INSPIRATION: In zwei von der breiten Öffentlichkeit kaum bemerkten Fachbeiträgen bricht die Grande Dame der Coaching-Psychologie in UK den Stab über den Einsatz von GenKI als Coaching-Variante. Ihre Kritik ist dermaßen radikal, dass sie gehört und diskutiert werden sollte.
Tatiana Bachkirova (Why Coaching Needs Real Intelligence, Not Artificial Intelligence) ist Professorin für Coaching Psychology an der Oxford Brookes University und international renommierte Forscherin. Sie bemängelt, dass derzeit die Stimmen der Vorsicht im „Lärm des Fortschritts“ untergingen. Mehr noch diagnostiziert sie eine Entmenschlichung des Coachings unter dem Deckmantel der „Verbesserung durch KI“. Das führe auch dazu, die menschliche Intelligenz allgemein und den Wert des menschlichen Coachings zu untergraben.
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Das ist starker Tobak! Und Bachkirova packt den metaphorischen Stier gleich bei den Hörnern, indem sie feststellt, dass die konzeptionelle Grundlage des Business-Coachings (organisational coaching) ziemlich löchrig sei. Das ist auch schon von anderer, berufener Seite geäußert worden: Es gibt noch nicht einmal eine allgemein anerkannte Coaching-Definition – wie das Standardwerk Schlüsselkonzepte im Coaching offenbart. Insofern habe auch ich mir schon öfters erlaubt, ein drastisches Bild für diesen Zustand zu benutzen (Pudding an die Wand nageln), der die wissenschaftliche Coaching-Forschung seit Anbeginn begleitet.
Des Kaisers neue Kleider
In anderen Worten ausgedrückt: Die Coaching-Branche arbeitet seit Jahrzehnten bloß mit der Suggestion, dass man vom selben spricht, wenn man es Coaching nennt. Eine Fundamentalkritik, die an das bekannte Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ erinnert. – Und nun? Alles Coaching, oder was?
Eben nicht, sagt die Autorin. Wenn wir menschliches Coaching mit GenKI-Coaching vergleichen wollen, brauchen wir eine belastbare Grundlage. Also hat sie sich ans Werk gemacht und zusammen mit einem Kollegen sechs wesentliche Merkmale des Organisationscoachings herausgearbeitet – und diese mit GenKI-Coaching verglichen. Ihr Fazit schon gleich vorab: Eigenständiges KI-Coaching erfüllt keines dieser Kriterien. Ergo sollte GenKI-Coaching nicht als Coaching bezeichnet werden.
Das Wesen des Coachings: 6 Kriterien
Die Kriterien werden in einem weiteren Beitrag mit dem Koautor Rob Kemp (‘AI coaching’) ausführlich vorgestellt und diskutiert:
Joint inquiry – Gemeinsames Erforschen
Unter Coaching versteht das Autorenduo einen gemeinsamen Erkundungsprozess. Dessen Ziel ist es, die allgemeine Fähigkeit des Klienten zu erweitern, (neuen) Sinn zu stiften und andere (neue) Situationen anzugehen.
GenKI könne jedoch kein Partner bei einer gemeinsamen Untersuchung sein, da der Maschine subjektive Erfahrung und ein kontextbezogenes Verständnis menschlicher Zwangslagen fehlen. Sie könne bloß simulieren. Es fehle ihr aber das persönliche Bewusstsein für die Welt. Daher könne sie auch kulturelle, historische und soziale Bedeutung spezifischer Situationen nicht erfassen.
Was das Autorenduo hier unter einem gemeinsamen Erkundungsprozess versteht, lässt sich meines Erachtens gut – oder vielleicht sogar besser – als Koproduktion bezeichnen: Die Problemlösung wird vom Coach und Klienten gemeinsam erzeugt. Die Klient*in kann sich nicht auf einen Konsumentenstatus zurücklehnen, sie ist Koproduzent:in. Als solche/r muss sie oder er eigenen Input (Wissen, Erfahrung, Wahrnehmungen) liefern und schrittweise (iterativ und adaptiv) mit dem des Coachs verknüpfen. Damit würde dieses Kriterium konsequent an die Konzeption der Dienstleistungspsychologie anschließen.
Making sense of experience with the focus on action – Erfahrungen mit Fokus auf das Handeln einordnen
Das Autorenduo kennzeichnet Coaching desweiteren als einen Prozess der kontinuierlichen Interaktion zwischen Klienten und Coaches. Dieser basiert auf den subjektiven Erfahrungen der beiden Partner sowie auf ständigem Feedback und Anpassungen im Einklang mit diesen Erfahrungen. Damit ist dieser Prozess hochgradig individuell, handlungsorientiert und damit optimalerweise maßgeschneidert. Die Dienstleistungspsychologie nennt diesen Aspekt Adaptivität. Diese bildet zusammen mit dem eben genannten Prinzip der Koproduktion die sachliche Dimension der Dienstleistungserbringung.
