wurde nun ein analoges Landschaftsmodell angefertigt. Es konnte berührt und aus mehreren Perspektiven betrachtet werden. Durch Projektion konnten zudem weitere Informationen aufgebracht und visualisiert werden. Und dieses Modell wurde in einer interaktiven Ausstellung präsentiert. Über 60 Stakeholder wurden eingeladen, es anzusehen und zu kommentieren. „Die Verkörperung des gemeinsamen Ziels ermöglicht es, sich eine systemisch gedachte Zukunft vorstellen zu können und sie aus der Utopie in den Bereich des Möglichen zu bewegen.“

Zukünfte erforschen und entwickeln

Ein faszinierendes Projekt, das zeigt, wie synergetisch, durch interdisziplinäre Kooperation sich ein Lösungsbild als geteiltes mentales Modell entwickelt, das niemals in einer einzelnen Disziplin allein entstanden wäre. Es zeigt auch, wie wichtig das strukturierte Vorgehen dabei ist: Ein abwechselndes Öffnen und Schließen im Prozess. Und immer wieder die Übersetzung in neue Darstellungsmodi.

Keine Frage: der Prozess ist sehr zeit- und ressourcenintensiv. Man darf aber sicher ohne rot zu werden fragen, was die Alternative wäre. Planungsruinen, aus dem Ruder gelaufene Kalkulationen und versunkene Kosten, Widerstände durch Stakeholder, langwierige Gerichtsprozesse? – All das kennen wir nur zu Genüge. Und sind wir das nicht auch alle leid? Dass Projekte ausgebremst werden, dass man zwar prinzipiell die Energiewende möchte, aber bitte nicht im eigenem Vorgarten?

Die Autorengruppe weist darauf hin, dass es sich beim Fallbeispiel lediglich um Gedankenexperimente handele. Das ist richtig und bescheiden formuliert. Doch deckt das auf Simulations- und Modellierungsdaten basierende Gedankenexperiment den Verlauf der nächsten knapp 20 Jahre ab. Da die Parameter und Handlungspfade beschrieben sind, wird es möglich, jederzeit – wie im Zeitraffer – einzugreifen und das Modell anzupassen. Wenn das kein Mehrwert ist … Ich bin jedenfalls ganz angetan.

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