22. April 2024

Management auf den Punkt gebracht!

Tanz auf dem Hochseil

Sind Sie angestellt und mit Ihrer Situation unzufrieden? Sie teilen den Traum von der Selbstständigkeit mit vielen anderen, aber trauen sich nicht, ihn umzusetzen? Verständlich, denn wie alles hat auch die Selbstständigkeit ihre zwei Seiten. Vor allem, wenn man sogar Beamtenstatus hat wie z.B. Lehrer.

Als ich mich zu dem Schritt entschloss, die Konzernumgebung als Angestellter zu verlassen und mich selbstständig zu machen, hatte ich erwartet, dass mich so mancher für verrückt erklären würde. Aber ich erlebte das Gegenteil. Etliche Kollegen sprachen mich an und teilten mir sinngemäß mit: „Das finde ich toll. Ich habe auch schon oft darüber nachgedacht, aber…“ Meist fehlte die Idee, aber noch häufiger kam als Erklärung, dass man eigentlich zu alt sei und zudem ja viele finanzielle Verpflichtungen habe.

Geld spielt beim Thema Selbstständigkeit eine große Rolle. Die Brand eins hat sich international umgeschaut (Glücklich in Kopenhagen…) und festgestellt, dass laut Umfragen in vielen Ländern die Selbstständigen zufriedener mit ihrem Dasein sind als die Angestellten. In Europa gilt das nur in Frankreich und Griechenland nicht. In den USA, dem Mutterland des Kapitalismus, auch nicht. Die Medien sind zwar voll mit Berichten über erfolgreiche Unternehmer, aber sie sind eher die Ausnahme. Man sieht eben nur die Erfolgreichen, „aber nicht diejenigen, die für drei Dollar in der Stunde schuften.

Zwei Dinge haben wohl einen wesentlichen Einfluss auf die Entscheidung: Das Startkapital und das soziale Netz. Es gibt Länder, da stellt der Staat Gründern recht unkompliziert Mikrokredite zur Verfügung (Niederlande) oder beteiligt sich sogar wie ein Risikokapitalgeber (Dänemark). Der fehlende Zugang zum Kapital ist einer der Haupthinderungsgründe für Gründungswillige.

Der zweite Faktor ist die fehlende Absicherung. In Dänemark und den Niederlanden zahlt man als Selbstständiger die gleichen Krankenkassenbeiträge wie die Angestellten, in Skandinavien wird man im Falle einer Arbeitslosigkeit von „einer relativ großzügigen Arbeitslosenhilfe aufgefangen.“ Es ist offenbar wie beim „Tanz auf dem Hochseil: Man ist mutiger, wenn man weiß, dass es im Fall des Falles ein Netz gibt, das einen auffängt.“

Das gilt umso mehr für Beamte. Eine ehemalige Lehrerin berät Lehrer, die unglücklich im Job sind und glaubt, dass „ein großer Teil der deutschen Lehrer nur noch aus gefühlter Alternativlosigkeit im Job ist“ (Es gibt ein Leben nach der Schule). Diejenigen, die dann wirklich aussteigen, bekommen dann tatsächlich zu hören: „Was hast du denn genommen?“ Die meisten Aussteiger (und das sind wohl weniger als 1% der Lehrer) machen sich tatsächlich selbstständig. Nicht unbedingt, weil niemand sie haben will. Tatsächlich sind Lehrer „Concepter und Allrounder„, sie sind im Schulalltag gewohnt, ständig Dinge umzusetzen, Projekte von Anfang bis Ende zu begleiten. „Aber sie wollen nicht mehr die Mission eines anderen erfüllen“ – ein schöner Satz, der vermutlich für alle gilt, die sich freiwillig in die Selbstständigkeit begeben.

Das nämlich ist der weitere wichtige Faktor für Zufriedenheit mit der Selbstständigkeit: Ist man Wahl- oder Not-Unternehmer. Wer sich aus finanzieller Not selbstständig macht, ist im Schnitt deutlich weniger zufrieden als wenn das aus anderen Motiven erfolgt. Wobei der Einkommensverlust sicher auch ein Hinderungsgrund ist, denn die wenigsten werden nach diesem Schritt wieder so viel verdienen wie als Angestellte oder gar Beamte. Aber, so die Beraterin für Lehrer, das ist auch bei den meisten gar nicht das Ziel. Sie wollen „autark arbeiten und dabei gesund bleiben und Sinn empfinden.“ Letzteres finde ich bitter, denn wo kann man sinnvollere Arbeit leisten denn als Lehrer? Die Erklärung ist aber relativ einfach: „Schule funktioniert ganz stark durch Anweisungen und Kontrolle„, Stichwort Lehrpläne.

Übrigens kann ich das mit dem Sicherheitsnetz nur zu gut nachempfinden. Als ich den Schritt in die Selbstständigkeit ging, bat ich meinen Arbeitgeber um eine Art Ruhevertrag. Ich hätte also über ein Jahr lang zurückkehren können, das hat den Schritt sehr erleichtert. Und das wäre auch ein Tipp zum Beispiel für Lehrer und andere in sehr sicheren Arbeitsverhältnissen: Der Schritt zurück steht einem in der Regel immer offen. Wer glaubt, das System sei nachtragend, leidet unter „Beamten-Paranoia“.

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