Wenn ich das konkreter zuspitzen darf: Coaching-Klienten brauchen kein nettes, oberflächliches Feedback, das sich – durch die KI vermittelt – aus dem Durchschnitt der im Netz zirkulierenden Meinungen speist („man“). Was sie wirklich weiterbringt, ist ein Coach, an dem sie sich reiben können. Der ihre Sprache spricht, ihre Erfahrungen nachvollziehen kann, der auch glaubwürdig mittels Selbstoffenbarung eigene Erfahrungen teilt.
Value-based (purposeful and ethical) – Werteorientiert (sinnvoll und ethisch)
Coaches begegnen ihren Klienten offen und wertschätzend. Klienten sind für sie einzigartig und im Rahmen ihrer Biografie zu verstehen. So wie sie sich auch selbst begreifen. Eine Position der Neutralität – oder sogar missverstanden als „Objektivität“ – ist damit unvereinbar. Der Coach ist ein Mensch, der dem Klienten eine Beziehung anbietet, keine übermenschliche, über allen Wassern schwebende „Intelligenz“. Deshalb ist er oder sie auch verantwortlich für sein oder ihr Handeln. Die Dienstleistungspsychologie spricht von Beziehungsarbeit, einem von drei Aspekten der sozialen, die sachliche Dimension der Dienstleistung zwangsläufig begleitenden und im besten Fall unterstützenden Aktivität.
Und weil sie das wissen, dass sie „nur Menschen“ sind, die Coaches, maßen sie sich keine Besserwisserei oder gar ein Wahrheitsmonopol an, sondern beschreiben sich als fehlbar, als zwangsläufig voreingenommen, beeinflusst vom Zeitgeist, dem kulturellen Kontext und der eigenen Geschichte. Sie suchen daher, weil sie um ihre Begrenztheit wissen, aktiv die Diskussion mit anderen Professionellen in Berufsverbänden und nutzen regelmäßig die Supervision. Um ihren „blinden Fleck“ ausleuchten zu lassen und um mit anderen Professionellen ethische Fragen und solche um Standards zu diskutieren.
Coaches sind also bloß (?) Menschen, mit dem man um gute oder bessere Lösungen ringen, sogar streiten und sich wieder versöhnen kann … Richtige Menschen halt – mit all ihren Macken, Narben und Passionen, aber auch mit Empathie, Verbindlichkeit und Werteorientierung.
Die kühle und zweckfreie Objektivität der GenKI ist nur ein dürftiger Ersatz für diese menschliche Aufmerksamkeit, kommentieren die Autoren. GenKI ist ohne Selbstbewusstsein und daher auch nicht zur Selbstkritik fähig. KI-Systeme verfügen nicht über die nötige Sensibilität für emotional schwierige Themen, die Klienten beschäftigen. Und sie können ihre eigenen Vorurteile nicht erkennen. Sie sind schlicht gewissenlos – einen Begriff, den man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen sollte – und können daher auch keine Verantwortung für potenziellen Schaden übernehmen, den sie anrichten.
Highly contextual – Stark kontextbezogen
Menschen leben immer in spezifischen Kontexten. Das Zusammenspiel zwischen dem, wer ein Individuum in der Welt ist, und der Welt selbst ist unendlich komplex, so das Autorenduo, das an dieser Stelle explizit auf systemisches Denken verweist. Passepartout-Lösungen sind deshalb unbrauchbar. Von Coaches wird erwartet, dass sie mit mehrdeutigen und unklaren Kontextinformationen (Was ist Text, was Kontext?) umgehen, solche „Wellen reiten“ können.
In der Dienstleistungspsychologie spricht man daher von einem notwendigen Rollenmanagement als weiterem Aspekt der sozialen Dimension. Erwartungen müssen ständig identifiziert, reflektiert und (re-)interpretiert werden. GenKI-Systeme verfügen nicht über das nötige Maß an Verständnis, Anpassungsfähigkeit und emotionaler Intelligenz, so die Autorinnen. Und, ich würde ergänzen, Ambivalenzen auszuhalten, damit (auch lustvoll) zu spielen, gelingt der Maschine weniger, sie kann auch schwer mit Humor umgehen.
Relationship based on trust – Auf Vertrauen basierende Beziehung
An dieser Stelle scheren die Autor:innen aus der von mir entdeckten Parallelität zur Dienstleistungspsychologie aus. Sie betonen Professionalität und persönliche Vertrauenswürdigkeit als entscheidend für eine wirksame Arbeit im Coaching.
Zur Professionalität zählen sie Fachkompetenz und „zwischenmenschliche Fähigkeiten“ wie Vertraulichkeit und Zuverlässigkeit. Das erscheint mir inkonsistent, weil Sozial- sowie Selbstkompetenz die geläufige Ergänzung zur Fachkompetenz darstellen würden. Zugleich frage ich mich, ob die genannten Aspekte nicht schon in den zuvor genannten Kriterien (Beziehungsgestaltung, Rollenmanagement) abgebildet sind. Allerdings ist völlig nachvollziehbar, was die Autoren diesbezüglich an GenKI-Coaching auszusetzen haben: Sie verweisen auf „Halluzinationen“ und Fehlinformationen, auf mangelnde Vertraulichkeit, weil man nicht weiß, was KI mit den persönlichen Daten anstellt, und auf die fehlende Rechenschaftspflicht.
