2. März 2024

Das Beste aus der Fachliteratur

Zertifikat ohne Wert?

KRITIK: Alle Jahre wieder lesen wir, welche Unternehmen als beste Arbeitgeber ausgezeichnet wurden. Dazu gibt es die passenden Rankings, und alle Ausgezeichneten können sich die Urkunden in die Eingangsbereiche hängen oder die Siegel auf der Webseite platzieren. Was dabei doch verwundert ist die hohe Zahl von Beratungsunternehmen, die in den Top-Positionen auftauchen (Alles für das Team). Von 18 aufgeführten Unternehmen in der Kategorie bis 100 Mitarbeiter sind es neun, in der Kategorie bis 250 Mitarbeiter sogar 18 von 31 (wobei Beratungsfirmen hier sogar die ersten vier Plätze belegen), und bei den Unternehmen bis 500 Mitarbeiter neun von 20.

Da könnte man ja auf die Idee kommen, dass Beratungsunternehmen, vor allem IT-Beratungen, von ihren Mitarbeitern besonders gemocht werden und sich glücklich schätzen kann, wer dort arbeitet. Insgesamt 840 Firmen haben sich an dem „Great Place to Work Wettbewerb 2020“ beteiligt. Organisiert wird dieser von einem Anbieter, der Mitarbeiterbefragungen durchführt, dann die Ergebnisse auswertet, die Preisträger auszeichnet und für alle, die es nicht weit nach vorne geschafft haben, Beratungsleistungen anbietet. Ein Modell, das offenbar nach wie vor gut funktioniert, wenn so viele Arbeitgeber hier mitmachen.

Nun würde mich mal interessieren, wie hoch denn der Anteil an Beratungsfirmen bei den 840 Teilnehmern war? Ich habe dazu keine Zahlen gefunden, vermute deshalb nur, dass er deutlich überproportional zum tatsächlichen Anteil dieser Firmen in der deutschen Wirtschaft ausfällt. Was, wenn es denn stimmt, wohl damit zu tun hat, dass solche Firmen zum einen häufiger als andere solche Wettbewerbe als Marketing-Maßnahme nutzen, um sich für Beratungskunden interessant zu machen. Zum anderen aber suchen sie vermutlich auch händeringend Bewerber, da macht es sich natürlich gut, wenn man ein ausgezeichneter Arbeitgeber ist.

Das dürfte übrigens auch erklären, warum für mich überraschend doch einige Unternehmen aus der Gesundheitsbranche (Kliniken, Seniorendienste) in den oberen Positionen auftauchen. Hier gelten die Arbeitsbedingungen traditionell als eher nicht so toll, da muss man auch etwas für das Image tun. Bleibt die Frage, ob Unternehmen aus anderen Branchen (Handel, Handwerk, Produktion…) kaum vertreten waren oder wirklich bei ihren Mitarbeitern nicht sonderlich beliebt sind.

Das soll jetzt nicht bedeuten, dass ich anzweifle, dass die ausgezeichneten Unternehmen gute Arbeitsbedingungen schaffen. Aber diese Rankings sind doch sehr mit Vorsicht zu genießen, wenn man nicht weiß, wie viele Vertreter einer Branche überhaupt dabei waren.

Auch etwas irritierend: Und warum werden hier nur drei Unternehmen aus der Kategorie über 5000 Mitarbeiter genannt? Aufgeführt sind angeblich die Top 100 Unternehmen, was ja dann bedeutet, dass es in diese Liste nur drei Konzerne geschafft haben. Sind Mitarbeiter kleiner Unternehmen also zufriedener? Oder ist das ein Effekt der Methode: Unternehmen bewerben sich und zahlen für die Teilnahme an der „Studie“.

Dividiert man übrigens die Zahl der Mitarbeiter (225.000) durch die Anzahl der teilnehmenden Firmen (840), erhält man einen Durchschnittswert von 268 – das deutet darauf hin, dass nicht allzu viele Großunternehmen mitgemacht haben.

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