KRITIK: Diese Fragen interessieren alle: Wird GenKI menschliche Coaches ersetzen (Zoomer) oder nicht (Doomer)? Oder wird sich ein hybrides Modell durchsetzen, bei dem sich KI und menschliches Coaching ergänzen (Bloomer)?
Wer die Alternativen wie die Autorengruppe (Human coaches and AI coaching agents) formuliert, macht es sich vermutlich etwas zu einfach. Offensichtlich soll die Leserschaft schon mal auf die dritte Variante eingestimmt werden. Denn dass GenKI menschliche Coaches völlig ersetzen könnte, wird in der Forschung bislang nicht geteilt – zu viele, zu gravierende und unlösbare Probleme stünden dem im Weg (KI: Pi mal Daumen?). Die zweite Alternative, das Gegenteil der ersten (Entmenschlichung – GenKI und Coaching) wird zwar zur Kenntnis genommen. Sie hat aber einen schwerwiegenden Pferdefuß: Sie macht den Markt kaputt. Kein (Forschungs-)Geschäft ist auch keine Alternative … Da hält man es doch lieber mit Udo Lindenberg (Honky Tonky Show): „Denn unsere Show will jeder sehn und deshalb muss sie weitergehn.“ Ich präsentiere einmal zwei neuere Veröffentlichungen.
Anzeige:
Produktiv und kreativ bleiben und morgens wieder mit Freude und Elan in den neuen Tag gehen. Zur Webseite...

KI oder Mensch?
Die Forschergruppe führte eine kleine quasi-experimentelle Pilotstudie mit Büroangestellten durch. Dabei wurde die Zusammenarbeit mit einem menschlichen Coach oder einem KI-Coaching-Agenten bewertet. Dabei ging es um sechs Aspekte: Entwicklung neuer Erkenntnisse, Arbeitsbeziehung, Zielerreichung, Engagement, Vertrauen, Vertraulichkeit und Scham.
Das gesamte Forschungsdesign ist in meinen Augen mehr als kritisierbar. Die Ergebnisse zeigen, die Teilnehmer:innen bewerteten die menschlichen Coaches hinsichtlich neuer Erkenntnisse und Zielerreichung signifikant besser als solche, die mit einem KI-Coach interagierten. Auch das Engagement und die Schaffung einer positiven Arbeitsbeziehung wurden von den Klienten bei der Interaktion mit einem menschlichen Coach signifikant besser eingeschätzt. Na, da schau her …
Die ICF-Kompetenzen
In einer weiteren Studie (‘Getting better all the time’) geht es um dasselbe Thema. Wieder ganz wichtig auch hier als Referenzrahmen: Die ICF-Kompetenzen („Goldstandard“). Diese sind in vier Bereiche gegliedert: Grundlagen, Aufbau einer gemeinsamen Beziehung, Effektive Kommunikation sowie Förderung von Lernen und Wachstum. Im Rahmen des Bewertungsprozesses hört sich ein ICF-Gutachter eine Audioaufnahme einer Coaching-Sitzung an und führt eine Mikroanalyse des Sitzungsprotokolls durch. Die Prüfer verwenden dafür eine detailliertes (deduktives) Bewertungsraster, das spezifische Verhaltensweisen und Fähigkeiten beschreibt, die auf jeder ICF-Kompetenzstufe vorhanden sein müssen: Associate Credentialed Coach (ACC), Professional Credentialed Coach (PCC) oder Master Credentialed Coach (MCC).
So bedeuten Grundlagen (The foundation cluster): „Demonstrating ethical practice and embodying a coaching mindset.“ Das wird dann für das ACC-Niveau heruntergebrochen in bspw: A 4.2: Coach explores the client’s expression of feelings, perceptions, concerns, beliefs or suggestions. Auf MCC-Niveau lautet die vergleichbare Anforderung: M4.3 Coach provides space for the client to fully express them self and share feelings, beliefs and perspectives without judgment.
Sagen wir mal so: Das bleibt recht abstrakt – und vor allem: blumig. Man könnte auch fragen: Warum sollte eine Beschreibung unterhalb eines MCC-Niveaus für einen professionellen Coach überhaupt relevant sein?
