24. Mai 2024

Management auf den Punkt gebracht!

Geisterstunde

KRITIK: Hatte man uns das nicht schon einmal versprochen – so vor zirka 20 Jahren? Das nächste Leben findet im Netz statt – als Avatar in einer künstlichen Welt. Viel Bohei, geblieben sind Bauruinen und versunkene Kosten. Doch die Protagonisten geben nicht auf. Allen voran: Facebook-Gründer Marc Zuckerberg, der vom Metaverse träumt. Das dreidimensionale Netz, ein „begehbares Internet“ soll auch für Zusammenarbeit, Recruiting und Weiterbildung genutzt werden.

Autor Constantin Gillies (Die neuen Realitäten) startet seinen Beitrag mit einem Beispiel aus der IT. Führungskräfte setzen sich sogenannte Augmented-Reality(AR)-Brillen auf die Nase und der Computer legt virtuelle Bilder über das reale Bild. Man hat den Eindruck, als säßen Kollegen aus anderen Standorten tatsächlich ebenfalls im Raum. Nun inspizieren alle gemeinsam die Architekturpläne eines neuen Firmengebäudes – in 3D.


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Dem Ingeniör ist nix zu schwör, sagte schon Daniel Düsentrieb. Doch macht es Sinn, neben technischen Spielereien, auch Zusammenarbeit, Recruiting und Weiterbildung, also intensive soziale Situationen, technisch zu betrachten? Die Frage muss man stellen (dürfen). Und es lohnt sich, ihr ein wenig nachzuhängen. Seit 100 Jahren telefonieren Menschen. Wir sind damit hervorragend klargekommen. Brauchten wir Bildtelefonie? Eigentlich nicht. Auch die Telefonseelsorge ist seit über 60 Jahren mit diesem Setting erfolgreich.

Telefonkonferenzen fanden wir allerdings immer schon ätzend. Weil sie uns überfordern. Man kann nicht mehreren Leuten gleichzeitig zuhören. Man kann auch nicht zu mehreren Leuten gleichzeitig sprechen. Also kann man schon, aber man verliert das Gefühl dafür, ob sie einem zuhören. Zoom & Co. versprachen hier Rettung – in Form von Kontrolle: Monologisieren leicht gemacht. So kann man auch Vorträge halten, Trainings geben. Man muss ja auch nicht gleich Böses denken, wenn die Teilnehmer Kamera und Mikro ausschalten. Vielleicht haben sie gerade Probleme mit dem Netz? Oder sind nur mal kurz mit dem Hund um die Ecke und gleich wieder da …

Veraltete Signaltheorie der Kommunikation

Wenn man sich ein wenig mit Kommunikationspsychologie befasst hat, dürfte einem klar sein, zugrunde liegt dem ganzen Arrangement die alte Signaltheorie der Kommunikation: A sagt dem B etwas und wenn es keine Störung im Kanal gegeben hat, hat B den A verstanden. Wie dümmlich. Seit Watzlawick & Co, Schulz von Thun und so weiter, wissen wir es längst besser. Ob B den A verstanden hat? Wer weiß? Heinz von Foerster, Altmeister systemischen Denkens, sagte klipp und klar: B entscheidet über die Botschaft. Kommunikation ist das gemeinsame Ringen um Sinn.

Jetzt also der alte Irrtum in 3D: Quasi Zoom hoch drei. „Alles ist wie in echt – bis auf die Anreise,“ lässt Autor Gillies einen Trainer zu Wort kommen, der seine Teilnehmerschaft als Avatare, also virtuelle Spielfiguren, durch den Trainingsparcours laufen lässt. Die Spielfiguren haben zwar keine Mimik, auch nur einen Oberkörper und bewegen sich wie Marionetten, aber was soll’s. Man muss bei der Geisterstunde offensichtlich mitmachen. Einsatzszenario: Teambuilding, Führungskräfteentwicklung, Kulturbildung. Statt also wie früher in den Hochseilgarten nun in die 3D-Abenteuerwelt. Ob Teambuilding und Hochseilgarten zwangsläufig positiv korrelieren, daran darf man jedoch seit der Transferforschung der 1980er-Jahre getrost zweifeln. Daran ändert auch die 3D-Technologie nichts. Individuelle Voraussetzungen, Trainingsdesign und organisationale Unterstützung müssen zueinander passen. Solche kritischen Einwände möchte aber nicht jeder im Unternehmen gerne hören. Und so drückt man dann ein Auge zu – oder gleich beide. Wishful thinking, Business as usual.

Technikverliebten gehen schnell die Pferde durch. Was man damit so alles machen könnte …! Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Assessment Center beispielsweise. Wer sich nur einmal mit dem Thema Gütekriterien und AC beschäftigt hat, wird hier die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Was soll’s: Ist doch alles so schön virtuell hier! „Den Bewerbenden für eine Ausbildung zum Windenergietechniker auf ein 280 Meter hohes Windrad mitten in der Nordsee stellen und ihn bitten, eine Schraube festzudrehen? Im Metaversum geht das,“ zitiert Autor Gillies den Recrutainment-Experten Joachim Diercks. Man mag sich fragen: Wer hat hier eigentlich eine Schraube locker? Oder hat da einer schlicht den Witz nicht verstanden?

Es erscheint klar: Es geht um einen neuen Markt, auf dem man vielleicht viel Geld verdienen kann. Also wird getrommelt, was das Zeug hergibt. Und verkauft! – Ob man das braucht? Ob das Sinn macht? Woran es dann gelegen haben soll, wenn es nichts gebracht hat? Viele Fragen, die nur missmutige Babyboomer stellen können. Der Erfolg hat viele Väter, der Misserfolg ist ein Waisenknabe.

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