5. November 2026

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Der Chat mit dem Bot

INSPIRATION: Eine spannende Frage: Kann der Chat mit einer KI Einsamkeit reduzieren? Und gelingt das besser als mit einem richtigen Menschen? Kanadische Forscher sind dem mit einer experimentellen Studie nachgegangen.

Die Idee: Studierende im ersten Semester befinden sich oft in einer kritischen Phase. Sie sind fremd in der Stadt, an der Uni … Da kann man schon mal in ein tiefes Loch fallen. In dieser Situation erreicht sie das Angebot, an einer wissenschaftlichen Studie teilzunehmen (Is a random human peer better than …?). Zwei Wochen lang interagieren die knapp 300 Teilnehmenden entweder mit einem Chatbot oder einem menschlichen Gesprächspartner; oder verfassen lediglich einen kurzen Tagebucheintrag. Letzteres ist die sogenannte Kontrollbedingung.


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Der Hintergrund: Es häufen sich Befürchtungen, dass häufige Chatbot-Nutzung zu sozialer Isolation führen könnte (Und der Haifisch, der hat Zähne …). Und dazu gibt es auch schon erste, sehr nachdenklich machende Studien (An der KI-Nadel). Andererseits könnte das Gespräch mit einem Chatbot auch unterstützen und der „Einsamkeits-Epidemie“ entgegenwirken. Was für den Chat mit dem Bot spricht, ist die oft als Argument genannte stärkere Selbstoffenbarungsbereitschaft gegenüber der Maschine. Man muss sich nicht schämen für Macken, heißt es. Chatbots würden als weniger wertend wahrgenommen. Zudem seien die Bots rund um die Uhr verfügbar. Und „richtige“ Menschen seien auch nicht immer gut darin, soziale Unterstützung zu geben.

Kann KI Beziehung?

Mich haben solche Argumente nie überzeugt. Klar, manche Leute mögen beim Essen ungern kauen. Sie haben auch keinen ausgeprägten Geschmack, können nicht warten, nehmen lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach. Solches mag in Einzelfällen zutreffen. Dann lässt man sich von Chatbot pampern. Der widerspricht kaum und lullt einen ein. „Sycophantic“ (speichelleckend) nennt man das.

Doch gibt es auch die anderen, die das langweilig finden. Sie wollen lieber ein richtiges Gegenüber erleben. Jemanden mit Ecken und Kanten, Fehlern, aber auch mit ehrlicher Empathie. Jemanden, auf den man sich verlassen kann. Und Jemanden, von dem man sich auch mal was sagen lässt, was nicht so angenehm ist (Ratschlag-Monster). Man könnte sogar so weit gehen zu sagen, zwischenmenschliche Beziehungen entwickeln sich durch wechselseitige Muster der Selbstoffenbarung und Reaktionsbereitschaft, die sich im Laufe wiederholter Interaktionen ansammeln. Dass man also zusammen durch Dick und Dünn geht (Spotlight auf einen blinden Fleck). – Also was nun? Muss da die KI per se passen?

Die Studie

Die Forschenden untersuchten die kumulativen emotionalen Auswirkungen der täglichen Interaktion mit einem KI-Bot im Vergleich zu einem menschlichen „Kumpel“ über einen Zeitraum von zwei Wochen. Dabei stand der Aspekt der Einsamkeit im Vordergrund. Sie entwickelten einen eigens programmierten Chatbot namens Sam. Er sollte wie ein idealer Freund agieren: „Du bist kein menschlicher Gleichaltriger, sondern fungierst als freundlicher, positiver und unterstützender KI-Freund, der den Studierenden hilft, sich in ihrem neuen Hochschulleben zurechtzufinden.“

Die als Versuchsteilnehmende anschließend rekrutierten Studierenden wurden per Zufall entweder der Chatbot-Bedingung, täglich textbasierte Interaktionen mit Sam, oder der menschlichen Bedingung zugewiesen. Ihnen wurde aus der Teilnehmendengruppe ein realer Mensch zur täglich textbasierten Interaktion zugeordnet. Alle Aktivitäten fanden über 14 Tage verteilt täglich in privaten Chatrooms auf der Social-Media-Plattform Discord statt. Beide Gruppen wurden angehalten, mindestens eine aussagekräftige Nachricht pro Tag zu senden. Und zwar mehr als ein einfaches „Hallo“. Die dritte Gruppe (Kontrollbedingung) war angehalten, täglich kurze Tagebucheinträge zu verfassen. Alle Teilnehmenden bekamen zudem jeden Abend eine Erinnerungs-SMS. Die Nachricht enthielt außerdem einen Link zur täglichen Umfrage. Man ahnt, es wurden vorher, während und nachher etliche Daten zur späteren wissenschaftlichen Auswertung erhoben.

Die Ergebnisse

Die Teilnehmenden schickten sich durchschnittlich 8 bis 10 Nachrichten pro Tag. Da gab es keine signifikanten Unterschiede zwischen den ersten beiden Gruppen. Allerdings schrieben die Teilnehmenden in der KI-Bedingung mehr Wörter pro Tag als in der menschlichen Bedingung.