Contracting-based – Auf Vereinbarungen basierend
Im fundamentalen Sinne ist GenKI nicht in der Lage, einen Vertrag abzuschließen, so die Autor*innen. Jeder Vertrag erfordert gegenseitiges Verständnis, Willensübereinstimmung und eine Gegenleistung. Im GenKI-Coaching gibt es vordefinierte Protokolle und Algorithmen, die durch die Systemgestaltung einseitig festgelegt werden. Nichts wird mit einzelnen Kunden ausgehandelt.
Auch bei diesen zweifelsfrei fundamentalen Aspekten mag man sich fragen, ob die genannten Aspekte nicht schon in den zuvor genannten Kriterien (Beziehungsgestaltung, Rollenmanagement) abgebildet sind. Der fünfte Aspekt der Dienstleistungspsychologie, die Gefühlsarbeit, fehlt hingegen im Kriterienkatalog des Autorenduos. Nun mag man einwenden, diesen Aspekt könne man vielleicht ebenfalls in die anderen beiden Aspekte der sozialen Dimension der Dienstleistung enthalten sehen. Ich will diesen Einwand mal dahingestellt sein lassen. Denn es geht an dieser Stelle primär darum, die Kriterien, die die Autoren aufgestellt haben, vorzustellen. Die Parallelität zur Konzeption in der Dienstleistungspsychologie offenbart sich lediglich sekundär und ist meine Interpretation.
Fazit
Das Verdikt der Autoren ist eindeutig: Eigenständiges KI-Coaching erfüllt keines der aufgeführten Kriterien. Ergo sollte man es auch nicht als Coaching bezeichnen. Damit wollen sie jedoch nicht ausschließen, dass GenKI nützlich sein könne. Sie benennen diese Nutzungsformen jedoch als KI-gestützte Selbstvorbereitung (Recherche von Informationen, Problemerkennung und Zielsetzung) und Selbstbeobachtung (individuelles Training). GenKI wird nur als Assistent betrachtet, nicht als gleichwertiger Dialogpartner. Begründet wird das insbesondere damit, dass Coaches die Probleme hinter den Problemen aufdecken könnten, GenKI an dieser Aufgabe jedoch scheitere.
Im ersten Beitrag der Autorin (Why Coaching Needs Real Intelligence, Not Artificial Intelligence) werden noch weitere wichtige Aspekte genannt, die das gezeichnete Bild abrunden können. So verweist sie auf die Rolle des Körpers, die Bedeutung und den Dialog in der menschlichen Intelligenz. Die Beschäftigung mit dem Embodiment-Ansatz, dass also nicht bloß ein Gehirn denkt, sondern der ganze Körper, und dass Kognitionen und Emotionen zwei Seiten einer Medaille sind (Embodiment: Ganz von dieser Welt), lassen GenKI in der Tat als „Blechbüchse“ oder als „stochastischen Papagei“ erscheinen. Der Körper, so Bachkirova, ermöglicht durch Bewegung und die Interaktion mit Wahrnehmungsobjekten einen optimalen Bezug („grip“) zur Realität. Doch GenKI ist körperlos. Mit der ganzen Palette an Sinneswahrnehmungen, die einem „richtigen“ Menschen zur Verfügung stehen, kann sie nichts anfangen. Sie verarbeitet bloß Texte, verbale Sprache, ist also reduktionistisch.
„Bei KI geht es nicht darum, irgendeine Form biologischer Intelligenz zu reproduzieren; es geht darum, ohne sie auszukommen.“ Man sollte das nun nicht als schöngeistiges Philosophieren abtun. Die Autorin lebt nicht im Wolkenkuckucksheim. Sie verweist auf existentielle Dinge. Darauf, dass KI Probleme löst, ohne schwierige axiologische Probleme zu klären. Sie umgeht Fragen zu Bedeutung, Relevanz, Verständnis, Wahrheit, Intelligenz, Einsicht usw. schamlos. Sie ist eine Black Box, eine „außerirdische Intelligenz“. Ihr fehlt Subjektivität, Würde, Sehnsucht. Diese Defizite, so die Autoren, sind prinzipiell, sie lassen sich auch in Zukunft nicht beheben.
Wir sollten uns nicht dazu verleiten lassen, KI als armseligen Ersatz für die Dinge zu akzeptieren, die im menschlichen Bereich wirklich zählen. Insofern können wir auch dankbar für den KI-Hype sein. Er kann uns dazu anregen, ernsthaft darüber nachzudenken, wer wir sind, wer wir sein könnten und wer wir werden möchten.