Prompting
Auch in der zweiten Studie kommt wieder ein Chatbot zum Einsatz. Alpina basiert auf ChatGPT-4 und wurde von seinen Entwickler:innen mit zusätzlichen Eingabeaufforderungen ausgestattet. Zufälligerweise ist eine der Autorinnen dieser Studie Geschäftsführerin des Unternehmens, das diesen Bot entwickelt hat (Intelligente Chatbots?). Der Bot bekam die Anweisung, als professioneller Business-Coach zu agieren. Er sollte die Prinzipien der „Clean Language“ anwenden und in seiner Kommunikation unterstützend sowie einfühlsam sein. Ihm wurde zudem mitgeteilt, dass er in einem transformativen Coaching-Ansatz gut ausgebildet sei und sich an die Prinzipien der positiven Psychologie halte. Das Prompting enthielt zudem klare Anweisungen, dem Klienten keine Ratschläge zu geben. Weiterhin wurde dem Bot mitgeteilt, er sei gemäß den ICF-Kompetenzen akkreditiert.
Die Teilnehmer:innen der Studie waren Middle Manager, die aus drei Organisationen des Technologie- und Ingenieurssektors stammten. Sie wurden über ihren Personalverantwortlichen zur Teilnahme eingeladen. Jeder wurde gebeten, eine Herausforderung am Arbeitsplatz für ein „Gespräch“ mit dem KI-Coaching-Bot auszuwählen. Von den 43 teilnehmenden Führungskräften speicherten 27 ihre Coaching-Gespräche. 10 Gespräche wurden aus der Analyse ausgeschlossen, sodass 17 Gespräche schlussendlich von vier ICF-Gutachtern bewertet wurden.
Die Ergebnisse
Die Darstellung der Ergebnisse erfolgt entlang der vier ICF-Kompetenzen.
- Zeigt ethisches Handeln: Die Gutachter sind der Meinung, dass dem KI-Coachbot ein differenziertes Verständnis und Urteilsvermögen eines erfahrenen menschlichen Coaches fehlt. Gleichwohl attestieren sie ihm das ACC-Konformitätsniveau.
- Verkörpert eine Coaching-Einstellung: Der Bot zeigt sich konsequent positiv und wertfrei. Er erscheint aber eher oberflächlich empathisch – und redet viel (50% Redeanteil). Die Gutachter attestieren ihm auch hier das ACC-Konformitätsniveau.
- Vereinbarungen treffen und einhalten: Hier attestieren die Gutachter sogar ein PCC-Niveau. Allerdings wird Flexibilität und Adaptivität vermisst.
- Schafft Vertrauen und Sicherheit: Obwohl die Gutachter die Ansicht vertreten, dass diese Äußerungen des Bots, Vertrauen zu generieren, gelegentlich mechanisch klingen, wird auch hier wieder insgesamt ein PCC-Niveau attestiert.
- Präsenz bewahren: Der Bot kann Neugier. Doch kann er Stille, Pausen und Reflexion kaum zuzulassen. Auch das ist den Gutachtern wieder ein ACC (plus) wert.
- Aktives Zuhören: Zusammenfassen und paraphrasieren, eine Verbindung zwischen Inhalten herstellen, das kann der Bot. Den Gutachtern ist das eine PCC-Einstufung wert.
- Bewusstseinsbildung: Der Bot ergründet die Überzeugungen und Werte des Klienten und ermutigt zum Perspektivenwechsel. Er kann sogar Metaphern des Klienten paraphrasieren. Doch klingen seine Antworten oft wie aus dem Lehrbuch. Die Gutachter vergeben auch diesmal ein ACC (plus).
- Fördert das Wachstum des Klienten: Der Bot verhält sich partnerschaftlich und sorgt dafür, dass die Klienten konkrete Maßnahmen für die Zukunft identifizieren. Leider sind seine Interventionen wenig präzise. Doch das ist den Gutachtern wieder ein ACC wert.
Fazit
Ich reibe mir die Augen: Der Chatbot bekommt also insgesamt das ICF-ACC-Niveau attestiert. Ist das jetzt eine adelnde Aussage über den Bot? Ein Ritterschlag? Oder eine ernüchternde über die ICF-Kompetenzen? Oder beides? Offensichtlich kann der Bot paraphrasieren und reden. Wow! Soll das aber ausreichen für einen kompetenten Coach? Nein, das ist für mich bloß Kleines Einmaleins, mehr nicht. Meine Ansprüche liegen weit darüber.
Zugegeben: Manchen Menschen reicht das (An der KI-Nadel). Wobei in der Studie die Teilnehmenden gar nicht befragt wurden, ob sie mit dem Bot zufrieden waren.