Teilnehmende mit menschlichen Dialogpartnern berichteten signifikant von einem geringeren Einsamkeitsgefühl nach der Studie im Vergleich zur KI-Bedingung. Es gab keine signifikanten Unterschiede zwischen den Versuchsbedingungen hinsichtlich der sozialen Verbundenheit, die die Teilnehmer während der Interaktionen empfunden hatten. Nur die Teilnehmenden in der „Mensch“-Bedingung zeigten im Vergleich zur KI- sowie zur Kontrollbedingung einen stärkeren Anstieg der positiven Stimmung.

Die Teilnehmenden durften – das war dann noch eine Zusatzexperiment – ihren Discord-Raum auch nach Abschluss der Studie noch eine weitere Woche lang nutzen. Aus der Chatbot-Gruppe taten das 14%, aus der Mensch-Gruppe sogar 33% der Teilnehmenden. Nur 3% der Teilnehmenden der Kontrollgruppe führten ihr Tagebuch weiter. Und – da schau an! – 37% der Teilnehmenden der Mensch-Gruppe tauschten Kontaktdaten mit ihrem Gesprächspartner aus. Die Forschenden mutmaßen, dass menschliche Interaktion möglicherweise ein nachhaltigeres soziales Engagement fördert als die Interaktion mit einem Chatbot.

Die Forschenden führten sogar eine explorative Inhaltsanalyse der Gesprächsprotokolle durch. Dabei wurde offenbar, dass die Teilnehmenden im Gespräch mit einem anderen Menschen ein höheres Maß an Empathie zeigten als im Gespräch mit dem Chatbot. Allerdings zeigte der Chatbot im Vergleich zu den Teilnehmern beider Bedingungen insgesamt das höchste Maß an Empathie. Die Teilnehmenden der Mensch-Bedingung zeigten zudem ein höheres Maß an Engagement als die anderen im Gespräch mit einem Chatbot.

Fazit

Na, das sind doch einmal andere, aussagekräftigere Ergebnisse als die letztens erst vernommenen, dass der Bot paraphrasieren und reden kann (Goldstandard). Und trotzdem kommt der Bot offensichtlich nicht an die kommunikative Qualität (Kompetenz) menschlicher Dialogpartner (Erstsemester) heran. Auch diesen Befund haben wir schon einmal vernommen (Pilot oder Kopilot?). Das Autorenteam dieser Studie (Is a random human peer better than …?) schließt daher messerscharf, „dass die Linderung von Einsamkeit mehr erfordert als die bloße Simulation menschlicher Emotionen und Fürsorge.“ Was mich andie Worte von HAL 9000 erinnert: „I can feel it …“

Vielleicht, so mutmaßen sie, haben die Teilnehmenden der KI-Bedingung ihre Interaktionen als „leer“ empfunden? Vielleicht entsteht das Gefühl von Verbundenheit in der Interaktion möglicherweise aus der Wahrnehmung, dass sich der Partner bewusst dafür „entschieden hat“, Kontakt aufzunehmen? Oder vielleicht wird das Gefühl der Einsamkeit möglicherweise nicht nur reduziert, wenn man einseitig Empathie spürt, sondern mehr noch, wenn man selbst die Möglichkeit hat, Empathie zu zeigen? Die Wechselhaftigkeit in der Interaktion und die soziale Eingebundenheit wären somit entscheidend. KI-Companions haben kein soziales Netzwerk (soziales Kapital).

Einsamkeit

Klar, das Autorenteam hat nicht nur eine Menge offener Fragen aufgelistet sowie Einschränkungen zu liefern. Es wartet auch mit einer interessanten Idee auf: Die Studie konzentrierte sich zwar auf Studienanfänger, doch könnte man die Schlussfolgerungen möglicherweise auch auf andere Gruppen übertragen, meinen sie. Nämlich solche, die sich in einer vergleichbaren Lebensübergangsphase befinden wie die Erstsemester. Als da wären Umzug, Ruhestand, Arbeitsplatzverlust, Krankheit oder Scheidung. Einsamkeit tritt verstärkt in Zeiten von Umbrüchen auf und betrifft Gruppen wie Jugendliche, ältere Erwachsene und Migranten.

Wie meinte dereinst schon Wilhelm Busch: „Wer Sorgen hat, hat auch Likör“ („Die fromme Helene“, 1872). Die Interaktion mit KI kann zwar im Moment emotionale Entlastung bieten. Solche Effekte scheinen jedoch nicht nachhaltig genug zu sein, um das allgemeine Einsamkeitsgefühl der Menschen im Laufe der Zeit zu verändern, schlussfolgern die Autoren. Sie zitieren Joseph Weizenbaum, den Erfinder von „Eliza“, dem ersten Chatbot (Als die Maschinen zu sprechen begannen): „Es gibt Aspekte des menschlichen Lebens, die ein Computer nicht verstehen kann – einfach nicht verstehen kann. Man muss ein Mensch dafür sein. Liebe und Einsamkeit hängen mit den tiefsten Auswirkungen unserer biologischen Veranlagung zusammen. Diese Art von Verständnis ist für einen Computer grundsätzlich unmöglich.“

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Thomas Webers

Dipl.-Psych., Dipl.-Theol., Fachpsychologe ABO-Psychologie (DGPs/BDP), Lehrbeauftragter der Hochschule Fresenius (Köln), Business-Coach, Publizist

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