23. Juni 2024

Management auf den Punkt gebracht!

Sinn-Suche

INSPIRATION: Das ist ein komplexes Thema. Müssen Unternehmen ihren Mitarbeitern den Sinn ihrer Tätigkeit vermitteln? Müssen Unternehmen bzw. Führungskräfte Sinn stiften? Sollten Menschen überhaupt einen Sinn in dem sehen, was sie tun? Der Versuch, Licht in das Dunkel zu bringen.

Wenn von neuen Arbeitsformen, von „New Work“ und von Selbstorganisation die Rede ist, dann taucht auch irgendwann die Frage nach dem Sinn auf. Und dann geht die Diskussion los, ohne sich zuerst auf ein gemeinsames Verständnis dessen, was mit „Sinn“ gemeint ist, zu verständigen.

Bei einer repräsentativen Befragung von fast 10.000 Beschäftigten, die sich DGB-Index „Gute Arbeit“ nennt, wurde mit drei Fragen der Sinn „konstruiert“ (Was ist der Sinn dahinter?):

  • Leistet meine Arbeit einen wichtigen Beitrag für die Gesellschaft?
  • Leistet sie einen wichtigen Beitrag für den Betrieb?
  • Identifizieren wir uns mit unserer Arbeit?

Insgesamt fielen die Ergebnisse sehr positiv aus: 73% sind der Meinung, sie stiften einen Beitrag für die Gesellschaft, 91% einen für ihren Betrieb und 90% identifizieren sich mit ihrer Arbeit. Da frage ich mich schon mal, wie das denn mit den alljährlichen Ergebnissen von Gallup zu vereinbaren ist, wonach die meisten doch immer noch Dienst nach Vorschrift machen.

Aber was hat man hier wirklich gemessen? Versuchen wir es anders und konstruieren mehrere Fälle. In allen setze ich mal voraus, dass es sich bei der Arbeit um „Lohnarbeit“ handelt, also eine, für die jemand Gehalt, Lohn oder Honorar bezieht.

  1. Jemand sieht weder einen Sinn für die Gesellschaft noch einen Sinn für sein Unternehmen. Er würde sofort einen anderen Job für das gleiche Geld annehmen, der ihm mehr Sinn verspricht (und für den er keine extremen Belastungen hinnehmen müsste).
  2. Jemand sieht durchaus einen Sinn für die Gesellschaft in dem, was sein Arbeitgeber (und damit er selbst) leistet, aber der Sinn seines eigenen Tuns erschließt sich ihm nicht.
  3. Jemand sieht in seiner Tätigkeit durchaus einen Sinn für das Unternehmen bzw. die Menschen in dem Unternehmen, für das er tätig ist, einen Sinn für die Gesellschaft jedoch nicht.
  4. Jemand hat das große Los gezogen – seine Tätigkeit erlebt er als sinnvoll für das Unternehmen als auch für die Gesellschaft.

Ich weiß, auch diese Fälle sind Schwarz-Weiß-Darstellungen. Niemand sieht fortwährend einen Sinn in allem, was er tut. Wenn jemand in einem Krankenhaus Stunden damit verbringt, seine Tätigkeit zu dokumentieren, statt sich um Patienten zu kümmern, dann wird er diesen Teil seiner Aufgabe kaum überwiegend als sinnvoll ansehen. Niemand erlebt durchgehend Sinn, so wie man auch nicht durchgehend so etwas wie „Zufriedenheit“ oder „Glück“ erlebt. Von einer sinnvollen Arbeit wird man also dann sprechen, wenn das Erleben von Sinn das Erleben von „Un-Sinn“ überwiegt. Anders ausgedrückt: Jede Arbeit ist mehr oder weniger sinnvoll, und auch das ist zudem höchst subjektiv.

Schön wäre es, wenn diese Momente des „Sinn-Erlebens“ möglichst oft auftreten, einfach überwiegen. Wobei übrigens das nicht automatisch bedeutet, dass die Menschen dann besonders zufrieden oder glücklich sind. Genauso wie das Fehlen von Sinn nicht automatisch Unzufriedenheit bedeutet. Allerdings steigert das Erleben von Sinn durchaus die Wahrscheinlichkeit, dass jemand Zufriedenheit findet.

