INSPIRATION: Dürfen Coaches Ratschläge im Coaching geben? Das ist eine alte Streitfrage, die viele apodiktisch mit Nein beantworten – weil sie Ed Scheins Unterscheidung von Experten- und Prozessberatung missverstanden haben.
Die Frage erhält in Zeiten von GenKI jedoch unerwartet neue Schärfe: Denn GenKI, die scheinbar auf alles eine Antwort parat hat, ist im Gegensatz zu menschlichen Coaches körperlos, heimatlos, emotionslos und intentionslos. Menschen hingegen können schlicht nicht anders, als ihre Lebenserfahrung, ihre Kontextualität und ihre Beziehungsfähigkeit in Dialoge einzubringen (Embodiment: Zurück zur Ganzheitlichkeit). Ist das prinzipiell schlecht? Wäre GenKI folglich der „bessere“ Coach? Weil die KI sozusagen über allen Wassern schwebt?
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Mitnichten, so das Fazit der Autoren (Nothing Compares 2 U). Sie berichten, dass Coaches von Klienten gerade wegen ihrer Erfahrung ausgesucht werden. Viele Coaches nutzten gezielt und wertschätzend die Selbstoffenbarung, das Geschichtenerzählen und den Erfahrungsaustausch. Und ihre Klient:innen profitieren von der ähnlichen Sprache, Denkweise und Erfahrung der Coaches. Die „richtigen“ Menschen mit ihren Eigenheiten, Narben und Macken werden als glaubwürdig erlebt – und den „Ratschlag-Monstern“ vorgezogen.
Die Rolle der Erfahrung
Diese Studie untersucht, wie Coaches am Arbeitsplatz die Berufserfahrung im Coaching mit Führungskräften interpretieren und ob dies zu Eigenschaften beiträgt, die bei KI-Coaching-Agenten als typisch menschlich wahrgenommen werden. Es wurden halbstrukturierte Interviews mit dreizehn Coaches aus sieben Ländern auf drei Kontinenten durchgeführt und mittels interpretativer phänomenologischer Analyse mit fallübergreifender Integration ausgewertet. Die Studie destillierte vier Hauptthemen heraus:
- Erfahrungen nutzen, um Einblicke und Beziehungen zu vertiefen: Fast alle Coaches räumen ein, dass ihnen ihre Erfahrungen helfen, präzisere, relevantere Fragen zu stellen und schneller in Kontakt zu kommen. Die Klienten andererseits spüren gleich, dass der Coach ähnliches „schon durchgemacht hat“. Das stiftet Vertrauen.
- Abwägen von gemeinsamen Erfahrungen mit universellen Führungsrealitäten: Der Branchenhintergrund oder die langjährige Erfahrung des Coachs wird von vielen Kunden wertgeschätzt und gezielt für die Coach-Auswahl genutzt. Die Klienten haben das Gefühl, dass der Coach sich „in ihrer Welt befindet“; er „spricht ihre Sprache“. Was umgekehrt auch die Coaches bestätigen. Wobei einige Klienten auch gezielt den Abstand zur eigenen Branche suchen, um neue Perspektiven zu sehen. Trotzdem geht es unabhängig von Branchen immer auch um gemeinsame, übergreifende Themen wie Führung.
- Coaching mittels Selbstoffenbarung und Geschichten: Für viele Coaches ist das Teilen persönlicher Erfahrungen eine sorgfältig eingesetzte Intervention. Es wird angeboten, manchmal auch dezidiert erfragt, ob es erwünscht sei, aber es werden niemals Ratschläge gegeben. Klienten können selbst entscheiden, ob es für sie nützlich ist – oder auch nicht. Coaches machen sich mit dem Teilen von eigenen Erfahrungen verletzlich, aber es macht sie zugleich glaubwürdig. Und es stärkt die Beziehung.
- „Reife“ des Coaches versus rigide Regeln: Offenbar lernen Coaches in ihren Ausbildungen kategorisch, keine Ratschläge zu geben. Doch mit der Zeit und eigener Erfahrung relativiert sich dieses Verdikt und offenbart sich als Ideologie. Nicht, dass sie dann ins Gegenteil verfallen und zum „Ratschlag-Monster“ würden. Sie bleiben sensibel für den vorschnellen Impuls zum Ratschlaggeben und wählen gezielt günstige Momente aus. Sie spüren auch oft das große Bedürfnis der Klienten nach Ratschlägen. Zugleich nehmen sie aber wahr, dass sie von ihren Klienten gezielt als Mensch aufgesucht würden, dass ihre Klienten definitiv keinen Chatbot wünschen.
