PRAXIS: Es soll Menschen geben, die laufen auf der Suche nach einem bestimmten Produkt lieber stundenlang durch den Supermarkt, ehe sie jemanden bitten, ihnen zu erklären, wo sie es finden. Vor allem Männer. Das kann viele Ursachen haben. Offenbar empfinden sie es als Schwäche, andere um etwas bitten zu müssen. Oder sie wollen „nicht nerven“, haben Sorge, dass der andere eigentlich gar nicht möchte, aber sich nicht traut, Nein zu sagen. Vielleicht, dass sie selbst mit einem Nein nicht gut umgehen können, weil sie sich als Person abgelehnt fühlen. Oder sie fürchten, für unfähig gehalten zu werden. Vielleicht steckt dahinter auch die Sorge, dass man anschließend dem anderen etwas schuldig ist – „in seiner Schuld ist“. Das kann in der Tat belastend sein – man denke an „Der Pate“ …
Aber es gibt nun mal im Leben immer wieder Situationen, in denen wir auf andere angewiesen sind. Sei es, dass wir einen Rat von einem Kollegen brauchen, die Zustimmung unserer Führungskraft für ein persönliches Anliegen, die Unterstützung, wenn wir vor Arbeit untergehen. Oder privat: Dass wir eine Nachbarin bitten, unser Kind vom Kindergarten abzuholen, uns vom Supermarkt etwas mitzubringen, unseren Partner, ein Paket zur Post zu bringen.
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Warum Bitten Wertschätzung bedeuten
Eine solche Bitte bietet keine sofortige Gegenleistung an. Das wäre so etwas von der Art: „Hör mal: Fährst du nachher für mich an der Post vorbei und gibst das Paket ab? Dann übernehme ich das Kochen und fange schon mal damit an.“
Wer mit dem Bitten ein Problem hat, der hat es im Leben sicher schwerer. Er mag sich rühmen, alles aus eigener Kraft zu schaffen, aber übersieht dabei, dass die gegenseitige Unterstützung an sich schon einen hohen Wert hat. Wer um etwas gebeten wird und tatsächlich helfen kann, der fühlt sich gewertschätzt. Die bekannte Erfahrung, dass es mehr Freude macht etwas zu schenken als ein Geschenk zu erhalten.
Damit sind wir beim ersten Tipp, wie man sich das Bitten erleichtert (Besser bitten). Sich vor Augen führen, dass die meisten Menschen gerne helfen und sich freuen, wenn die Hilfe erfolgreich ist. Kennen Sie das, wenn Sie in einer fremden Stadt stehen und sich „hilflos“ umschauen? Man wird rasch von Fremden angesprochen mit den Worten: „Kann ich Ihnen helfen?“ Aber umgekehrt halten wir eher ungern einen Wildfremden an und stellen eine Frage nach dem Weg. Warum? Siehe oben.
Der zweite Tipp: Wenn wir andere um etwas bitten, bedeutet das ja auf jeden Fall, dass wir ihnen etwas zutrauen. Z.B. dass sie etwas besser können als wir selbst, sonst würden wir sie nicht fragen. Oder aber, dass wir ihnen vertrauen, z.B. dass sie sich gut um unser Kind kümmern. Dass sie zuverlässig sind usw. Sich das vor Augen zu führen, kann helfen.
Das höhere Ziel hinter der Bitte
Der dritte Tipp: Wir können uns überlegen, welches Ziel wir mit unserer Bitte verfolgen. Das ist besonders dann hilfreich, wenn es z.B. um Fundraising geht. Wenn wir ein höheres Ziel verfolgen, fällt das Bitten leichter. Aber auch im Kleinen kann das nützlich sein: Wenn Sie jemand bitten, auf Ihr Kind aufzupassen, dann tun Sie das zum Wohle Ihrer Familie. Wenn Sie einen Kollegen bitten, Sie bei einer Aufgabe zu unterstützen, dann dient das dem Team und letztlich der Organisation.
Der vierte Tipp: Wenn wir um Hilfe bitten, kann es natürlich passieren, dass der andere ablehnt. Aber dann haben wir das Ergebnis, das wir auf jeden Fall haben, wenn wir erst gar nicht fragen. Unsere Situation wird sich also auf keinen Fall verschlechtern.
Richtig bitten
Falls Sie sich also durchringen können, eine Bitte zu äußern – hier die Tipps, was Sie bei der Formulierung Ihrer Bitte beachten sollten:
- Klarheit. Häufig drucksen wir herum – eben weil wir uns nicht wohl fühlen. Formulierungen wie „Wenn du vielleicht irgendwann etwas Zeit hättest …“ Oder: „Ich weiß nicht, wen ich fragen soll und dachte, dass du eventuell …“
Stattdessen lieber klar ansprechen, worum es geht: „Ich stecke bei dem Projekt X fest und komme nicht weiter mit Y. Ich brauche einige Informationen. Du hast so was schon öfter gemacht, deshalb meine Bitte: Darf ich dir heute Nachmittag gegen 14.00 Uhr ein paar Fragen dazu stellen?“
Voraussetzung für eine solch klare Botschaft ist natürlich, dass wir selbst genau wissen, was wir wollen. Wenn es da schon hakt, kann eine Bitte nicht klar geäußert werden.
Also: Erst für sich selbst klären, was genau wir benötigen. Und dann sehr klar die Bitte formulieren. - Empathie: Eine Bitte wird auf wenig Gegenliebe stoßen, wenn sie völlig an den Werten und Interessen des anderen vorbeigeht. Wir sollten uns also in den anderen hineinversetzen können und wissen, was ihm wichtig ist und was er mag.
Ich werde kaum einen Nachbarn, der deutlich zu erkennen gegeben hat, dass ihn kleine Kinder furchtbar stören, darum bitten, auf mein Kleinkind aufzupassen. Aber ich werde eine Kollegin, die sich mit Künstlicher Intelligenz auskennt und mit Begeisterung die Technologie testet, gerne bitten, mir bei einer Aufgabe zu helfen, die Kenntnisse auf dem Gebiet der KI benötigt. - Motivation: Beides aber hilft nicht viel, wenn wir nicht deutlich machen, warum es für uns wichtig ist, dass der andere uns hilft. Ob wir nun unsere Notlage erläutern, ob wir erklären, warum es für das ganze Team wichtig ist oder ob wir deutlich unsere Begeisterung für eine Aufgabe bzw. ein Projekt zeigen – wenn er nicht nachvollziehen kann, warum er helfen soll, wird es schwierig.
- Und wenn der andere trotz allem unsere Bitte ablehnt? Dazu hat er alles Recht der Welt. Bitten und Wünsche darf man abschlagen, sonst würde man von Anweisungen oder Anordnungen reden. Dann bleibt immer noch eine Möglichkeit: Bedanken Sie sich dafür, dass er bzw. sie zugehört hat und fragen Sie nach, ob er bzw. sie noch eine andere Idee hat, wie Sie Ihr Problem lösen können. Manchmal hilft das sogar mehr, als der wer andere der Bitte folgt.
