PRAXIS: Vor einiger Zeit habe ich in einem Workshop eine Gruppe gebeten, Lösungen für ein Problem zu entwickeln. Nach wenigen Minuten lagen mehrere Vorschläge auf dem Tisch. Die Stimmung war gut. Man war sich weitgehend einig. Eigentlich hätte man an dieser Stelle aufhören können.
Zum Glück haben wir es nicht getan.
Stattdessen bat ich die Teilnehmenden, weiterzumachen. Noch eine Idee. Dann noch eine. Und noch eine. Die Begeisterung hielt sich zunächst in Grenzen. Viele schienen bereits alles gesagt zu haben.
Genau darauf setzt eine Methode aus dem Design Thinking auf, die den etwas seltsamen Namen „Crazy 8s“ trägt. Ein Blatt Papier wird in acht Felder unterteilt. Dann bleiben acht Minuten Zeit – eine Minute pro Feld –, um acht unterschiedliche Lösungsansätze zu skizzieren.
Wer die Übung zum ersten Mal ausprobiert, macht häufig dieselbe Erfahrung. Die ersten Ideen entstehen beinahe mühelos. Danach wird es zäher. Man beginnt zu suchen. Manche notieren Dinge, die ihnen selbst zunächst wenig überzeugend erscheinen.
Und dann geschieht etwas Interessantes.
Die späteren Ideen unterscheiden sich oft deutlich von den ersten. Nicht unbedingt, weil sie besser wären. Aber weil sie andere Blickwinkel eröffnen. Die offensichtlichen Antworten sind bereits ausgesprochen worden. Für das Vertraute ist kein Platz mehr.
Vielleicht liegt darin die eigentliche Stärke solcher Methoden. Sie erzeugen keine Kreativität aus dem Nichts. Sie helfen uns, die Zeit, die wir einer Fragestellung schenken, bewusster zu nutzen.
Im Arbeitsalltag endet das Nachdenken häufig dort, wo die ersten brauchbaren Antworten auftauchen. Das ist verständlich. Zeit ist knapp. Entscheidungen müssen getroffen werden. Und oft reicht die erste gute Idee völlig aus.
Manchmal aber eben nicht.
Dann zeigt sich, wie schnell wir dazu neigen, die erste brauchbare Antwort mit der besten Antwort zu verwechseln.
Die achte Idee ist nicht immer die beste. Aber sie erinnert daran, dass zwischen „eine Lösung gefunden“ und „genug nachgedacht“ ein Unterschied besteht.
Nach den acht Minuten folgt ohnehin der entscheidende Teil. Die Gruppe diskutiert, verwirft, kombiniert und wählt aus. Nicht die Anzahl der Ideen entscheidet über den Erfolg, sondern die Qualität der Entscheidung.
Vielleicht ist „Crazy 8s“ deshalb weniger eine Kreativitätstechnik als eine Erinnerung daran, dass gute Entscheidungen manchmal etwas länger brauchen.