Was können Unternehmen und Führungskräfte nun tun, um solche Momente häufiger zu ermöglichen? Die Antworten sind hinlänglich bekannt. Sie lauten:

  1. Sich auf den Zweck des Unternehmens besinnen: Worum geht es eigentlich? Was ist das gemeinsame „Anliegen„, wie Gerald Hüther auf einem Kongress erläutert („Die Hierarchien werden verschwinden“)? Aufhören, Menschen zu Objekten zu machen, sie zu benutzen, um eigene Interessen zu verfolgen. Wobei sich die Frage stellt, ob große Organisationen überhaupt so etwas wie ein gemeinsames Anliegen haben können. Hüther spricht bewusst von Anliegen und nicht von Zielen. Diese dienen nur dazu, schnelle Erfolge zu generieren, die Menschen werden dabei lediglich als Mittel zum Zweck gesehen.
    Hüther glaubt folgerichtig, dass Konzerne und mit ihnen die Hierarchien verschwinden werden, wenn wir aufhören, Menschen zu Objekten und Mitteln zur Zielerreichung zu machen.
    Ein schönes Beispiel hierfür findet sich in der Personalführung („Wir geben Sinn“). Dort erklären die Geschäftsführerin und die Personalleiterin von VAUDE, welchen Beitrag der Outdoorausrüster zum Gemeinwohl stiftet. Die Rede ist von ökologisch produzierter Kleidung und von reparaturfähigen Produkten. Man stelle sich vor, ein solches Denken herrsche in der Automobilindustrie vor.
  2. Das Wozu einer Tätigkeit in Frage stellen: Auch in einer noch so am Gemeinwohl ausgerichteten Organisation, Stichwort Gesundheitswesen, können Beschäftigte den Sinn des eigenen Tuns aus den Augen verlieren. Einfach weil Bürokratien oder die Fragmentierung der Tätigkeiten jedes Verständnis für den Nutzen erschweren. Dann wäre es doch nur konsequent, entweder den Sinn dieser Aufgaben immer wieder und wieder in Frage zu stellen und wenn machbar, die Tätigkeit zu verändern.
    Wenn das nicht geht, dann den Nutzen irgendwie erfahrbar zu machen – sei es im Dialog oder dadurch, dass man die Beschäftigten mit denjenigen zusammenbringt, die von ihrer Arbeit profitieren. Und wenn es nun tatsächlich außer abstrusen Vorgaben keinen wirklichen Sinn gibt, dann sollte man die Tätigkeit auf möglichst viele Schultern verteilen, damit alle gleichermaßen die unsinnige Arbeit verrichten.
  3. Kontinuierlich einen Dialog über Sinn und Werte führen. Sich dafür interessieren, was den Mitarbeitern wichtig ist, worum es ihnen wirklich geht. Im Personalmagazin erklärt der Vordenker von „New Work“, Frithjof Bermann, in einem lesenswerten Interview, dass es bei der neuen Arbeit nicht darum geht, sie ein wenig reizvoller zu machen. Er möchte ein radikal neues Denken, keine „Lohnarbeit im Minirock“ (Für viele ist New Work etwas, was Arbeit ein bisschen reizvoller macht, quasi Lohnarbeit im Minirock“). Sein Anspruch: Den Menschen helfen, ihre Berufung zu finden, „sich ernst zu fragen, was sie auf dieser Erde machen möchten„.

    Klar, ein hehrer Anspruch, der in einer Welt, in der für viele es schon schön wäre, überhaupt Arbeit zu finden, von der sie einigemaßen leben können, vielleicht sogar schon zynisch klingt. Aber mal im Ernst: Gibt es nicht auch jede Menge Menschen mit großartigen Fähigkeiten, die sie mit Tätigkeiten verschwenden, deren Nutzen höchst fragwürdig ist? Die ihnen vielleicht „nur“ Ansehen und vor allem viel Geld bringen?

Ich picke mal beispielhaft eine mir vertraute Zielgruppe heraus: Was ist mit meinen Berater- und Trainerkollegen, die hohe Honorare erzielen und offen zugeben, dass die „Projekte“ alles andere als sinnvoll sind. Auf die Frage nach dem Sinn dann antworten: „Wenn der Kunde es so will…“. Die dann ihr Gewissen damit beruhigen, dass sie für wohltätige Zwecke spenden oder honorarfrei für weniger betuchte Organisationen und Zielgruppen aktiv sind. Nach dem Motto: Ich nehme es von den Reichen und gebe es den Armen. So schon mal fast wörtlich von einem prominenten „Speaker“ gehört.

Dinge zu tun, die man für wenig sinnvoll hält, ist offenbar nicht nur Angestellten vorbehalten…

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