27. Februar 2026

Management auf den Punkt gebracht!

Die Führungskraft als Lehrer

INSPIRATION: Die Argumentation ist einfach und nachvollziehbar: Dass Mitarbeiter vor Ort selbstständig und eigenverantwortlich Entscheidungen treffen, damit es nicht ewig dauert, bis sie das Okay aus der Hierarchie eingeholt haben, ist die Voraussetzung für ein agile Organisation. Warum passiert das dann nicht schon längst überall? Vor einiger Zeit sagte mir ein Unternehmer, dem ich vorschlug, bei den geplanten Veränderungen doch die Mitarbeiter vor Ort zum Workshop einzuladen, dass er das für keine gute Idee hält. Erklärung: „Das sind eher einfache Arbeiter, das würde sie überfordern.“

Womit wir beim Teufelskreis sind, aus dem man ausbrechen muss, wenn das mit der Agilität klappen soll: Stelle ich Leute ein, die ausschließlich ausführen und nicht denken sollen, habe ich ein Problem, wenn sie plötzlich mitdenken sollen. Wobei ich ziemlich sicher bin, dass die meisten das Denken nicht verlernt haben.


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Das Beispiel geht noch weiter. Als ich nachfragte, warum er ihnen diese intellektuelle Leistung nicht zutraute, erzählte er mir, dass man schon einmal versucht hätte, ihnen betriebswirtschaftliches Grundwissen zu vermitteln. Aber es sei nicht gelungen, den Unterschied zwischen Brutto und Netto zu erklären.

Ich weiß aus Erfahrung, dass dieses Wissen auch bei manchem Abiturienten mühsam zu lehren ist, aber in der Regel jeder, der es plötzlich anwenden muss, dann doch kapiert. Will sagen: Allein die Tatsache, dass der Lernende ein Problem mit bestimmten Inhalten hat, heißt noch nicht, dass er unfähig ist, sich das für die tägliche Arbeit notwendige Wissen anzueignen. Bisher aber benötigen viele dieses Wissen aber nicht, weil sie es gar nicht zum Job gehört.

Ganz anders hingegen, wenn nun Teams sich selbst steuern sollen. Jede Wette, dass sich, egal wo man anfängt, jemand findet, den das früher oder später sehr motiviert. Autoren im Personalmagazin erklären, dass sich in einer Umfrage mehr als 84% von ca. 12.000 Miarbeitern mehr Mitsprache und Einbezug bei Unternehmensentscheidungen wünschen (Mit dabei statt nur daneben).

In einem anderen Beitrag (Wie Organisationen agil werden) wird von einer Studie berichtet, die auf 45 Interviews basiert. Dabei kam heraus, dass es drei Hürden gibt, die eine derartige Partizipation beeinträchtigen:

  • die räumliche Gestaltung,
  • die Strukturen und Prozesse,
  • das Verhalten der Führungskräfte.

Unter der räumlichen Gestaltung ist zu verstehen, dass die Arbeitsplätze den Austausch untereinander nicht unbedingt fördern, Stichwort Einzelbüro und geschlossene Türen. Die Strukturen sind oft hierarchisch, Entscheidungen fallen in bestimmten Gremien, die nur bestimmten Menschen offenstehen und die Personalinstrumente auch nicht gerade so gestaltet, dass Mitarbeiter bereitwillig Verantwortung teilen – Stichwort: Individuelle Zielvereinbarungen und Prämiensysteme.

Und schließlich die Führungskräfte, die nun mal gerne selbst entscheiden und sich übergangen fühlen, wenn sie nicht gefragt werden. Mir kommen sie oft wie Eltern vor, die immer noch Entscheidungen für ihre erwachsenen Kinder treffen und deren Kinder das zwar nicht immer angenehm, aber mitunter doch ganz praktisch finden.

Nun denn, hören Sie auf damit. Lassen Sie als Führungskraft nicht zu, dass Ihnen Entscheidungen auf’s Auge gedrückt werden. Geben Sie sie zurück an diejenigen, die sich vor Ort auskennen.

Aber was, wenn der Unternehmer Recht hat? Wenn diejenigen vor Ort gar nicht die Kompetenz haben, solche Entscheidungen zu treffen – Kompetenz im Sinne von Fähigkeit und Wissen?

Dann haben Sie ein hartes, aber auch sehr erfüllendes Stück Arbeit vor sich. Nämlich dieses Wissen und die Fähigkeiten zu vermitteln. Die Führungskraft als Lehrender, der irgendwann seine Schüler ins wahre Leben entlässt, so dass sie auf eigenen Beinen stehen. Ist das nicht eine wunderbare Aufgabe?

Bei Toyota heißt es: „Nicht die fähige Führungskraft wird anerkannt, sondern diejenige, die ihre eigene Fähigkeit weitergeben und ihre Mitarbeiter mindestens bis auf das eigene Niveau hochbringen kann.“ (Toyotas Geheimrezepte für die Mitarbeiterentwicklung, S.31)

Klar, das kostet Zeit und Nerven. Da mag es manchmal schneller und einfacher sein, direkt selbst zu entscheiden. Oder noch besser: Es gleich selbst zu machen. Nur wird das dann nichts mit der agilen Organisation.

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Johannes Thönneßen

Dipl. Psychologe, Autor, Moderator, Mitglied eines genossenschaftlichen Wohnprojektes. Betreibt MWonline seit 1997. Schwerpunkt-Themen: Kommunikation, Führung und Personalentwicklung.

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