Beraterlatein
Es ist schon erstaunlich, wie lange sich Beraterlatein hält. „Prozessberatung statt Expertenberatung“, „Beraten ohne Ratschlag“ oder „Hilfe zur Selbsthilfe“ werden gebetsmühlenartig wiederholt. Sie werden selten in Frage gestellt. Im konkreten Fall hat Gerhard Fatzer, Schüler von Ed Schein, schon früh öffentlich auf Missverständnisse hingewiesen, ebenso Astrid Schreyögg (Ist Coaching reine Prozessberatung …). Es hat die Masse nicht beeindruckt. Die Mantren geistern weiter durch die Change- und Coaching-Szene und dienen nicht selten dazu, angeblichen Streu vom Weizen zu trennen.
Ist es nicht interessant, dass die so rigide ausgebildeten Coaches dann im Laufe der Zeit selbst auf den Trichter kommen, dass es keinen Sinn macht, päpstlicher als der Papst zu sein? Und dann das tun, was sinnvoll ist? Das heißt nicht, dass sie sich mit dieser Erkenntnis nun outen würden. Es wäre absehbar, dass sie dann der Bannstrahl der selbsternannten Besserwisser (Confirmation Bias: Wir Zombies) treffen und ihr Geschäft darunter leiden würde. Auch das gehört zur Wahrheit in der Klage um den Generationenwechsel bei den Weiterbildungsinstituten (Oma ihr klein‘ Häuschen). Selbst wenn die berechtigte Kritik aus der Wissenschaft kommt (Systemisches Coaching), kann man sie noch locker abtun: Weil die da in ihrem Elfenbeinturm doch eh keine Ahnung von der Praxis haben …
Coaching und/oder KI
Interessant sind die Ergebnisse des Autorenduos aber auch für die Frage Coaching und/oder KI. Sie werfen auch ein Licht auf die Frage, ob Coaches befürchten müssen durch GenKI „arbeitslos“ zu werden? Und die Antwort klingt – wie schon an anderer Stelle gehört (Pilot oder Kopilot?) – eher nach: Keine Panik!
Wobei man das vielleicht doch ein wenig differenzieren sollte: Eines der Szenarien, die die Delphi-Studie (Die Zukunft des Coachings) der Coaching-Forscher rund um Carsten Schermuly für das Jahr 2030 vorhersagt, lautet: „Der Markt wird sich splitten: Auf der einen Seite Online-Coaching für die Masse und auf der anderen das Highend-Produkt ‚Face-to-Face‘-Coaching.“ Die Masse „vergnügt“ sich mit GenKI-Chatbots, Nebenwirkungen inklusive (An der KI-Nadel). Der andere, kleinere, aber anspruchsvollere Marktanteil wünscht sich keine GenKI-Chatbots, sondern „richtige“ Menschen als Dialogpartner. Solche, die Macken, Narben, Schrullen – und gelebte Erfahrung mitbringen. So würde ich die Studie des Autorenduos lesen, auch wenn es sich um eine kleine Stichprobe handelt.
GenKI mag zwar sprachlich immer besser werden, vermag vielleicht sogar die Sprache der Branche zu replizieren, aber die glaubwürdige Sinngebung, die auf Erfahrung, und damit auch auf Körperlichkeit und Geschichtlichkeit basiert (Embodiment: Zurück zur Ganzheitlichkeit), kann sie nicht herstellen. Sie müsste dafür den Einzelfall würdigen – statt sich auf Mittelwerte und Wahrscheinlichkeiten, ihrem „Betriebssystem“, zu verlassen.
Dame ohne Unterleib
„Diese Erfahrungsgrundlage wird oft durch Geschichtenerzählen, Metaphern und selektive Verletzlichkeit zum Ausdruck gebracht,“ so die Autoren. Da bleibt GenKI wirklich nur das Halluzinieren. „Wichtig ist, dass Coaches nicht nur betonen, was sie aus ihrer Erfahrung mitteilen, sondern auch, wie sie dabei denken.“ Diese Verletzlichkeit, die sich damit offenbart, ist nicht bloß dahingesagt, sondern belastbar. Sie stärkt die Beziehung.
Und noch ein interessanter Befund: „Wissen nicht zu nutzen, selbst wenn es verfügbar ist,“ damit spielen die Autoren auf die Zurückhaltung bei Ratschlägen an, „ist auch eine Form der Metakognition, und es bleibt unklar, inwieweit aktuelle KI-Coaching-Agenten diese Art der Selbstbeherrschung im Kontext annähernd erreichen können.“ Stichwort: „Ratschlag-Monster“. Dass GenKI zu „Selbsterkenntnis, Demut oder Reflexionsfähigkeit“ fähig wird, das bezweifeln die Autoren.
Daher der Titel, Nothing Compares 2 U, der – kleine Randnotiz – auch wenn der Song durch Sinéad O’Connor berühmt wurde, vom leider viel zu früh verstorbenen Musiker Prince 1985 geschrieben wurde.
